Anika Flock: Das Auge der Elster

Das Auge der Elster ’“ phantastische Geschichten
Anika Flock: Das Auge der Elster, farbige Illustrationen von Bleick Bleicken, Norderstedt 2005, Books on Demand, ISBN: 3-8334-2711-6, 148 Seiten, Taschenbuch, Format 12 x 19 x 1 cm, EUR 9,90

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Eine Erzählung und vier Kurzgeschichten entführen den Leser in phantastische Welten, von denen manche mehr, andere weniger Ähnlichkeit mit unserer vertrauten Realität haben. Eine bildhafte, poetische Sprache und farbige, geradezu fotorealistisch anmutenden Illustrationen lassen diese fremden Welten ausgesprochen real wirken.

In der Titel gebenden Erzählung DAS AUGE DER ELSTER hadert das Elstermännchen Veldar mit der Welt. Soeben hat er den größten Schatz seines Lebens gefunden, eine einzigartig schöne Kupfermünze, doch seine Frau Lygnia, der er sie so gerne geschenkt hätte, lebt nicht mehr. Nur Stunden zuvor wurde sie von einem Jäger erschossen.

’žAch, lebte ich doch in einer Welt, wo es keine Menschen gibt, die Vögel morden!’œ, seufzt er. Hätte er doch nur seinen Schnabel gehalten! Denn der Münzschatz hat magische Kräfte. Ehe Veldar es sich versieht, wird er durch einen Schneesturm gewirbelt und landet in einer fremden Welt, wo die Tier- und Pflanzenwelt exotisch, das Klima ausgesprochen garstig, die Menschen friedlich aber äußerst eigenartig sind ’“ und die Kommunikation zwischen den Spezies ziemlich gewöhnungsbedürftig ist. Veldar schließt sich einer abenteuerlichen Expedition in wärmere Gefilde an und muss bald eine folgenschwere Entscheidung treffen …

Die Gruselgeschichte DIE BROSCHE spielt im Hier und Jetzt. Weil die kleine Enkelin beim letzten Besuch steif und fest behauptet hat, drei Gespenster gesehen zu haben, denken sich Oma Magdalena und Opa Frederick eine besondere Überraschung für sie aus: Sie füllen eine alte Truhe mit allerhand Schnickschnack und verstecken sie auf dem Anwesen. Der Großvater fertigt eine kunstvolle ’žSchatzkarte’œ an und einen Brief, den er mit ’ždie drei Gespenster’œ unterzeichnet. Begeistert begibt sich die kleine Laura mit der Karte auf Schatzsuche ’“ doch diese verläuft etwas anders als geplant …

Eine Fernsehdokumentation über Kampfhunde inspirierte die Autorin zu der tragischen Kurzgeschichte DER GROSSSTADT-KRIEGER. Aus Sicht des Hundes Rambo erfahren wir, wie der Hund zum Kampfhund gemacht wurde ’“ und wir erleben mit, was passiert, als er eines Tages beschließt, nicht mehr zu kämpfen …

Nicht ganz so düster, eher etwas schwarzhumorig, geht es in der Story LICHT zu: So stolz ist die kleine Stubenfliege auf ihren makellosen Haushalt, den sie für ’žihre’œ Menschen penibel frei von Schmutz und Krümeln hält. Das müssten die Zweibeiner doch zu schätzen wissen! Leider weist die Kommunikation mit ihrem Lieblingsmenschen gewisse Defizite auf …
Eine Geschichte, die laut Auskunft der Autorin nicht frei von Nebenwirkungen ist: ’žAlle, die sie bisher gelesen haben, können keiner Fliege mehr etwas zuleide tun. Sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt …!’œ

Die Science-Fiction-Kurzgeschichte NUR NOCH HOFFNUNG ist die beklemmendste Story in diesem Buch: Aliens haben die Herrschaft über die Erde übernommen und halten die Menschen nach Geschlechtern getrennt und nicht sehr artgerecht in Ställen gefangen. Der entsetzliche Grund für dieses Vorgehen wird offenbar, als eines Tages ein schwer verletzter Mann in einen Stall voller Frauen geworfen wird … Ähnlichkeiten mit bestimmten Verhaltensweisen der Spezies Mensch sind hier nicht von der Hand zu weisen und ganz bestimmt kein Zufall.

Manche Figuren und Szenarien aus dieser Anthologie werden einem nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die Stubenfliege aus LICHT gehört mit Sicherheit dazu, genau wie die im Stall gefangen gehaltenen Menschen aus NUR NOCH HOFFNUNG. Die Geschichte liest sich beinahe wie ein ExposË für einen Film. Man sieht die Frauen in ihrer ausweglosen Lage plastisch vor sich und wünscht sich einen starken Retter, der diesen grausamen Aliens mal so richtig zeigt, was eine Harke ist. Genau das aber wird nicht passieren, denn wir sind hier nicht Hollywood. Wenn es in dieser Geschichte Hoffnungsträger gibt, dann findet man sie an anderer Stelle.

Die exotische Welt aus der Titelgeschichte entstammt Anika Flocks Roman DIE KRISTALLWANDLER, den ich mir umgehend besorgen werde. (Erscheinungstermin: Herbst 2005). Jetzt will ich nämlich wissen, ob die Expedition heil im Land Sturmbann ankommt ’“ und ob es dort tatsächlich noch unwirtlicher ist als in der eisigen Region, in der die Elster Veldar landete.

Die Autorin Anika Flock, Jahrgang 1974, studierte Diplom-Anglistik mit den Schwerpunkten Amerikanistik und Betriebswirtschaft. Sie lebt und schreibt in einem Dorf in der Nähe von Alzey. http://www.anikaflock.de

Die Abbildung auf dem Buchcover sowie die stimmungsvollen Illustrationen gestaltete Bleick Bleicken von der Firma Pixelstorm ’“ Grafik für digitale Welten: http://www.pixelstorm.de

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