Pendlergeschichten: Ich glaub‘, das Kind heißt Ikea

Die vier Damen, die am Freitag zusammen mit mir in der Stadtbahn saßen, beschallten mit ihren Gesprächen den ganzen Waggon. Erst saßen sie recht weit auseinander und brüllten über die Sitzbänke hinweg. Als dann am Hauptbahnhof einige Leute ausstiegen, arrangierten sie sich neu und belegten mit ihren kleinen Kindern zwei Vierersitze.

Alles wunderbar soweit. Die Gruppe fährt wohl nicht oft mit der Bahn. Die Kinder (im Kindergartenalter und drunter) fanden das aufregend, juchzten und kreischten und kommentierten eifrig alles, was sie beim Vorbeifahren draußen sehen konnten. Ich fand diese Begeisterung nett.

Von Müttern zugetextet


Die Mütter und Großmütter indes versuchten, ihre Unterhaltung fortzusetzen, indem sie das fröhliche Geschrei ihres mitgeführten Nachwuchses übertönten. Es waren aber keine RTL-Talkshow-Mütter, sondern eher die Fraktion „Bio-Supermarkt, Volkshochschule und Kirchentag“.

Und so erfuhr selbst der desinteressierteste Fahrgast, wann genau Nike und Ricarda ihre Zähne bekommen und was Hinz und Kunz dazu gemeint hatten. Auch mit Anekdoten aus Kindermund wurden wir geflutet. Ich hab mir aber keine einzige gemerkt. Wenn sie gut gewesen wäre, hätte ich euch hier ein paar erzählt.

Die Damen hatten schon zeitig angekündigt, bis zur Endhaltestelle fahren zu wollen. Das musste ich leider auch. Aber eine halbe Stunde kann man es schon aushalten, mit fremder Menschen langweiligen Privatangelegenheiten zugedröhnt zu werden. Ich sage in solchen Fällen nie was. Die Leut‘ sind erwachsen und ihre Erziehung ist abgeschlossen. Mit welchem Ergebnis auch immer.

Wie heißt das Kind?


Fast wäre ich meinem Vorsatz der unbedingten Nichteinmischung untreu geworden und hätte kichernd gefragt: „Wie heißt die Kleinste? Ikea? Das ist nicht Ihr Ernst!

Ich schwöre bei allen bekannten und unbekannten Gottheiten: „Ikea“ ist genau das, was ich verstanden habe! Das ist ein Vorname? Echt jetzt? Wie kriegt man den Markennamen eines Möbelhauses auf dem Standesamt zugelassen?

Es kann aber auch an unserem Dialekt liegen, dass es bei denen immer wie Ikea klang. In den südlichen Provinzen unseres Landes stellt man ja dem Eigennamen einen Artikel voran, wenn man über eine Person spricht. „Der Heinz ist im Stall.“ – „Die Bärbel studiert BWL.“

Bei Namen, die mit einem Vokal beginnen, wird der Artikel vorne verschluckt und verschliffen: „D‘ Inge war in Thailand.“ Und so hörte ich: „D‘ Ikea macht dem Sören alles nach.“ – „D‘ Ikea hat heut keinen Mittagsschlaf gehabt.“

Vogel oder Möbelhaus


Vielleicht doch gut, dass ich nicht nachgefragt habe. Möglicherweise hieß das Kind ja Kea. Bis vor ein paar Jahren dachte ich, das sei ein rabiater neuseeländischer Vogel, aber es ist anscheinend auch ein friesischer Vorname. Hier im Schwäbischen wirkt er aufgrund des Dialekts ein bisschen fehl am Platz:
„Die Kea macht dem Sören alles nach.“
Das klingt genauso wie die Ikea-Version.

Das arme Kind!
Eine Sprechprobe vor der Kinderbenamsung wäre hier sicher nicht verkehrt gewesen.

Foto: (c) Karin Schumann / pixelio.de

Foto: (c) Karin Schumann / www.pixelio.de

3 Kommentare

  1. You made my day🤣,
    Aus anfählichem Schmunzeln wurde ein grinsekatzebreites Lachen.
    Zu schön, wenn frau über Lesen von Blogbeiträgen und Kommentieren auf neue Bloggerinnen trifft. Jetzt suche ich nur ganz verzweifelt den Folgebutton hier auf der Ipad ersion oder muss ich den Laptop anschmeissen, denn auf deiner Seite möchte ich zu gern weiter stöbern.

    Vorerst herzliche Grüsse aus der Mitte Deutschlands

    Dagmar

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