Hannelore Hippe: Die verlorenen Töchter. Roman

Hannelore Hippe: Die verlorenen Töchter. Roman, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26205-7, Klappenbroschur, 218 Seiten, Format: 13,4 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A), Kindle: EUR 12,99.

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Ich meine, warum denkst du, hat dir jemand als Kleinkind in der DDR deinen Namen weggenommen? So war es doch, wenn ich dich richtig verstanden habe, oder?“
Kathrin nickte heftig.
„Das ergibt doch nur Sinn, wenn jemand etwas davon hat. Oder?“
(Seite 177/178)

Inspiriert wurde der Roman von einem realen mysteriösen Todesfall, der sich im November 1970 im norwegischen Isdal (= Eistal) in der Nähe von Bergen ereignet hat. Spaziergänger finden im Wald die halb verbrannte Leiche einer Frau. Mord oder Suizid? Die Todesumstände der Frau sind bis heute ungeklärt, ihre Identität ebenso.

Die mysteriöse Tote vom Isdal


Nach Zeugenaussagen war sie eine elegant gekleidete Ausländerin. Im Zuge der Ermittlungen fand die Polizei ihre Koffer in der Gepäckaufbewahrungsstelle am Bahnhof Bergen. Der Inhalt: Kosmetik, Perücken, Notizen in einer Geheimschrift und Bargeld in verschiedenen Währungen. Anscheinend war die Frau durch ganz Europa gereist und hatte dabei mindestens neun Pseudonyme benutzt und mehrere gefälschte Pässe. War sie eine Spionin aus dem Ostblock? Bis heute wird über die Isdal-Frau wild spekuliert. Man kann das im Internet nachlesen.

Mit diesem grausigen Leichenfund beginnt auch der Roman.

Ich hatte erwartet, dass nun eine Spurensuche einsetzt, die uns eine fiktive aber plausible Aufklärung dieses 50 Jahre alten Falles liefert. Auf eine Art geschieht das auch, aber DIE VERLORENEN TÖCHTER ist kein Krimi. Hier geht es nicht um Wissenschaft und Forensik, sondern um ein Familiendrama. Einfache Leute werden für politische Interessen missbraucht und verlieren dabei ihre Familien, ihre Heimat, ihre Identität und manche auch ihr Leben.

Norwegerin Åse liebt einen deutschen Soldaten


Ein Zeitsprung führt uns zurück in die 1940er-Jahre. 1942 zieht das Bauernmädchen Åse Evensen von dem entlegenen Hof ihrer Familie in das Provinzhauptstädtchen Tromsø um dort als Wäscherin zu arbeiten. Trotz aller Warnungen freundet sie sich mit dem deutschen Soldaten Kurt Thalbach aus Dresden an. Die beiden werden ein Paar, betrachten sich als verlobt und schmieden Zukunftspläne für die Zeit nach dem Krieg. Doch daraus wird nichts. Kurt kommt an die Ostfront, Åse als „Deutschenflittchen“ ins Straflager und die gemeinsame Tochter ins Kinderheim.

Die Soldatenkinder werden aus Norwegen nach Deutschland gebracht. So auch Åses Tochter Katrine. Im Kinderheim in Gohlis/Dresden erhält sie, genau wie die anderen Kinder norwegischer Mütter, die dort landen, einen neuen Namen und eine neue Geburtsurkunde. Aus Katrine Evensen aus Tromsø wird Kathrin Lehnhaber aus der Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Freundin Margarethe Solberg aus Bergen machen sie zu Margarete Döring. Welchen Zweck diese Aktion hat, werden wir noch sehen.

Die Kinder sind zu klein, um ihre wahren Namen zu kennen, und so bleibt dieser Schwindel über Jahrzehnte hinweg unentdeckt.

Erst 1947 kann Åse nach Deutschland reisen um Kurt und Katrine zu suchen. Sie findet aus nachvollziehbaren Gründen keinen von beiden und kehrt deprimiert nach Norwegen zurück.

1970: Kathrin entdeckt, wer sie wirklich ist


In den Fünfzigerjahren verschlägt es Kathrin mit ihren Adoptiveltern, den Eheleuten Frönchen, nach Frankfurt am Main. Erst 1970, nachdem auch Margarethe Döring die Flucht in den Westen gelungen ist, sehen sich die beiden Jugendfreundinnen wieder. Margarethe hat inzwischen einiges über ihre Herkunft herausgefunden. Jetzt erfährt auch Kathrin, wer ihre leiblichen Eltern sind und dass man ihr im Heim, warum auch immer, eine neue Identität verpasst hat.

Im Herbst 1970 beschließt Kathrin, nach Norwegen zu reisen und ihre leibliche Mutter zu (be)suchen. Um ihre Adoptivmutter nicht zu verletzen, verschweigt sie ihr das wahre Ziel ihrer Reise. Gudrun Frönchen wähnt die Tochter in Indien.

