Susanne Goga: Leo Berlin. Kriminalroman

Packender Krimi aus dem Berlin der 20-er Jahre

Susanne Goga: Leo Berlin. Kriminalroman, München 2005, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, ISBN: 3-423-24468-2, Flexibler Einband, 278 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2,6 cm, EUR 14,’“

Berlin 1922: Schreck in der Abendstunde für die Haushälterin Elisabeth Moll: Ihr Arbeitgeber, der Wunderheiler Sartorius, liegt tot im Wohnzimmer, erschlagen mit einer Buddha-Statue aus Jade. Zu seinen Patienten zählte vor allem die Berliner Prominenz. Hatte aus diesem Personenkreis jemand ein Tatmotiv?

Kriminalkommissar Leo Wechsler ermittelt und findet schnell heraus, dass Sartorius nicht unbedingt ein blütenreiner Saubermann war. Einige seiner Patienten therapierte er mit Kokain ’“ damals so illegal wie heute. Nahm er es mit der Diskretion vielleicht auch nicht so genau? Ist gar Erpressung im Spiel?

Die Ermittlungen in den besseren Kreisen erweisen sich schnell als heikle Angelegenheit. Die eigenmächtigen Aktionen seines Kollegen von Malchow machen Leo Wechsler zusätzlich das Leben schwer.

Da geschieht ein zweiter Mord: Im ärmlichen Scheunenviertel wird Erna Klante, eine ältere Prostituierte, erdrosselt aufgefunden. Einziges Indiz: Ein teurer Knopf, der am Tatort gefunden wird und der nicht zur Bekleidung der Toten gehören kann.

Eine innere Stimme sagt Kommissar Wechsler, dass diese beiden Mordfälle womöglich zusammenhängen. Eine Theorie, die weder Kollegen noch Vorgesetzte nachvollziehen können. Was soll der Wunderheiler der besseren Gesellschaft mit der alternden Hure zu tun gehabt haben? Doch Leo Wechsler ist für seine Hartnäckigkeit bekannt. Vielleicht gab es ja in der in der Vergangenheit eine Verbindung zwischen Sartorius und dem zweiten Opfer? Wer war Erna Klante, bevor sie in der Gosse landete? Er forscht nach …

Parallel zu der Geschichte von Leo Wechsler wird die des Mörders erzählt. Immer wieder streut die Autorin seine Gedanken ein. Dadurch ist der Leser den Ermittlern stets einen Schritt voraus. Und die Frage heißt hier nicht, wie im klassischen Krimi: ’žWer war es?’œ, sondern: ’ž(Wie) werden sie ihn kriegen?’œ Die Spannung entsteht aus dem Katz- und Maus-Spiel zwischen dem Täter und der Polizei. Manchmal möchte man aus seiner wissenden Position heraus die Personen in dem Roman in die richtige Richtung schubsen, wenn wieder eine Chance auf Aufklärung haarscharf verpasst wurde: ’žJetzt sag doch schon, was du weißt, Mann! Das ist kein Geschwätz, das ist WICHTIG!’œ

Die zwei ungelösten Mordfälle sind jedoch nicht Leo Wechslers einziges Problem. Ständig hat er Ärger mit seinem Kollegen von Malchow. Der ist ebenso arrogant wie unfähig, gehört aber ’“ wie ein Großteil der Kriminalpolizei ’“ dem Adelsstand an und genießt dadurch unfassende Protektion. Und wenn es noch so kontraproduktiv ist, was er tut: Er kommt damit durch. Wechsler, den weder Adelstitel noch Kriegsehren auszeichnen, sondern nur seine gute Arbeit, treibt von Malchows impertinentes Verhalten zur Weißglut.

Auch in Wechslers Privatleben gibt es Spannungen: Er ist seit drei Jahren verwitwet und hat zwei Kinder. Seit dem Tod seiner Frau führt ihm seine jüngere Schwester Ilse den Haushalt, die so langsam das Gefühl hat, vor lauter Pflichterfüllung ihr eigenes Leben zu versäumen. Dann erkrankt auch noch Tochter Marie …

Das Privatleben des Kommissars ist ein zentrales Element des Romans, ohne dass es den Kriminalfall dominiert. Gerade an den häuslichen Verhältnissen und an der familiären Situation Wechslers wird der gesellschaftliche Hintergrund deutlich. Wenn Ilse über die irrwitzigen Preissteigerungen klagt und sich die Familie zu Mittag mit Pellkartoffeln und Margarine begnügen muss, wenn Leos Sohn vom Lehrer Prügel bezieht, weil er einen jüdischen Schulkameraden gegen ungerechtfertigte Angriffe verteidigt, dann ist das Geschichte zum Mitfühlen. Oder wie es die Autorin Rebecca GablË formuliert: ’žLeo Berlin ist eine Zeitreise erster Klasse.’œ

Wer sich unbedingt davon überraschen lassen möchte, wer der Täter ist, für den ist LEO BERLIN wohl nicht der richtige Tipp. Wer aber gerne schlauer ist als die ermittelnden Beamten ’“ und deshalb vielleicht sogar zu den Menschen gehört, die den Schluss eines Kriminalromans zuerst lesen ’“ schwebt hier im siebten Krimihimmel. Wenn Sie sich also für die Hintergründe und Umstände einer Tat genauso interessieren wie für die Ermittlungsarbeit, werden Sie sich bestens unterhalten. Glaubwürdige Charaktere, eine lebendige Sprache sowie der wohl dosierte Einsatz von Zeitgeist und Lokalkolorit tragen das Ihrige dazu bei.

Für alle, denen nach Abschluss der Ermittlungen der Abschied von Leo Wechsler und dem Berlin der 20-er Jahre schwer fällt: Der Kriminalkommissar ermittelt weiter … in dem Band TOD IN BLAU.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.