Beatrix Gerstberger: Hummerjahre. Roman, München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28595-7, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 345 Seiten, Format: 14,4 x 3,3 x 21,5 cm, Buch: EUR 23,00, Kindle: EUR 19,99, auch als Hörbuch erhältlich.

„Kennst du eigentlich schon Mr. Darcy?“, fragte [Ellis].
„Den berühmten blauen Hummer? Nein. […] Aber ich habe schon von ihm gehört.“
„[Ann wollte], dass wir alle von Mr. Darcy lernen.“
„Was genau?“
„Ein Hummer kann nur so alt werden, weil er sich regelmäßig häutet und seinen alten Panzer abwirft.
„Hast du deinen alten Panzer abgeworfen?“
„Ich bin gerade dabei.“ (Seite 260)
Neuanfang bei den Hummerfischern von Maine
Stone Harbor/Eagle Island, Maine, 2019: Die College-Professorin Ann Pretchett, die Ingenieurin Julie Cooper und die Familien Gray und Jones hat es zu verschiedenen Zeiten und aus den unterschiedlichsten Gründen zu den Hummerfischern nach Maine verschlagen. Sie haben einen Neuanfang gesucht, haben sich Heilung nach einem Schicksalsschlag erhofft, Entspannung, Liebe oder einfach nur ein Auskommen.
Ann und Julie haben ihre Träume schon vor Jahrzehnten begraben müssen, sind auf den Inseln hängengeblieben und gegen alle Widerstände Hummerfischerinnen geworden.
Ein schicksalhafter Tag im Sommer 1982
Die Familie Gray – der Anwalt Richard, seine Frau Judith und die Kinder Christopher und Mina – sind Jahr für Jahr als Feriengäste nach Eagle Island gekommen – bis zu einem tragischen Ereignis im Jahr 1982, über das niemand sprechen will.
Familie Jones betrachtet sich zwar als einheimisch, doch der belesene Hummerfischer Ellis (77) wusste schon als Kind, dass auch sie nichts weiter sind als Zuwanderer aus Irland. Die einzigen wahren Einheimischen waren die indigenen Penobscot. Aber das darf man auf den Inseln nicht laut sagen.
Die einzige aus der Familie Gray, die nach 1982 immer wieder nach Eagle Island gekommen ist, war Tochter Mina (Jahrgang 1972). Hier ist sie als Kind glücklich gewesen, hier sucht sie Zuflucht, wenn es ihr schlecht geht. Wie zum Beispiel im Jahr 2000 nach dem rätselhaften Tod ihres Bruders Christopher. Ann und Julie, die beiden Außenseiterinnen, kümmern sich um sie.
Mina kommt nicht los von Eagle Island – und von Sam
Das mit der seelischen Heilung am Meer klappt aber nur so semigut: Mina stürzt sich in eine turbulente Beziehung mit Sam Jones, ihrem Freund aus Kindertagen, inzwischen ein renommierter Fotograf und Künstler. Als Mina schwanger wird, ist er weg. Für seine berufliche und persönliche Entwicklung ist es gut, dass er die Insel verlassen hat. Für Mina und Tochter Luca macht es das aber nicht leichter.
Vier Jahre bleibt Mina in Maine und arbeitet als Hummerfischerin, bis sie den Physiker Carlos kennenlernt und mit ihrer Tochter zu ihm nach Seattle zieht. Ann bricht fast das Herz, als ihre kleine Ersatzfamilie sie verlässt, aber sie nimmt sich ein Beispiel an ihrem Haustier, dem blauen Hummer Mr. Darcy: Man muss sich häuten, um zu überleben, und sich immer wieder an veränderte Umstände anpassen. Darin ist Ann inzwischen richtig gut.
Rückkehr nach 37 Jahren des Schweigens
Es würde alles seinen Gang gehen, wenn nicht der unheilbar erkrankte Richard Gray den Wunsch geäußert hätte, noch einmal einen Sommer auf Eagle Island zu verbringen. Nach 37 Jahren!
Seine Frau Judith hasst die Idee, wie sie alles hasst, was mit den Inseln und den Ereignissen von 1982 zusammenhängt, aber sie gibt schließlich nach. Es wird zum Familienausflug: Richard und Judith, beide Mitte 70, reisen an, samt Tochter Mina (47) und Enkelin Luca (18), die eine Weile auf der Insel bei der Familie ihres leiblichen Vaters Sam leben möchte. Stiefvater Carlos ist beruflich unabkömmlich.
