Olaf Nägele: Schuld war nur der Casanova. Schwabenkrimi

Olaf Nägele: Schuld war nur der Casanova. Schwabenkrimi, Meßkirch 2023, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-0411-5, Softcover, 247 Seiten, Format: 12,5 x 2 x 20,2 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) Gmeiner Verlag

„Tut mir leid. […] Ich muss los. In Überlingen-Nußdorf ist eine Villa abgebrannt. Und so wie es aussieht, hat es eine Bewohnerin nicht überlebt. Mein Kollege ist schon vor Ort.“ 

(Seite 25)

Eigentlich wäre die Ravensburger Hauptkommissarin Yoselin Blaich, 35, mit ihren durchgeknallten Angehörigen voll ausgelastet. Statt dass diese ihre Angelegenheiten wie vernünftige Erwachsene selbst regeln, rufen sie wegen jedem Käs‘ bei der Kommissarin an. Selbst mitten in deren Ermittlungsarbeit. Da kennen die nix! 

Aber auch wenn Yoselins deutsche Mutter und ihre jamaikanische Großmutter ihr Leben nicht allein auf die Reihe kriegen: Die Aufklärung gewaltsamer Todesfälle hat Priorität! Und aktuell hat die Kripo einen Fall in Nußdorf-Überlingen. Eine Villa ist abgebrannt, und obwohl diese offiziell leer stand, liegt im Obergeschoss die verbrannte Leiche einer Frau.

Offenbar war die Villa übers Wochenende vermietet worden – an den Versicherungsangestellten Morten Nadler aus Ravensburg und an eine Escort-Dame, die er nur unter ihrem Künstlernamen „Lady Kira“ gekannt hat. Nadler war gerade außer Haus, um bestelltes Essen abzuholen, als ein Unbekannter Molotowcocktails durch die Terrassentür in die Villa geworfen hat. Der Täter ist natürlich inzwischen über alle Berge.

Wenn die Kripo wüsste, wem dieser Anschlag gegolten hat, hätte sie auch eine Chance, herauszufinden, wer es war. Aber da gibt es leider verschiedene Möglichkeiten:

  • Die abgebrannte Villa gehörte dem bekannten Stuttgarter Immobilienmakler Georg von Rechberg, der in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist. Feinde hat sich der Mann in seinem Berufsleben jede Menge gemacht.
  • Das Attentat könnte aber auch „Lady Kira“ gegolten haben. Die Escort-Dame hatte einen hitzköpfigen und eifersüchtigen Ehemann, der nicht damit einverstanden war, mit welcher Art von Arbeit sie die Familie ernährte. Dass er selbst nach seiner Entlassung beruflich nicht mehr Fuß fassen konnte, macht die Sache nicht besser.
  • Und Morten Nadler? Der ist auch nicht ganz koscher! Die Villa hat er unter falschem Namen gemietet. Und woher hat er eigentlich das Geld für so teure Extravaganzen? Bei der Versicherung ist er nur ein kleines Licht, und seine Behauptung, dass er eine Tante beerbt habe, hält einer Überprüfung nicht stand.


Es dauert eine Weile, bis Hauptkommissarin Blaich und ihre Kollegen Norman Sänger und „Konny“ Konietzny herausfinden, mit welchen dubiosen Mitteln sich der Versicherungsangestellte ein Zubrot verdient. Da könnte ein Motiv liegen. In dem Fall wäre Lady Kira „nur“ ein Kollateralschaden gewesen.

Während Hauptkommissarin Blaich in die krampfhafte Partnersuche ihrer Single-Mutter hineingezogen wird, den schamanischen Umtrieben ihrer jamaikanischen Oma Einhalt gebieten muss und die rechtlich nicht ganz sauberen Eskapaden ihrer überkandidelten Freund:innen ausbügeln soll, wird der Fall immer komplizierter. Alle, die in irgendeiner Form mit der Villa zu tun haben oder hatten, kennen einander. Was eigentlich gar nicht sein kann, weil sie in verschiedenen Kreisen verkehren.

Es tauchen rachsüchtige Betrugsopfer auf, verzweifelte Kleinkriminelle, rabiate Ehemänner sowie eine Selbsthilfegruppe, deren Treiben man vielleicht etwas genauer unter die Lupe nehmen sollte. Und eine politische Gruppierung, für die sich der Verfassungsschutz interessieren dürfte, mischt auch noch mit. 

