Ann-Kristin Vinterberg: Schneefrau küsst Schneemann. Kurzroman

Ann-Kristin Vinterberg: Schneefrau küsst Schneemann. Kurzroman, Norderstedt 2018, BoD, 978-3-74812824-3, Softcover, 173 Seiten, Format: 12 x 19 x 1,2 cm, Buch: EUR 7,99, Kindle: EUR 1,99.

Abbildung: (c) BoD/Vinterberg

In einem Anfall von Galgenhumor sieht die rothaarige Konditorin Liv Kirkegaard in ihrer Situation Parallelen zur Gottesmutter Maria: schwanger, auf der Flucht und kurz vor Weihnachten verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft. Nur dass Maria nicht im verschneiten dänischen Kattegatt ihren Renault in den Graben gesetzt hat. Und allein war sie auch nicht. Sie hatte Josef an ihrer Seite – Liv dagegen hat Hals über Kopf ihren Partner Martin verlassen.

Ob dieser Martin eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat oder nur ein handelsübliches A***l*ch ist, ist schwer zu sagen. Jedenfalls scheint es ihm gut zu tun, seine Partnerin niederzumachen und systematisch ihr Selbstwertgefühl zu zerstören. Als er auch noch handgreiflich wird, hat Liv die Nase voll. Sie packt ein paar Sachen zusammen und macht sich klammheimlich aus dem Staub.

Allein im Schneesturm und das Auto ist hin


Jetzt ist ihr Auto hinüber und sie steht mutterseelenallein in einem Schneesturm irgendwo am Ende der Welt. Bei Ochs und Esel in einem Stall muss sie zum Glück nicht unterkriechen. Der Tierarzt Rune Madsen liest die misstrauische Gestrandete auf und überlässt ihr sein Gästezimmer.

Zwischen den beiden besteht fast augenblicklich eine starke Anziehung. Dabei ist das Letze, was sie derzeit wollen, eine neue Partnerschaft. Liv ist ja erst seit ein paar Stunden von ihrem bisherigen Partner getrennt. Bei Rune ist es schon länger her, dass er Frau und Sohn verloren hat, aber er ist einfach noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Das Risiko eines erneuten Verlustes wagt er nicht einzugehen. Wenn man keine Beziehung hat, kann man auch niemanden verlieren.

Zwar lebt der Tierarzt, abgesehen von Hund, Katze und Pferden, allein, aber er hat eine große, kommunikative Geschwisterschar samt Anhang und eine liebevolle Mutter. Und denen kann er nicht vormachen, dass ihm sein derzeitiger Hausgast gleichgültig ist. Sie freuen sich, dass er wieder jemanden hat, an dem sein Herz hängt und können es gar nicht erwarten, Liv endlich kennen zu lernen. Runes jüngste Schwester würde ihr sogar einen Job und eine Wohnung besorgen – falls ihr das Ganze zu schnell gehen sollte und sie nicht gleich bei Rune einziehen will.

Runes Familie hat Liv schon fest verplant


Die Familie Madsen hat Liv also schon fest verplant. Am Geburtstag der Mutter soll sie den ganzen Clan kennenlernen. Doch wirklich sicher, dass sie sich schon wieder auf eine Beziehung einlassen können, sind weder Liv noch Rune. Das nutzt Nachbarin Dina, die selbst Interesse an dem attraktiven Tierarzt hat, schamlos aus. Sie sie erzählt der verunsicherten Liv hanebüchene Lügengeschichten über ihre Beziehung zu ihm, über ihn selbst und seine Familie.

Als lebenserfahrene Leserin durchschaut man die nachbarliche Giftspritze schnell und würde ihr an dieser Stelle ohne Spielraum für Interpretationen raten, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, zu denen Rune und sein Privatleben definitiv nicht gehören. Aber Liv ist aus verschiedenen Gründen derzeit in einem emotionalen Ausnahmezustand. Und ihr Ex hat ja auch nach Kräften dafür gesorgt, dass sie ihrem eigenen Urteil nicht mehr traut.

Liv glaubt den Lügen der Nachbarin


Liv glaubt also der verlogenen Nachbarin und beschließt, noch vor der Familienfeier der Madsens heimlich zu verschwinden. Das erweist sich als großer Fehler, der dramatische Folgen hat …

SCHNEEFRAU KÜSST SCHNEEMANN hat alles, was ein Weihnachtsroman braucht: sympathische Hauptfiguren, eine romantische Handlung und eine gemeine Zicke von Antagonistin, die der Story Spannung verleiht. Und einen schönen Schluss gibt’s auch. Das ist bei Liebesromanen genretypisch und fällt deshalb meines Erachtens nicht unter die Rubrik „Spoiler“.

Und weil im Roman so ausgiebig gebacken, gekocht und gegessen wird, befinden sich im Anhang noch ein gutes Dutzend traditioneller dänischer Weihnachtsrezepte.

Der Roman ist ein Teil einer Reihe


Der Roman ist Teil einer Reihe, und bei der Szene, in der Liv sich das Familienporträt der Madsens erklären lässt, ahnt man, welches Konzept die Autorin verfolgt: Jeder von Runes Angehörigen liefert Stoff für eigene Geschichten. Da ist die Mutter, eine ehemalige Ballerina, die für die Ehe Kunst und Karriere aufgegeben hat und dann plötzlich als junge Witwe mit fünf Kindern dastand. Auch die Schwestern führen ein interessantes Leben: Helene ist Reisejournalistin und dauernd unterwegs. Anscheinend war sie mal mit einem israelischen Kollegen liiert, aber aus den Hochzeitsplänen ist nichts geworden. Rune hat da so etwas angedeutet. Klara, die jüngere Schwester, hat sich geweigert, mit ihrem Verlobten nach New York zu ziehen. Er ging allein und sie hadert mit ihrer Entscheidung. Das wären doch alles erzählenswerte Geschichten. Und wer weiß, was die angeheirateten Verwandten diesbezüglich zu bieten haben!

Von den Madsens werden wir sicher noch einiges „hören“. Und ich stelle mir das recht unterhaltsam vor.

Die Autorin
Unter dem Pseudonym Ann-Kristin Vinterberg schreibt Eva Maria Nielsen Liebesromane, die an Schauplätzen spielen, die sie gut kennt, zum Beispiel im wunderbar quirligen Kopenhagen oder im romantischen Kattegat im Norden Seelands. Sie ist überzeugt davon, dass Liebe die Welt verändern kann und auch die Menschen. Und sie ist sicher, dass es immer die Möglichkeit gibt zu einem neuen Anfang. Dafür sorgt das Leben. Das ist für manche Überraschung gut.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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