Eingeholt von der Vergangenheit
Und nun werden sie alle von der Vergangenheit eingeholt. Für Richard Gray sind’s überwiegend schöne Urlaubserinnerungen und ein Wiederaufleben seiner Freundschaft zu Ellis Jones. Minas alte Leidenschaft für Sam flammt wieder auf und sie muss sich entscheiden: ein Leben auf der Insel mit dem aufregenden doch wenig greifbaren Sam – oder zurück nach Seattle zum verlässlichen aber etwas langweiligen Carlos?
Ihre Mutter Judith fragt sich wiederum, ob es nach fast 40 Jahren nicht endlich an der Zeit wäre, zu sagen, was sie als nunmehr Einzige über das Unglück von 1982 weiß. Dass sie all die Jahre geschwiegen hat, hat ihr und ihrer Familie kein Glück gebracht. Aber ist es gut, bei anderen Menschen alte Wunden aufzureißen, nur um das eigene Gewissen zu erleichtern?
Erzählt aus verschiedenen Perspektiven
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Julie, Mina, Judith und – in Rückblicken die inzwischen verstorbene – Ann. Die trifft überraschend ihre ehemalige Lebensgefährtin Carolyn wieder, die vor Jahrzehnten klammheimlich aus ihrem Leben verschwunden ist.
Eine männliche Erzählperspektive haben wir dieses Mal auch: Ellis Jones, Sams Vater. Der hängt immer noch an seiner Frau Jane, die ihn in den 1980ern verlassen hat. Nach dem Tod ihres ältesten Sohnes hat sie alles hinter sich gelassen und ist nach Neufundland gezogen. Ihre Enkelin Luca hat sie nie kennen gelernt.
Wenn jetzt die Freunde von damals wieder hier sind, die alten Themen auf den Tisch kommen und Luca bei ihm wohnt, wäre das nicht eine gute Gelegenheit für Jane, ihrer Familie einen Besuch abzustatten …? Oder soll Ellis sich an die ungeschriebenen Insel-Regeln halten, die besagen, dass man die Vergangenheit ruhen lassen soll, dass nicht jede Frage eine Antwort braucht und dass Schuldzuweisungen nur Energieverschwendung sind …?
Welche Entscheidung ist die richtige?
Und so versucht jeder in dieser Geschichte, das Richtige zu tun. Doch manchmal ist es gar nicht so leicht, herauszufinden, was das Richtige ist. Vorübergehend kann man sich natürlich um eine Entscheidung herumdrücken, aber irgendwann muss man Farbe bekennen. Warum das so schwer ist, erklärt die normalerweise so schandmäulige Julie erstaunlich einfühlsam:
„Oft entscheiden wir nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen zwei Versionen von Verlust. Wenn wir bleiben, verlieren wir etwas. Wenn wir gehen, auch. Jede Entscheidung schließt eine Tür, und deshalb fühlen sich selbst gute Entscheidungen manchmal traurig an.“ (Seite 308)
Das Leben mit seinen unerwarteten Wendungen
Hier gibt es keine reißerische Handlung. Was passiert, ist das Leben mit seinen Unwägbarkeiten. Es geht um Liebe und Freundschaft, um Schuld und Verzeihen, um Abschied und Neubeginn und um die eine oder andere Fehlentscheidung mit all ihren Folgen.
Ich war froh, dass ich den ersten Band, HUMMERFRAUEN, schon gelesen hatte. Das machte es leichter, mich in all den Lebensgeschichten und Rückblenden zurechtzufinden. Wer macht wann was mit wem und warum? Das ist schon recht komplex und nichts, worüber man so husch-husch hinweglesen kann, sonst kommt man nicht mehr mit.
Den Roman nur zu überfliegen, wäre aber auch aus einem anderen Grund schade: Die lebenserfahrenen und zum Teil skurrilen Figuren haben uns nämlich viel Kluges und Hilfreiches zu sagen. Und die raue Küstenlandschaft Maines wird durch Beatrix Gerstbergers bildhafte Beschreibung für den Leser zu einem Sehnsuchtsort, auch wenn man die Gegend noch nie gesehen hat.
Die Autorin
Beatrix Gerstberger ist freie Autorin für ›Brigitte‹, ›Stern‹ und ›Geo‹. Sie schrieb den Bestseller ›Keine Zeit zum Abschiednehmen‹ über den frühen Tod ihres Partners und die Geschichten von weiteren jungen Witwen, als sie mehrere Monate in einem Fischerdorf in Maine lebte. Aus ihren Erinnerungen an diese Zeit entstand die Idee für den viel gelobten Roman ›Die Hummerfrauen‹, der monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste stand, und für die Fortsetzung ›Hummerjahre‹.
Affiliate Links
- Buch: https://amzn.to/4yRQpPQ
- Kindle: https://amzn.to/4rqy8GO
- Hörbuch: https://amzn.to/4rmVgWn
Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr über einen dieser Links ein Produkt kauft.
Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de