Es macht immer tuut-tuut

Normale Katzen spielen mit Mäusen, Bällchen oder Papierknäueln – unser Kater Blacky dagegen bevorzugt technische Geräte. Wir hatten ja schon Katzen, die Lichtschalter und Toilettenspülung betätigten, aber Blacky schlägt sie alle. Vorzugsweise nachts, wenn die Animation durch seine Menschen rasant gegen Null strebt, schleicht er sich ins Büro und bedient das Telefon.

Als Blacky noch klein war, hat er sich damit begnügt, den Hörer zur Seite zu schubsen oder vollständig von der Gabel zu schmeißen. Und wir waren ganze Tage lang telefonisch nicht erreichbar, ohne es zu bemerken. Das war noch in der prä-Handy-Ära. Eingeweihte griffen dann zum Fax und schickten uns über unsere Zweitleitung die Nachricht „Legt mal euren *x@°&%!!!* Telefonhörer auf!“ Dieser Sache sind wir jedoch relativ schnell Herr geworden, indem wir den Hörer mit Hilfe eines Gummibands am Telefon befestigt haben. Das Abheben wurde nun zwar zu einer etwas fummeligen Angelegenheit, aber wir hatten ja noch die Mobileinheit unserer Telefonanlage, an die der Kater nicht herankam. Das Telefonieren war fürs erste gesichert.

Und dann hat Blacky die Funktion der Tasten entdeckt. Durch Betreten einer bestimmten Tastenkombination – wir wissen bis heute nicht, welche das ist, die kennt nur er -, löst er ein rhythmisches Tuten aus, das eine geschlagene Minute lang andauert. Sehr nervig, vor allem, wenn man nachts um drei davon geweckt wird! Wie oft hab ich schon mit mir gekämpft: Springe ich jetzt aus dem Bett und mache dem Getute ein Ende, oder ziehe ich mir die Decke über den Kopf und warte, dass es innerhalb von 60 Sekunden von selber wieder vergeht? Spätestens am nächsten Morgen muss ich mich dann aber um das Telefon kümmern. Denn legt man den Hörer nach Blackys tuut-tuut-Aktion nicht wieder neu auf, ist das Telefon so lange belegt, bis man selbst jemanden anruft. Das kann natürlich dauern, wenn wir nicht im Haus sind. Und wenn alle, die uns sprechen wollen, nur das Besetztzeichen hören, nutzt uns auch der tollste Anrufbeantworter nichts.

Die Tuterei ist ja schon ziemlich lästig. Richtig gemein wurde es jedoch, als Blacky kapierte, wie man die Programmwahltasten drückt und damit die Leute anruft, mit denen wir besonders häufig telefonieren. Das macht er leider auch vorzugsweise nachts zwischen zwei und drei Uhr. Manchmal hören wir es zum Glück noch rechtzeitig. Rrrrt – rrrrt – rrrt … ach du Schreck, der Kater wählt schon wieder! Nix wie raus aus der Kiste und rüber ins Büro gewetzt um blitzschnell den Hörer abzuheben und wieder auf die Gabel zu knallen, ehe Blacky völlig Unbeteiligte aus dem Bett klingelt. Leider klappt das nicht immer. Wenn wir es zu spät oder gar nicht hören, klingelt er durch. Und anderntags kommen dann die Beschwerden: „Du, hör mal, euer blöder Kater hat heut Nacht wieder bei uns angerufen!“ Zum Glück haben wir keine Überseenummern eingespeichert, sonst würde Blackys Hobby auch noch teuer. Oder wir müssten ihm beibringen, eine call-by-call-Nummer vorzuwählen …

In meinem Büro im Verlag hat Blacky mich mit dem Telefontrick auch schon mal blamiert. Mein Telefon klingelte, und als ich abhob, war in der Leitung nur Schweigen im Walde. „Ist was?“ fragte mein Kollege, als er meinen verwirrten Blick sah. „Äh, ich glaub‘, mein Kater hat mich gerade angerufen“, sagte ich. Mein Kollege, der Blackys erstaunliche Fähigkeiten nicht kannte, brach in wieherndes Gelächter aus und wollte wissen: „Und, was hat er gesagt?“ – „Miau“, antwortete ich, „was denn sonst?“

Blackys Begeisterung für technisches Gerät macht vor nichts Halt. Kommt ein Fax rein, stürmt er beim ersten Piepser ins Büro, setzt sich vor das Faxgerät und wartet, bis Papier herauskommt. Schicke ich ein Fax weg, lauert er dahinter und beobachtet, wie das Blatt im Einzugsschlitz verschwindet. Ich habe auch schon beobachtet, dass er versucht hat, es wieder heraus zu pulen. „Lass das“, hab ich gesagt, „sonst wirst du noch eingezogen und mitgefaxt. Und hinterher ist dann alles voller Haare!“ Sowas tut ja weder dem Kater noch der Maschine gut.