Der Empfang in Norwegen ist, pardon, eisig. Die Oma, also Åses Mutter Ragnhild, wäre ja halbwegs zugänglich, aber der Rest der Sippe will offenbar nichts mit dem Kind der Schande zu tun haben.

Ein Familientreffen, das nicht stattfinden darf


Und noch jemand hat etwas dagegen, dass Katrine Evensen aus der Versenkung auftaucht und Kontakt mit ihrer norwegischen Verwandtschaft aufnimmt. Man hat ihr ja nicht ohne Grund vor 25 Jahren die Identität geraubt …

Wie wahrscheinlich die Story ist und wie gut sie als Erklärung für das Schicksal der Isdal-Frau taugt, kann ich nicht beurteilen. Dazu weiß ich zu wenig über den realen Fall und die politischen Hintergründe. Als Geschichte funktioniert die Idee auf jeden Fall. Es klingt in sich schlüssig.

Wenn wir hier auf 214 Seiten durch 50 Jahre, drei Länder, das Schicksal mehrerer Familien sowie durch ein komplexes Intrigenkonstrukt hasten, bleibt für die Personenzeichnung nicht mehr so wahnsinnig viel Raum. Über Åse und ihre Tochter könnte ich nur sagen, dass sie einsam und auf der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit sind. Und ein bisschen sehr optimistisch, wenn nicht gar naiv, sind sie auch. Åses griesgrämiger Bruder Asbjørn scheint mit Veränderungen generell überfordert zu sein. Von dem Moment an, als seine Schwester den Hof verlässt um nach Tromsø zu ziehen, gerät für ihn alles außer Kontrolle. Seine Versuche, Åse zu beschützen – oder vielleicht auch nur das Familienleben, wie er es kennt, zu erhalten – machen alles nur noch schlimmer.

Irritierende Ich-Erzählerin


Was mich irritiert hat, war die Ich-Erzählerin, die diese familiäre Spurensuche unternimmt. Ihre Passagen sind, typographisch abgesetzt, zwischen die chronologisch erzählte Geschichte der Familie Evensen gestreut. Wäre nett gewesen, wenn sich diese Person einmal vorgestellt hätte. 😉 Aber ihr Job ist es anscheinend, den Leser in die Irre zu führen. Wer erzählt hier? Kathrin? Ihre Tochter? Eine Nichte? Nichts davon passt so richtig. Wenn die Verwandtschaftsbezeichnungen zu stimmen scheinen, klemmt es bei den Jahreszahlen. Und als ich mich schließlich auf eine Person eingeschossen hatte, kam Asbjørn Evensen mit einer völlig verqueren Aussage über die Verwandtschaftsverhältnisse daher (Seite 182) und meine Theorie platzte wie eine Seifenblase.

Irgendwann war ich vor lauter Großmüttern, Müttern, Töchtern, Adoptiv-Verwandten, Halbschwestern und falschen Identitäten völlig kirre und schlitterte recht haltlos durch die Geschichte. Wer trifft sich mit Åse in Bergen? Das ist nicht Kathrin, oder? Die redet anders. Und „die blonde Frau“, mit der die Deutsche im Café über ihre Familiengeschichte spricht, ist womöglich gar nicht Inger. Die hätte in dieser Situation sicher ganz andere Fragen gestellt.

Auf die allermeisten Fragen gibt’s am Schluss eine befriedigende Antwort und im Rückblick fallen die Puzzleteilchen an ihren Platz. Unterwegs war’s aber schon mühsam, immer wieder die komplizierten Familienverhältnisse auseinanderklamüsern zu müssen. „Moment … von welcher Großmutter reden wir hier? Åse oder Ragnhild? Demnach sind das hier (Adoptiv-)Tochter, Enkelin, (Halb-)Schwester, Tante, Nichte …

Spannend trotz vorsätzlicher Verwirrung


Ich habe kein Problem mit weit verzweigten Stammbäumen, ich lese ja auch historische Romane. Aber hier fühlte ich mich vorsätzlich verwirrt, und das kann ich nicht so besonders leiden. Spannend war’s trotzdem.

Jetzt wäre es toll, wenn man mit modernen wissenschaftlichen Methoden in der Lage wäre, die „echte“ Isdal-Tote endlich zu identifizieren und aufzuklären, was ihr damals zugestoßen ist. Vielleicht liegt Hannelore Hippe mit ihrer Theorie gar nicht so weit weg von der Realität. Das Leben schreibt ja manchmal erstaunlich wilde Geschichten.

Die Autorin
Hannelore Hippe ist freie Autorin und Journalistin und arbeitet hauptsächlich für den Hörfunk. Neben zahlreichen Radio-Features schreibt sie Hörspiele, Romane und Kurzgeschichten. Unter dem Pseudonym Hannah O’Brien veröffentlicht sie bei dtv ihre erfolgreiche irische Krimi-Reihe um die Ermittlerin Grace O’Malley. Hannelore Hippe lebt in Köln und an der Mosel.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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