Ulrike Renk: Das Fest der kleinen Wunder (Weihnachts-Sonderband zur Ostpreußen-Saga)

Ulrike Renk: Das Fest der kleinen Wunder (Weihnachts-Sonderband zur Ostpreußen-Saga), Berlin 2018, Rütten & Loening/Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-352-00915-0, Hardcover mit Lesebändchen, 227 Seiten, Format: 11,8 x 1,9 x 19,5 cm, Buch: EUR 12,00 (D), EUR 12,40 (A), Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Rütten & Loening/Aufbau-Verlag

Weihnachten auf Gut Fennhusen in Ostpreußen … Nanu, Band vier von Ulrike Renks Ostpreußen-Trilogie? So kündigt Amazon das Buch zumindest an. Aber wie geht denn das? Eine Trilogie heißt doch deshalb Trilogie, weil sie aus drei Bänden besteht. Wo kommt jetzt auf einmal der vierte Band her? Die Geschichte von Baronin Frederike „Freddy“ zu Mansfeld, verwitwete von Stieglitz, geborene von Weidenfels war mit Band drei, DIE ZEIT DER KRANICHE, doch fertig erzählt! Geht die Story jetzt trotzdem weiter?

Keine Fortsetzung der Ostpreußen-Saga


Nein, das ist keine Fortsetzung im klassischen Sinne. Der vorliegende Roman ist eher Band 1a als Band 4. Die Geschichte spielt 1925, gehört also zeitlich in Band 1, DAS LIED DER STÖRCHE. Er erzählt bislang unveröffentlichte Episoden rund um das Weihnachtsfest. Das sind quasi die apokryphen Schriften der Ostpreußen-Saga. 😉

Es ist keine zwingende Voraussetzung, die Reihe zu kennen, um der Handlung folgen zu können, weil es sich bei den „kleinen Wundern“ um abgeschlossene Begebenheiten handelt. Es wäre aber hilfreich, weil einen sonst womöglich die Personenfülle trotz des hilfreichen Personenverzeichnisses überfordert.

Winter 1925: Frederike von Weidenfels ist 16 Jahre alt. Im kommenden Frühjahr wird sie Gut Fennhusen verlassen und die höhere Töchterschule in Bad Godesberg besuchen. Zuhause geht alles seinen Gang: Stiefvater Erik kümmert sich um das Gut, Mutter Stefanie organisiert mit Hilfe des Personals den Haushalt, Frederike und ihre Halbgeschwister werden von der Hauslehrerin Fräulein Hansen unterrichtet und Köchin Meta Schneider bekocht alle.

Eine heimliche Spritztour mit der DKW


Frederike und ihre Geschwister werden streng erzogen und sind sehr pflichtbewusst. Nur der vierzehnjährige Fritz aus Stefanies zweiter Ehe hat ziemlich viel Unsinn im Sinn. Er ist viel lieber im Pferdestall als im Schulunterricht. Und am allerliebsten schraubt er unter Anleitung des Chauffeurs am Auto herum. Technik fasziniert ihn. Kein Wunder, dass sein Kumpel Dawid und er nicht die Finger von der DKW des Melkers Bolek Koslowski lassen können. Der „Ar***wärmer“, ein Fahrrad mit Hilfsmotor, begeistert die jungen Burschen. So ein Ding würde ihnen auch gefallen! Doch wenn man schon eine Spritztour mit einem Fahrzeug unternimmt, das einem nicht gehört, sollte man wenigstens lenken können. Und bremsen am besten auch.

„Das kleine Wunder“ hat die Herstellerfirma DKW das Fahrzeug genannt. Wenn Fritz es zu Schrott gefahren hat, werden sein Kumpel und er ihr blaues Wunder erleben!

Was wird aus der bockigen Stute Caramell?


Ein etwas größeres Wunder benötigt Frederike, wenn ihr Weihnachtswunsch in Erfüllung gehen soll. Sie möchte, dass die Stute Caramell auf dem Gut bleibt und nicht an die rabiate Reiterin Katharina von Olchnewitz verkauft wird.

Ja, es stimmt schon: Stefanie von Fennhusen, der die Stute gehört, hat aufgrund ihrer zahlreichen Verpflichtungen kaum mehr Zeit, das Pferd zu reiten. Und das Tier muss bewegt werden. Doch niemand von der Familie wird mit dem charaktervollen Tier fertig. Nicht, dass sie es nicht versucht hätten! Der mutige Fritz landet genauso im Dreck wie der erfahrene Reiter Erik. Stallknecht Tomasz traut sich nicht mal mehr in die Nähe des „Teufelspferds“. Der einzige Mensch, der überhaupt noch wagt, sich mit Caramell abzugeben, ist Frederike. Sie hängt an dem Pferd. Es stammt noch aus der Zucht ihres leiblichen Vaters und ist somit ihr letztes Bindeglied an die Familie von Weidenfels.

Ganz sicher würde es sich lohnen, herauszufinden, warum Caramell immer launischer und unverträglicher wird. Sie war doch früher nicht so! Doch was immer Frederike sagt oder tut: Die Erwachsenen kümmern sich nicht darum und machen, was sie wollen. Sie kommen sich so viel klüger vor als die Sechzehnjährige. Doch manchmal wäre es tatsächlich besser, man würde das Denken den Pferden überlassen …

Als Weihnachtsgeschenk für jemanden, der die Ostpreußen-Trilogie mit Vergnügen gelesen hat und bedauert, dass sie zu Ende ist, ist dieser stimmungsvolle Roman sicher gut geeignet. Man kann sich das Buch natürlich auch selber schenken. Vielleicht findet auch der eine oder andere Quereinsteiger, der das Buch wegen der berührenden Pferdegeschichte liest, auf diese Weise den Weg zur Ostpreußen-Saga.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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