Sebastien de Castell: Charmcaster, Band 3 der Spellslinger-Reihe (englischsprachige Ausgabe!), ab 16 J., London 2018, Hot Key Books, ISBN 978-1-4714-0672-0, Softcover, 420 Seiten + Leseprobe des Folgebands, mit s/w-Illustrationen von Sam Hadley, Format: 12,9 x 2,5 x 19,8 cm, Buch: EUR 10,49, Kindle: EUR 5,57, auch als Hörbuch erhältlich.

Das ist wieder mal eine Buchreihe, die mir ans Herz gewachsen ist, von der aber nur zwei Bände ins Deutsche übersetzt wurden. Wer wissen will, wie die fantastische Heldenreise von Kellen, Reichis und Ferius Parfax weitergeht, wird auf Englisch weiterlesen müssen.
„Sometimes I think maybe I’m two different people. One of them is a whiny Jan’Tep boy, desperate for all the things he’d wished for as a child. […] But the other Kellen? He’s an outlaw – an outcast older than his years and sick to death of the unconscionable ways his people use their magic. (Seite 248)
Hätte der Magier-Clan der Jan’Tep dem jungen Kellen (inzwischen 17) nicht so übel mitgespielt und ihn seiner Zukunftschancen beraubt, wäre er wahrscheinlich kein Systemkritiker und Rebell geworden. Aber sie haben ihm schon als Kind mit Gewalt seine magischen Fähigkeiten genommen und ihn absichtlich mit der gefährlichen Schwarzschatten-Krankheit infiziert.
Kellen – auf der Flucht vor seinem Clan
Warum sie das getan haben, wird sich hoffentlich im Verlauf der sechsbändigen Reihe noch klären. Immerhin wissen wir inzwischen, dass Lord Ke’heops, Kellens Vater, erst dann zum König gekrönt werden kann, wenn sein Sohn tot ist. Doch der hat sich zum Glück rechtzeitig vom Acker gemacht und zieht seit nunmehr einem Jahr mit der Argosi-Frau Ferius Parfax und seinem Schutztier und „Geschäftspartner“, dem gerissenen Baumkater Reichis, durch die Lande.
Aufgabe der Argosi ist es, die Menschen vor den schrecklichen Dingen zu bewahren, die sich in der Welt ausbreiten, wenn keiner rechtzeitig einschreitet, wie z.B. Krieg, Unterdrückung und Völkermord. Kellen und Reichis begleiten Ferius dabei, weil sie selbst keinen Plan für ihr Leben haben – und weil sich die Erfahrung der Frau und die Tricks, die sie draufhat, schon mehrfach als lebensrettend erwiesen haben. Und Kellen kann jede Hilfe gebrauchen, weil er immer noch auf der Todesliste seines Clans steht.
Outlaws auf dem Weg nach Gitabria
Im Augenblick sind die drei Außenseiter unterwegs nach Cazaran, der Hauptstadt von Gitabria, um dort eine junge Frau von der Infektion mit einem Obsidian-Wurm zu heilen. Wer von diesem Parasiten befallen ist, wird zum willenlosen Werkzeug desjenigen, der den Wurm appliziert hat und mittels eines Obsidian-Armreifs wie mit einer Fernbedienung befehligt. Natürlich stecken die Jan’Tep dahinter, für die es nur Familie und Feinde gibt. Und die junge Frau ist kein Zufallsopfer …
Auf dem Weg treffen sie unter dramatischen Umständen auf alte Bekannte: Kellens Kindheitsfreundin Nephenia nebst ihrem Schutztier, der Hyäne Ishak. Auch Nephenia lebt inzwischen im Exil, verschweigt aber den Grund dafür. Verfolgt von einem geheimnisvollen maskierten Magier kann sich die kleine Reisegruppe in die Stadt retten.
Dreh- und Angelpunkt: Die Tochter der Erfinderin
Auch die Patientin mit dem Obsidian-Wurm kennt Kellen von früher, aus der Academy of the Seven Sands. Es ist Cressia aus dem Hause Ghassan, die Tochter der begnadeten Erfinderin und Konstrukteurin Janucha, einer der klügsten Köpfe des gesamten Kontinents.
Gerade macht Januchas neuestes Werk Furore: ein Vogel aus Metall, der sich wie ein lebendes Wesen verhält. Das bringt natürlich Leute auf den Plan, die in dieser Erfindung militärisches Potential sehen. Alle Welt ist auf einmal hinter dem Geheimnis des mechanischen Vogels her, auch wenn Janucha beteuert, er sei ein Zufallstreffer und kein wiederholbares Experiment. Daran gibt es berechtigte Zweifel, und auf einmal ergibt Cressias Wurm-Infektion Sinn: Man könnte sie zum Geheimnisverrat „fernsteuern“ und/oder ihre Mutter mit dem Leid der Tochter erpressen.
