Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag. Kriminalroman

Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag. Kriminalroman, Meßkirch 2019, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2382-6, Klappenbroschur, 312 Seiten, Format: 13,4 x 3 x 21,3 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) Gmeiner Verlag

Nach dem Abitur hat Milka Mayr, Mitte 30, aus dem hohenlohischen Bühlerzell nicht so recht gewusst, was sie mit ihrem Leben anfangen soll und ist in der elterlichen Landwirtschaft hängengeblieben. Dort kümmert sie sich ums Milchvieh und die Buchhaltung, auch wenn sie sich damit unterfordert fühlt. Längst verlässt man sich im Familienbetrieb auf sie und ihre Arbeitskraft und Milka ahnt, dass sie aus dieser Nummer wohl nicht mehr herauskommen wird.

Zum Ausgleich restauriert sie einen alten VW-Käfer. Sie befasst sie sich auch viel mit Kunst. Ihr ehemaliger Schulkamerad Max Holl und dessen Lebensgefährtin Renate Beck sind beide vom Fach und kompetente Ansprechpartner. Und Milka interessiert sich sehr für die Arbeit des Kriminalkommissars Paul Eichert. Er ist ein Freund, mit dem sie intensiv flirtet. Doch bald erhält sie mehr Einblick in seine Tätigkeit als ihr lieb sein kann.

Tod eines Schulfreundes

Max Holl will Milka zu ihrem 35. Geburtstag mit einem Spontanbesuch überraschen und setzt sich in sein Ultraleicht-Flugzeug. Vor den Augen von Milkas Bruder Christoph stürzt er damit in den Tod. Paul Eichert und seine Kollegen von der Kripo, die Spurensicherung und die ExpertInnen von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sind sich einig: Es war ein tragischer Unglücksfall.

Milka glaubt das nicht. Zur selben Zeit wie Max ist nämlich dessen Lebensgefährtin verunglückt – mit dem Auto. Sie liegt im Krankenhaus. Was sie über den Unfallhergang erzählt,  stimmt jedoch nicht mit den Spuren auf dem Fahrzeugwrack überein, wie die autobegeisterte Milka schnell herausfindet. Und in der Nähe der Absturzstelle von Max’ Trike findet ein Freund der Familie ein paar Patronenhülsen, die nicht von einem herkömmlichen Jagdgewehr stammen. Das kann kein Zufall sein! Es sieht vielmehr so aus, als hätte jemand dem Paar nach dem Leben getrachtet! Aber warum?

Landwirtin Milka ermittelt

Wenn Paul sie lässt, ermittelt Milka an seiner Seite. Schließlich kennt sie die Einheimischen besser als er. Und wer, wenn nicht sie als gute Freundin von Max und Renate, könnte beurteilen, ob in deren verwüsteter Wohnung etwas fehlt? Und wenn Paul in einem Punkt nicht mit ihr konform geht, ermittelt Milka eben auf eigene Faust.

Bald laufen die Ermittlungen in zwei Richtungen:

  • Max Holls Brüder wollten den elterlichen den Hof verkaufen, doch Max war strikt dagegen. Hat ihn die Familie deswegen aus dem Weg geräumt? Oder war es einer der Kaufinteressenten, die, warum auch immer, wie wild hinter dem Anwesen her sind?
  • Liegt das Motiv vielleicht doch im Beruf des Paares? Der Kunstsachverständige Max hatte Ärger wegen eines angeblich gefälschten Gemäldes. War er Mittäter oder hat er sich mit Kunstfälschern angelegt? Renate gibt sich unwissend.

Mit Feuereifer dabei: Der Professor

Milka tut sich für ihre Nachforschungen mit einem von Max’ Bekannten zusammen, dem pensionierten Professor und Kunsthistoriker Lothar Ebert, der sehr glücklich darüber ist, dass sein Wissen und seine Hilfe gebraucht werden. Gemeinsam fühlen sie mit überaus kreativen Legenden den Kunsthändlern, Käufern und Verkäufern aus Max’ und Renates Umfeld auf den Zahn.