Jetzt, beim Normalpapierfax kann er ja nicht mehr viel anrichten, wenn er Knöpfchen drückt. Früher, als wir noch Geräte mit Thermopapierrollen hatten, gingen seine Spielereien echt ins Geld. Irgendwie hatte er herausgefunden, dass man auf den roten Knopf drücken muss, damit vorne Papier rauskommt. Was er auch mit Begeisterung tat. Wie oft kam ich nach Hause und das Büro quoll über von mutwillig durchgejubeltem und zerfetztem Thermofaxpapier! Nachdem Blacky mir dann mal ein gefaxtes Kundenschreiben so geschreddert hatte, dass ich nichts mehr darauf lesen konnte und telefonisch um eine Zweitausfertigung bitten musste, war Schluss. Mein Vater konstruierte mir aus einem alten Kühlschrank-Gemüsegitter und ein paar Holzlatten einen Käfig fürs Faxgerät. Fortan blieben die eingehenden Faxe hinter Gitter und das Papier so lange im Gerät, bis es wirklich gebraucht wurde. Und Blacky konnte dem Geschehen nur noch von außen beiwohnen.

Wenn er nun auch keine Fax-Faxen mehr machen konnte, blieben ja immer noch genügend technische Geräte zum Herumspielen übrig. Dass wir alle Fernbedienungen vertikal in einem Schränkchen aufbewahren müssen, habe ich noch nicht erwähnt, oder? Liegen die Dinger nämlich horizontal auf dem Tisch, setzt er sich drauf oder latscht drüber und schaltet wahllos Geräte ein, aus oder um. Es ist wiederholt passiert, dass wir nach Hause kamen und der Fernseher lief. Oder dass wir vor der Kiste saßen und plötzlich mitten im Film ein anderes Programm auf dem Bildschirm erschien. Blacky hatte umgeschaltet.

Der Farbdrucker interessiert ihn genau so wie das Faxgerät. Mit gesträubten Schnurrhaaren sitzt er davor und wartet, bis das Blatt kommt. Wenn wir Fotos drucken, dauert ihm das offensichtlich zu lange. Irgendwie rechne ich immer damit, dass er mal die Ärmel hochkrempelt und in die Papierausgabe greift, um die Sache zu beschleunigen. („Verflixt, wo bleibt denn dieses lahme Teil?“) Meist beschränkt er sich zum Glück darauf, auf den Satelliten-Receiver zu springen und den Druckvorgang von dort oben im Auge zu behalten. Und irgendwann macht ihn die Wärme des Recievers und das monotone Getuckere des Druckers müde und er schläft ein.

An der Waschmaschine ist er zum Glück nicht mehr so interessiert. Als Kind lag er öfter mal zusammengekringelt in der Waschtrommel und schlief. Ein gefährlicher Schlafplatz, denn ein schwarzes Kätzchen in einem dunklen Maschineninneren kann leicht übersehen werden. Ich musste also vor jedem Waschgang erst eine Katzenzählung machen: „Dusty sitzt auf der Stereoanlage, Rocky auf dem Schrank und Blacky kramt in der Küche“. Nur so konnte ich sicher sein, dass ich keines unserer Pelzmonster aus Versehen mitwusch. Als Blacky klein war, saß er auch stundenlang vor dem Bullauge der Waschmaschine und verfolgte gebannt die wirbelnde Wäsche. Ich sagte immer, „jetzt schaut er wieder Katzen-Fernsehen“. Beim geräuschvollen Schleudergang ergriff er dann entsetzt die Flucht, nur um bei der nächsten Maschinenladung wieder interessiert vor dem Bullauge zu sitzen.

