Jürgen Teipel: Mittagsschlaf mit Murmeltier. Erstaunliche Beziehungsgeschichten zwischen Tier und Mensch

Jürgen Teipel: Mittagsschlaf mit Murmeltier. Erstaunliche Beziehungsgeschichten zwischen Tier und Mensch, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26290-3, Klappenbroschur, 235 Seiten mit einigen Fotos, Format: 3,7 x 2,7 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle: EUR 14,99.

Abb.: (c) dtv

Beziehung zwischen Tier und Mensch

Oh, dachte ich, fein, da erzählt uns ein Autor Geschichten von Menschen und ihren Tieren! Ich hatte noch nie bewusst von Jürgen Teipel gehört, deshalb wusste ich auch nicht, dass er Journalist ist. Zumindest ein Teil der Beiträge in diesem Buch sind schon in der Tierkolumne „Halb so wild“ der Süddeutschen Zeitung erschienen. Es sind – natürlich bearbeitete – Gesprächsprotokolle. Im Vorwort des Buchs erklärt der uns Autor, was die Idee hinter dem Projekt war und wie er vorgegangen ist.

„Tiere bedeuten uns etwas. Sie sind eine grundlegendere Version von uns selbst. Ich fragte mich also: Wie können wir den Bezug zu [dem] wiederherstellen (…), was wir an Unschuld, an Spontaneität, an Körperlichkeit verloren haben? Und können uns Tiere bei dieser Wiederherstellung vielleicht sogar helfen? Diese Fragen wollte ich mir allerdings nicht vornehmlich auf intellektueller Ebene beantworten lassen (…). Ich wollte auch etwas übers Sehen, Hören, Riechen, Schmecken erfahren. Über Freude, Trauer und Wut. Und zwar ganz direkt. Aus der persönlichen Erfahrung der Menschen heraus. Dazu lag es natürlich erst mal nahe, meinen Bekanntenkreis abzuklappern.(….) Danach kamen noch viele weitere Begegnungen mit Menschen, die zu Tieren eine enge Beziehung aufgebaut hatten.“ (Seite 8/9)

Lebendige Gesprächsprotokolle

Ich gehe davon aus, dass er die Gespräche aufzeichnet und daraus die Beiträge kondensiert, denn das klingt alles sehr nach gesprochenem Wort. Die Berichte sind lebendig, authentisch und manchmal „hört“ man auch die Mundart des Erzählers durch. Besonders gut klappt das bei Gesprächspartnern aus dem bairischen Sprachraum. Der Autor selbst lebt am Ammersee, da hat er quasi ein Heimspiel.

Am Anfang war ich ein bisschen entsetzt, weil die Leute kein Blatt vor den Mund nehmen und manchmal ganz schön deftig daherreden. Ich bin eine Freundin deutlicher Worte, aber ich glaube, Kindern würde ich das Buch nicht in die Hand geben. So nett und putzig wie das Cover vermuten lässt, geht’s in den Geschichten nämlich nicht immer zu. 😀 Manches ist sogar ziemlich grausam. Aber so ist das Leben eben. 

27 außergewöhnliche Tiergeschichten

Auf jeden Fall bekommt man hier 27 Tiergeschichten zu lesen, die nicht alltäglich sind. Ja, natürlich geht’s auch mal um Hunde, aber es erzählt hier eben ein Schäfer aus der Schweiz, der seit über 30 Jahren im Geschäft ist, von den verschiedenen Schutz- und Hütehunden, mit denen er im Lauf der Zeit zusammengearbeitet hat. Er sieht sie als Arbeitskollegen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Stärken und Schwächen und er spricht mit großer Wertschätzung von ihnen.

Eine Älplerin (Bewirtschafterin einer Alm) berichtet von ihren eigenwilligen Ziegen und davon, was sie alles auf die Beine stellt, wenn eins der Tiere abgängig ist. Wir begegnen einem blinden Leitpferd, das mit seiner Behinderung erstaunlich gut klarkommt, einem Hund, der sich mit einem Delfin anfreundet, einem neunjährigen Mädchen, das einen Hahn zähmt, Hyänen, die für einen Artgenossen Totenwache halten und Hühnern, die Menschen therapieren. 

Sind Menschenaffen Leute?

Wir lernen Krähen kennen, die nicht nur Werkzeuge nutzen, sondern sogar selbst herstellen. Eine kulturelle Errungenschaft? – Wir treffen auf einen Straßenhund, der einem Tierschützer zu Hilfe kommt sowie auf einen Meeresschneckenforscher, der ein seltenes Exemplar eigentlich für die Forschung konservieren wollte. Doch dann kommt alles ganz anders … Und wir staunen. Ja, man kann tatsächlich auch eine Art Beziehung zu einer Meeresschnecke aufbauen. Dass der Tierpfleger im Zoo „seine“ Menschenaffen als Leute bezeichnet, wundert einen weniger.

Einer Meeresbiologin in Chile bringen Fischer einen ölverschmierten Humboldt-Pinguin. Es erweist sich als nicht so einfach, dem wehrhaften kleinen Kerl zu helfen. Er kapiert ja nicht, dass das, was sie macht, zum seinem Besten ist. Sie quartiert ihn im Labor ein und holt sich Rat. Maiskeimöl soll sie dem Pinguin verabreichen, rät ihr ein Zoodirektor am Telefon. Ja, gut. Aber das hat wahrlich „explosive“ Folgen. Zu den Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Abführmittels bewaffnen Sie sich bitte mit ausreichend Putzzeug und hoffen Sie auf die Gnade des Hausmeisters … 😀

Erfolg durch positive Bestärkung

Eine Biologin arbeitet mit einem hochaggressiven Rabenmädchen und ist nicht nur von dessen Intelligenz begeistert, sondern auch davon, was man durch positive Bestärkung alles erreichen kann. – Ein Ex-Polizist nimmt sich eines Uhus an, der nicht mehr ausgewildert werden kann, weil er vom Vorbesitzer zu stark auf den Menschen geprägt worden ist. Aber wie verträgt sich so ein Räuber mit seinen anderen Tieren? – Was macht eine Biologin, wenn das ZDF eine Kamera-Crew nach Kanada schickt, um die wilden Küstenwölfe zu filmen, die sie dort erforscht … und die Tiere sich einfach nicht blicken lassen? 

Wir erfahren von einem Rückepferd, das ohne seine „Kollegin“ nicht arbeiten will. Es ist hochinteressant zu sehen, wie sehr es bei dieser Tätigkeit auf Kommunikation zwischen Pferd und Mensch ankommt. Ich habe dann im Internet tatsächlich ein Video gefunden, auf dem man Jürgen Teipels Gesprächspartner mit einen seiner Pferde bei der Arbeit beobachten kann. Das ist eine der Auswirkungen dieses Buchs: Weil die Geschichten ja auf wahren Ereignissen beruhen, fängt man an, besonders interessante Protagonisten und Ereignisse im Internet zu suchen. 

Nicht alles nimmt ein gutes Ende

Nicht alle Geschichten gehen gut aus. Da muss ein Esel eingeschläfert werden, was in Mauretanien zu ungeahnten Verwicklungen führen kann. Auch die titelgebende Geschichte vom verwaisten „Murmele“, das von einer Hirtenfamilie auf der Schweizer Horneralp aufgezogen wird, endet traurig. Und die Biologen, die den Waldrapp wieder als Zugvogel ansiedeln wollen, haben ebenfalls Rückschläge zu verkraften. 

Hier wird das Leben in seiner ganzen Bandbreite abgebildet. Gewertet wird nicht. Die Leute erzählen einfach von ihren Erfahrungen. In ein paar Fällen bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie dem Autor nicht  zu viel aus ihrem Leben erzählt haben. Ich kam mir streckenweise ein bisschen voyeuristisch vor. Gar so genau wollt’ ich’s nicht wissen. Und manchmal wird’s stark esoterisch. Da sind schon Menschen mit sehr skurrilen Ansichten unterwegs. Aber das lassen wir jetzt einfach mal so stehen. Alle Teilnehmer*innen wurden nach ihren Erfahrungen und ihrer Beziehung zu Tieren befragt, und genau davon erzählen sie. Also passt das. 

Begnadete Erzähler*innen

Nicht alles hat mir gleich gut gefallen, aber das ist bei einer Sammlung von Beiträgen verschiedener Urheber*innen immer so. Aber man erfährt so manches, von dem man noch nie etwas gehört hat, und lernt vieles dazu. Unterhaltsam ist das ganze natürlich auch. Manche Leute sind begnadete Erzähler, und Jürgen Teipel wird durch seine Bearbeitung das Beste aus den Beiträgen herausgeholt haben.

Ein paar Beiträge sind bebildert. Im Anhang gibt’s zu jedem Gesprächspartner noch ein paar interessante Zusatzinformationen und so kann man sich, wenn einen ein Thema besonders interessiert, im Netz auf die Suche nach weiteren Informationen machen. 

Perfekt wär’s gewesen, wenn man irgendwo die Beitragstitel zusammen mit den Erzählernamen aufgelistet hätte. Wenn ich jetzt im Anhang die Infos über einen Gesprächspartner lese und den Titel seines Beitrags nicht mehr weiß, nutzt mir auch das Inhaltsverzeichnis wenig. Um den Text eines bestimmten Erzählers zu finden, muss ich das ganze Buch durchblättern.

Der Autor

Jürgen Teipel, geboren 1961, kam 1980 durch die Herausgabe einer Punk-Zeitschrift zum kreativen Schreiben. Das Zuhören lernte er als Journalist, vor allem für ›Frankfurter Rundschau‹, ›Spiegel‹, ›Rolling Stone‹ und die ›Weltwoche‹ aus Zürich – was 2001 zu ›Verschwende Deine Jugend‹ führte. Dieser Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave wurde zum Bestseller und Auslöser eines Punk-Revivals. Seitdem gibt er mit seinen Büchern den unterschiedlichsten Menschen eine Stimme; zuletzt in dem von der Presse gefeierten Tiergeschichtenband ›Unsere unbekannte Familie‹. Seine Webseite zu ›Mittagsschlaf mit Murmeltier‹: http://www.jteipel.com/index.html

Die Erzählerinnen und Erzähler

Walter„Walti“ Bayer • Rolf Beutler • Sabine Bruns • Paula Frei • Roland Gockel • Karin Hediger • Oliver Höner • Mechthild Knösel • Sabine Mayr • Karin Müller • Maria Anna Müller • René Nebas • Dorothea Ott • Gudrun Pflüger • Tom Putzgruber • Elisabeth Rietzler • Martina Schiestl • Michael Schrödl • Heide Schulz-Vogt • Elmar Stertenbrink • Christian Torp • Markus Unsöld • Ingrid Walser • Manfred Weindl

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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