Der übereifrige Professor ist köstlich, ohne jemals albern zu wirken. Ob Kunstgeschichte, Ahnenforschung oder Archäologie – er weiß zu allem was und muss immer gebremst werden, damit er nicht alle Welt mit seinem profunden Detailwissen zutextet. Die wollen das gar nicht so genau wissen. Es geht ihnen nur darum, herauszufinden, wer hinter Max und Renate her war. Beziehungsweise immer noch ist. Um Haaresbreite entgeht die junge Frau nämlich einem weiteren Anschlag. Und auch die Mayrs werden bedroht. Offenbar haben sie jemanden nervös gemacht …

Viele Informationen. Sehr viele

Ein halbes Buch lang habe ich gebraucht, um mich an den mäandernden Schreibstil des Autors zu gewöhnen. Ich bin nicht die geduldigste Leserin auf diesem Planeten und kriege bei verschachtelten Nebensätzen, die keine nennenswerten Informationen liefern, schnell die Krise: „Vater Georg hatte frühzeitig, also unter Mitnahme aller erdenklichen Fördermittel, jede halbwegs brauchbare, nach Süden oder Westen orientierte Dachfläche mit Solaranlagen zugepflastert.“ (Seite 14) – „Milka, alles stehend und liegen lassend, stürzte zum Tor der Halle und rannte, um die Ecke kommend, ihrem keuchenden Bruder in die Arme.“ (Seite 15) Das ist mir zu umständlich. Ich will auch nicht wissen, dass jemand, der gerade ein wichtiges Beweismittel findet, seine gute Beobachtungsgabe der Tatsache verdankt, dass er als Kind immer mit der Mutter beim Pilze Sammeln war.

Für mich ist selbst die minutiöse Beschreibung von Kleidung, Make-up und kompletter Menüfolge verzichtbar, wenn das für die Szene nicht von zentraler Bedeutung ist. Ja, die eigensinnige Landwirtin ist eine verkappte Stadtpflanze und sehr modebewusst. Und ja, einem gutbürgerlichen Mahl ist sie nicht abgeneigt. Das haben wir verstanden, das muss man nicht ständig wiederholen. Und wenn das Team auf dem Weg ist, einen Verdächtigen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auszuhorchen, bin ich nicht an Abhandlungen über mittelalterliche Flurnamen, Ortsgeschichte oder architektonische Besonderheiten interessiert. Sonst immer gern, aber an diesen Stellen bremst das den Fortgang der Handlung. Dieses Infodumping ist nur dann charmant und authentisch, wenn es vom Professor kommt. Der kann nicht anders. Sobald er den Mund aufmacht, kommt eine Vorlesung raus. 😀

Raffinierter Fall, nervige Details

Der Fall ist raffiniert, weil es so viele offene Fragen gibt. Ging es um Kunst oder Immobilien? Auf welcher Seite des Gesetzes stand Max? Und was weiß Renate? Nur liest sich das ganze ein bisschen zäh, weil es eine verschwenderische Informationsfülle gibt, die die eigentliche Geschichte förmlich überwuchert. Natürlich muss ein Plot ausgeschmückt werden. Es fragt sich nur, wie sehr.

Ein bisschen war ich auch von der Heldin genervt. Ihr Mut, ihre Hartnäckigkeit und ihr Einfallsreichtum haben mir imponiert. Und ihre Sorge, sich in eine berufliche Sackgasse manövriert zu haben, kann ich verstehen. Aber streckenweise führt sie sich nicht wie eine blitzgescheite Mittdreißigerin auf, sondern wie ein verwöhntes kleines Kind: quengeln, schmeicheln, betteln, und wenn sie immer noch nicht ihren Willen kriegt, zornig mit dem Fuß aufstampfen. Und die überforderte Männerwelt gibt nach. Der adäquate Dialektausdruck fällt sogar an einer Stelle: Lällabebbl – älle!*

Ich bin wegen des originellen Buchtitels auf den Krimi aufmerksam geworden. In einem Interview mit dem Autor habe ich gelesen, dass der Titel tatsächlich als erstes da war. Als in einem Gespräch der Satz „Die Kuh kennt keinen Feiertag“ fiel, klang das so sehr nach einem Kriminalroman, dass Bernd Gunthers sogleich einen Fall und ein Ermittlerteam dazu erfand. Das war eine großartige Idee! Ein zweiter Fall für Milka Mayr und Paul Eichert ist, wie man hört, in Arbeit. Wenn er ein bisschen straffer erzählt werden würde als dieser, würde es mich freuen.

* Übersetzung: Lauter Weicheier

Der Autor

Bernd Gunthers ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte und promovierte er an der Universität Stuttgart. Beratungsprojekte führten ihn ins europäische Ausland, nach Afrika, in die USA und den Nahen Osten. Nach Stationen in Frankfurt und Hamburg lebt er seit 1998 im Hohenlohischen. Der Autor ist Verfasser von Fachbüchern und Publikationen in Zeitschriften und Tagespresse. Seine Leidenschaft fürs Schreiben und für kreative Ideen hat er jetzt auf Krimis übertragen. Und ja, er kann auch Hochdeutsch.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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