Auch die Geschirrspülmaschine findet er spannend. Wenn sie läuft, liegt er oben drauf und genießt die Wärme. Räume ich sie aus oder ein, hat er nur zu gerne die Nase dazwischen. Einmal wurde ich während des Ausräumens kurz unterbrochen. Ich ließ die Klappe der Maschine offen und eilte aus der Küche. Als ich wiederkam, sah ich Blacky interessiert in der Spülmaschine zwischen Tassen und Tellern herumstiefeln. Und das brauche ich eigentlich nicht.

Letzten Sommer hat Blacky die Waschküche im Keller für sich entdeckt. Dort unten habe ich seit einiger Zeit einen Trockner stehen – die Waschmaschine steht im Bad -, und eines Tages hat er einfach angefangen, mich zum Wäschetrocknen zu begleiten. Und jetzt ist das ein fest stehendes Ritual. Sobald er sieht, dass ich einen Wäschekorb anfasse, steht er erwartungsvoll an der Wohnungstür.

Mittlerweile kennt er die Waschmaschinen und Trockner der ganzen Hausgemeinschaft persönlich und weiß vermutlich haargenau, wo welches Waschmittel und welcher Weichspüler verwendet wird, weil er jedes Mal aufs Neue alles inspizieren und abschnuppern muss. Die Vorstellung, dass Blacky seine schwarze Nase in ihrem Waschmittel hat, fänden sicher nicht alle Nachbarinnen cool, also verraten wir es ihnen lieber nicht …

Wenn ich meinen Wäschekram im Keller erledigt habe und wieder zurück in die Wohnung möchte, schnappe ich meinen Wäschekorb und sage: „Blacky, wir sind fertig!“ Und dann marschieren wir. Na ja, das klappt vom Timing her nicht immer. Wenn er meint, dass er mit seinen technischen Inspektionen noch nicht durch ist, muss ich entweder warten – oder ihn einfangen. Unbeaufsichtigt herumkramen lasse ich ihn dort nicht. Was, wenn er das Waschpulver der Nachbarin für delikat parfümiertes Katzenstreu hält …?

Vollends aus dem Häuschen ist Blacky, wenn Handwerker in der Wohnung sind. Jede handelsübliche Katze, wenn sie nicht zufällig gehörlos ist, schaut doch, dass sie Krach und Krawall aus dem Weg geht. Nicht so unser Blacky! Der ist immer mittendrin im Geschehen, und je mehr Dreck und Klamauk desto besser. Davon können die Zimmerleute ein Lied singen, die uns vor anderthalb Jahren den Laminatboden im Wohnzimmer verlegt haben. Ich hatte schon Angst, sie bauen ihn mit ein, so aufdringlich nahe, wie er immer dabei stand. Ich bot an, ihn im Büro einzusperren, wohin sich die anderen beiden Katzen längst freiwillig zurückgezogen hatten. Aber der Chef der Truppe hat selber Katzen, den störte unser neugieriger Kater nicht weiter. Er ließ ihn schnuppern und zuschauen. Nur, dass Blacky zum Schluß mit Anlauf und Juhu in das frisch zusammengefegte Sägemehl sprang und alles wieder im Raum verteilte, das hätte nun nicht unbedingt sein müssen.

Nicht einmal vor einer Schlagbohrmaschine in Aktion hat dieser Kater Angst. Ich vergesse nie, wie ein Freund der Familie bei unserer letzten Renovierung mit der „Hilti“ Löcher in Wand bohrte. Blacky saß auf seinem Kratzbaum so dicht hinter unserem Kumpel, dass er ihm mühelos ins Ohr hätte beißen können, und schaute interessiert zu, was der da machte. Lärm und Staub ließen ihn dabei völlig unbeeindruckt. Das heißt, vielleicht gefällt ihm ja gerade das? Man weiß ja nicht so recht, was in so einem Katzenkopf vorgeht.

„Na, Mieze, willste Handwerker werden?“, fragte unser Freund den Kater.
„Nee“, sagte ich, „so wild, wie der aufs Telefon ist, wird er eher Telekomiker. Wählen kann er schon.“

Zur Erinnerung an unseren verstorbenen Kater Blacky.
Erschienen bei feierabend.com und in der Zeitschrift „Geliebte Katze“.

Autor: Edith Nebel
Fotos: Edith Nebel, Gerhard Löw

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