Marec Bela Steffens: Die Briefmarke von Dublin und der Grabstein von Prag. Das vierte Buch vom Kater, der Märchen erzählt

Phantasievolle Märchen mit außergewöhnlichen Helden

Marec Bela Steffens: Die Briefmarke von Dublin und der Grabstein von Prag. Das vierte Buch vom Kater, der Märchen erzählt. Mit Illustrationen von Krystyna Steffens. Vechta-Langförden 2006, Geest-Verlag, ISBN 13: 978-3-86685-020-0, Flexibler Einband, 184 Seiten, Format: 13,5 x 20,5 x 1,2 cm, EUR 11,’“

Der Märchenkater ist wieder da und erzählt seiner Frau, der lieben Katze, seine phantasievoll-skurrilen Märchen. Damit hat er angefangen, als seine Frau einmal nicht einschlafen konnte. Und seitdem ist es ein lieb gewordenes Ritual: Die Katze gibt den ersten Satz vor und der Kater fabuliert munter drauflos.

Erfreulicherweise ist er irgendwann einmal auf die Idee gekommen, die Märchen aufzuschreiben, damit nicht nur seine Frau etwas von den zauberhaften Geschichten hat, sondern auch wir Leser.

Und da auch die liebe Katze eine phantasiebegabte Person ist, gibt sie ihrem Kater keine typischen Märchensätze über Prinzen und Königstöchter vor. Ihre Heldinnen und Helden sind ganz anderer Natur: ein knallroter Regenschirm, ein halbes Eselchen, ein leicht seniler Zauberer, ein Kleiderbügel, der sich vor Gespenstern fürchtet, ein Wildsee, der Klaviermusik liebt … Aus dieser Vorgabe muss der Märchenkater ganz spontan eine Geschichte entwickeln. Eine Herausforderung, die er, wie wir es von ihm gewohnt sind, mit Bravour meistert. Und mit Esprit und Humor.

Luise Henriette von Oranien ist die Titelheldin des ersten Märchens, die Briefmarke von Dublin. Das heißt, eigentlich stammt sie ja aus der Mark Brandenburg, doch als die Mark abgeschafft wird, wird sie auf einmal ungültig und sie beschließt auszuwandern. Es verschlägt sie nach Irland, wo sie einen Fluss namens Anna kennen lernt und eine beispiellose Karriere macht.

In der zweiten Titelgeschichte ’“ dem letzten Märchen im dem Buch ’“ geht es um einen Grabstein vom jüdischen Friedhof in Prag. Er findet keine Ruhe an dem für ihn bestimmten Platz, weil das Grab dort leer ist. Der Golem sollte dort begraben sein, doch dessen Überreste befinden sich, laut Überlieferung, auf dem durch Bannflüche gut geschützten Dachboden der Altneusynagoge. Da ist freilich guter Rat teuer. Doch der Märchenkater wäre nicht der Märchenkater, wenn er den ruhelosen Grabstein einfach im Regen stehen ließe. Mit welchem Geistesblitz er ihm zu Hilfe kommt, das sei hier nicht verraten …

Zwischen der ersten und der letzten Geschichte in dem Buch tummelt sich eine bunte Schar höchst ungewöhnlicher Märchenhelden: Das Basilikum, das seine Verwandten sucht. Mit den garstigen Basilisken will es nichts zu tun haben. Die ehrwürdige Basilika ist schon eher nach seinem Geschmack. ’“ Die Erbsen, die nur dann schlafen können, wen ein Stapel Matratzen auf ihnen liegt ’“ und oben drauf eine Prinzessin. Gerade letztere sind derzeit aber furchtbar rar, so dass die Erbsen an permanenter Schlaflosigkeit leiden. Kein Mittel scheint dagegen zu helfen. Der Versuch, Prinzessinnen im Versandhandel zu ordern, hat sogar ein gerichtliches Nachspiel, das gleichzeitig ein wunderbares Beispiel ist für die herrlich verschrobenen Wortspiele, die der Autor so kunstvoll betreibt:

Die wütenden Erbsen kullerten sofort zu einem Rechtsanwalt. Erregt diskutierten sie mit ihm: ’žIch erbe, du erbst …’œ Man glaubt nicht, was für komplizierte Rechtsfragen das Erbsrecht aufwirft. Bei einem Risotto, zum Beispiel, welches Reiskorn ist da erbsberechtigt? Wegen solcher Fragen war es in Spanien und anderswo zu regelrechten Erbsfolgekriegen gekommen.’œ (Seite 26/27)

Wird ein Schlaftherapeut den Erbsen helfen können? Oder liegt die Lösung für dieses Problem ganz wo anders?

Was macht eigentlich eine Scheibe Brot, wenn sie sich langweilt? Genau: Sie geht in den brotanischen Garten und vergnügt sich dort beim Brotfahren. Und was passiert, wenn eine Nase nicht nur läuft, sondern ihrem Besitzer sogar davonläuft? Welche Abenteuer erlebt eine alte Schreibmaschine, die ganz alleine die Gegend abklappert, während ihr Besitzer zur Kur ist? Und was treibt eigentlich der Weihnachtsschmuck, wenn er für den größten Teil des Jahres unbeachtet in Kartons ruht? Ruht er wirklich? ’“ Der Märchenkater weiß es und erzählt es Ihnen gern.

Köstlich: ’žDie Fliegen wollen etwas wissen’œ! ’ž Es waren einmal ganz viele Fliegen. Ihre Vorfahren hatten sich noch auf Bauernhöfen herumgetrieben. Aber die Fliegen jetzt sahen für ihr Leben gern fern. Besonders liebten sie Seifenopern und Talkshows. Das fanden die Fliegen ungeheuer interessant, da konnte der größte Misthaufen nicht mithalten.’œ (Seite 66.) Jetzt haben sich die Fliegen in den Kopf gesetzt, bei einer Quizsendung mitzumachen …

Ein Rausch verliebt sich in eine Eisenbahnschwelle. Wie wird wohl deren gemeinsame Zukunft aussehen? Ein Hörnchen fühlt sich schon im Regal der Bäckerei zu Höherem berufen. Wird es mit der Universitätslaufbahn klappen? Von einer ganz anderen Karriere träumt der Lastkran: Er will unbedingt eine Schiffssirene werden. Kann der Märchenkater ihm dabei behilflich sein?

Um einem heiseren Pferdchen zu helfen, die ihm angezauberten grünen Flecken wieder loszuwerden, begibt sich der Kater zum Kastellan von Schloss Kamitz ’“ und sieht sich plötzlich der Herausforderung gegenüber, drei schwere Aufgaben lösen zu müssen. Welche Rolle dabei wohl ein Blatt Papier spielt, das unter gar keinen Umständen bedruckt oder beschrieben werden will? Und welches Schicksal diesem Blatt beschieden ist? Die originelle Antwort darauf findet sich auf Seite 131.

Der Märchenkater hat die Rezensentin vorab darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Name in dem Buch erwähnt wird. Dass auch der Name ihres Mannes darin vorkommt, und zwar in der Geschichte vom ruhelosen Grabstein, das hat der Märchenkater selbst nicht gewusst. So ist das eben bei seinen Märchen: Dort geschehen fortwährend die sonderbarsten Dinge.

Wenn wir jeder Nacht, in der die liebe Katze nicht einschlafen kann, so ein phantasievolles Märchen verdanken, müssten wir ihr eigentlich noch viele schlaflose Nächte wünschen. Angesichts der wunderbaren Geschichten, die ihr Kater erzählen kann, wird sie uns diesen egoistischen Wunsch hoffentlich verzeihen.

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