Wer steht auf wessen Seite?
Kellen findet es grauenvoll, dass jemand seine Studienkollegin derart missbraucht, und er ist wild entschlossen, den Verantwortlichen zu töten, wenn er ihn in die Finger kriegt. Doch als er erkennen muss, wer hier die Fäden zieht, ist dieser Vorsatz schnell dahin. Wie gesagt: Es stecken seine eigenen Leute dahinter, und da bestehen trotz allem noch ein paar alte Loyalitäten. Es ist auch nicht wirklich klar, wer auf wessen Seite steht. Wer will ihm helfen und wer will ihm ans Leder?
Es kommt zu ein paar handfesten Auseinandersetzungen mit Magiern und der örtlichen Geheimpolizei. Auch Kriegstreiber und Friedensbewahrer schenken einander nichts im Kampf um den mechanischen Vogel. Auch wenn Janucha dessen Geheimnis nicht kennt oder nicht herausrücken will: Die Gitabrianer sind ein Volk der Tüftler und Bastler; es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand hinter den Zauber kommt und einer massenweisen Waffenproduktion nichts mehr im Wege steht.
Eine gefährliche Abnormität
Für die Argosi ist das mechanische Getier eine gefährliche Abnormität, die unbedingt aus der Welt geschafft werden muss, und so ist es kein Wunder, dass Kellen und seine Freunde in der Stadt auf weitere Argosi treffen. Unter anderem auf ein älteres Paar, das uns verblüffende Einblicke in Ferius Parfax‘ Vergangenheit gibt.
Sie machen Kellen auch unmissverständlich klar, dass Ferius andere Aufgaben hat, als sein Leben zu schützen, und dass er sie nicht von dieser Bestimmung abhalten darf. Er wird seinen Weg künftig allein gehen müssen. – Oh! Doch darum wird er sich kümmern, wenn es so weit ist. Zunächst einmal müssen seine Freunde und er die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Gitabria überleben.
Wichtige Entscheidungen, flapsiger Ton
Wieder einmal gerät der arglose Kellen mitten in politische Intrigen ungeheuren Ausmaßes. Dabei will er doch nur in Ruhe sein Leben leben. Doch das Schicksal hat offenbar andere Pläne mit ihm. Ja, es geht hier um ernste Themen und wichtige Entscheidungen. Wie möchte ich leben und wie möchte ich mich grundsätzlich verhalten: anständig, mitfühlend und hilfsbereit oder egoistisch, rücksichtslos und brutal? Und was ist, wenn eine Situation ein abweichendes Handeln erfordert? Kriege ich das hin?
Dass die Geschichte trotzdem vergnüglich ist, liegt am flapsigen Umgangston der Reisegefährten, den dreisten Tricks, mit denen sie überlegene Gegner auszumanövrieren versuchen und an Figuren wie dem Baumkater Reichis, dem rabiaten vierbeinigen Kleinganoven. Gut, dass nur Kellen versteht, was er sagt, sonst kämen sie noch viel öfter in des Teufels Küche als ohnehin schon.
Eine wilde Heldenreise
Weil ich Spaß habe an den wilden Abenteuern der ungleichen Reisegruppe und weil ich wissen will, welche Rolle die höheren Mächte für Kellen vorgesehen haben, werde ich auch die folgenden 3 Bände lesen.
Over the ridge a dozen men and women came, about half armed with fire lances, and a few with spell-shields. […]
„You do have a plan, right?“ I asked Ferius.
She dropped to her knees and put her hands behind her head. „Nope:“
„Oh.“
Crap. (Seite 356)
Der Autor
Sebastien de Castell hatte gerade sein Archäologiestudium beendet, als er mit der ersten Ausgrabung begann. Vier Stunden später begriff er, wie sehr er Archäologie hasste und ließ sie kurzerhand hinter sich, um Musiker, Projektmanager, Kampf-Choreograf und Schauspieler zu werden. Auf die eine oder andere Weise spiegeln sich all seine beruflichen Tätigkeiten in seinem Schreiben wider. Sebastien de Castell wurde in Kanada geboren und lebt heute in den Niederlanden.
Die Reihe
Band 1: Spellslinger – Karten des Schicksals, dtv (OT: Spellslinger) * Band 2: Shadowblack – Karten des Schicksals, dtv (OT: Shadowblack) * Band 3: Charmcaster (englisch) * Band 4: Soulbinder (englisch) * Band 5: Queenslayer (englisch) * Band 6: Crownbreaker (englisch)
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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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