Wir Leser:innen begleiten zwar den Täter bei seinem Tun und Denken, aber wir wissen nicht, wer es ist. Selbst nachdem man Morten Nadlers fieses Geschäftsmodell verstanden hat, bleibt die Lage unübersichtlich. Es sind hier einfach sehr viele moralisch fragwürde Gestalten unterwegs, von denen manche, bei Lichte betrachtet, irregeleitete arme Socken sind. 

Irgendwann kommt die Polizei dank beharrlicher Ermittlungsarbeit dahinter, was hier für ein perfides Spiel gespielt wird. Gut: Yoselin und ihre Leute sind in dem Fall schlauer als die kriminellen Elemente. Aber sind sie auch schneller? Hoffentlich! Denn die haben jetzt einen Zeugen in ihrer Gewalt …

Manchmal habe ich im Krimigeschehen ein bisschen den Überblick verloren, weil hier schon sehr viel los ist. Dann habe ich mich eben über Yoselins anstrengende Familie amüsiert. Die ist hier für die befreiende Komik zuständig. Gibt’s echt schamanische Rituale, die das Entlauben von Zimmerpflanzen erfordern? 😀 Also, Yoselins Nerven hätte ich nicht! Ich glaub‘, ich hätte diese kindische Bagage längst sitzen gelassen. Die sind wahrlich alt genug, ihren Sch**ß allein zu regeln, sie müssen nicht wegen jeder Kleinigkeit zur Kommissarin petzen gehen. Sie ist doch nicht ihre Mama!

Und wo, bitte, liegt das Problem, wenn die Kommissarin im Stress in breites Schwäbisch verfällt? Das passe angeblich nicht zu ihr. Warum? Weil sie eine schwarze Frau ist? (Wie sagt man „of mixed race“ auf Deutsch?) Das ist ja albern von den Leuten– und eine Form von gedankenlosem Alltagsrassismus. Und den kennt Yoselin nur zu gut.

Man muss sich nicht am Bodensee auskennen, um der Geschichte folgen zu können, aber es wäre zweckdienlich, den Dialekt zu verstehen. Wenn Yoselin so vor sich hin schimpft, kann man sich den Inhalt zusammenreimen, aber ihr Chef schwätzt ausschließlich Dialekt und seine Ausführungen sind handlungsrelevant. Ich find‘ das gut gemacht und lustig, aber ich versteh’s ja auch. 😊

Kollege Säger scheint nicht ganz der Langweiler zu sein, für den man ihn im ersten Moment hält. Für so einen faden, humorlosen Erbsenzähler hat er recht unerwartete Hobbys. Das könnte noch interessant werden. Wie’s ausschaut, wird das ja eine neue Serie. Wobei wir Yoselin Blaich nicht zum ersten Mal begegnen. Im Krimi GOETTLE UND DIE BLUTREITER (2021) hatte sie schon eine „Nebenrolle“.

Was die Kommissarin möglicherweise überdenken sollte ist die Art, wie sie mit ihrem jungen Mitarbeiter „Konny“ umgeht. Da ist sie schon recht übergriffig und offensichtlich mag er das nicht. Wären die Rollen vertauscht und ein Mann würde eine junge Kollegin so behandeln, würde alle Welt „Belästigung“ rufen, auch wenn gar nichts S*xuelles in Spiel ist. Sorry, ich finde das nicht witzig.

Wenn’s wirklich eine Fortsetzung gibt, schau ich mal rein. Ich hoffe, dass die Krimihandlung dann ein wenig übersichtlicher ist. Und natürlich will ich wissen, wie es mit Yoselin und ihrer Verwandtschaft weitergeht.

Olaf Nägele, 1963 in Esslingen geboren, hat nach langen Aufenthalten in München, Stuttgart und Hamburg den Weg in seine Heimatstadt zurückgefunden. Dort feilt der Kommunikationswirt (KAH) an PR- und Werbetexten, verfasst als Journalist Artikel für diverse Zeitungen und arbeitet als Redakteur bei der Landeshauptstadt Stuttgart. Der Spaß, Geschichten zu erzählen, hat ihm Beiträge in Anthologien eingebracht, Hörspiele für den SWR, Kurzgeschichten-Bände, Romane und Radio-Kolumnen für Neckaralb Live Reutlingen folgten. 

Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über diesen Link ein Produkt kauft.

Rezensentin: Edith Nebel 
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert