Von Armleuchtern und Lichtgestalten

Ich bin ein eingefleischter Guru-Hasser. Absolut. Definitiv. Schon immer. Und von ganzem Herzen. Warum hat uns denn die Natur oder Gott der Herr, falls Sie gläubig sein sollten, den Verstand gegeben? Eben. Damit wir ihn benutzen. Selbst. Persönlich. In eigener Regie. Und nicht, damit wir das Denken irgendwelchen Armleuchtern und Armleuchterinnen überlassen, die sich irrtümlich für Lichtgestalten halten. Und die sich die Nase, oder sonstige Körperteile, damit vergolden, dass sie leichtgläubigen Menschen meist gegen Gebühr erzählen, was gut für sie sei.

Selbst ernannte Gurus und Heilsbringer trifft man immer und überall. Wenn man Pech hat, sogar in der Teeküche des eigenen Büros. Ich jedenfalls habe das zweifelhafte Vergnügen. Das muss man sich ungefähr so vorstellen: Ich lass mir fröhlich pfeifend einen Tee aus der Maschine und kippe großzügig Zucker und Milchpulver in das Gebräu. „Ja um Himmels Willen“, kreischt’s da von hinten in mein rechtes Ohr. „Das willst du doch nicht etwa trinken?“ – Ja was denn sonst? Die Füße waschen? Die Blumen damit gießen? ’“ „Weißt du nicht, wie GIFTIG das Zeug ist?“ Es folgt eine längliche schnarchlangweilige Abhandlung über die vermuteten, eingebildeten und tatsächlichen Bestandteile von weißem Zucker und dem büroeigenen Kaffeeweißer. Mit dem Resultat, dass ich seit jener unerfreulichen Begegnung der dritten Art jetzt erst Mal probeweise den Kopf aus dem Büro stecke und prüfe, ob die Luft rein ist, ehe ich ans Kaffee- oder Teekochen gehe. Denn ich will ja was zu trinken haben und keine Lektionen in biologisch, politisch und ökologisch korrekter Nahrungsaufnahme.

Dabei wissen die Bürogurus doch seit vielen Jahren, dass ich an nichts glaube. Mein skeptischer Gesichtsausdruck anlässlich ihrer Vorträge muss doch Bände sprechen. Zeitweise hatte ich schon den Verdacht, dass sie erst mal ein reinigendes Räucherstäbchen schwenken, sobald ich ihr Büro verlassen habe, um damit den Geist des Ungläubigen aus ihren vier Wänden zu vertreiben.

Auch am Feierabend gibt es kein Entrinnen von der Guru-Pest: Schlägst du zur Entspannung eine beliebige Publikumszeitschrift auf oder wirfst das TV-Gerät an, feixen dir da auch die Menschheitsbeglücker von eigenen Gnaden entgegen. Entblößen Jacketkronen im Wert eines Kleinwagens und verkünden dir – hussa, heissa und tschackaaaa! – die allein selig machende Art und Weise, dein Gewicht zu reduzieren, deine Kinder zu erziehen, im Job Erfolg zu haben oder an der Börse blitzartig unanständig reich zu werden. Ich frage Sie: Hat irgendwas davon bei irgendwem schon einmal funktioniert?

In einer amerikanischen Talkshow trat mal ein Gewinnspiel-Guru auf, der dem Publikum weismachen wollte, er wisse, wie man todsicher in der Lotterie gewinne. Die berechtigte Frage einer bodenständigen afroamerikanischen Hausfrau, wie viel er selbst schon gewonnen habe, brachte ihn sichtlich aus dem Konzept. Er wand sich wie ein Aal, um nur ja keine konkrete Antwort geben zu müssen. Ich habe mich köstlich amüsiert.

Nein, ich habe wirklich keinen Bock auf Gurus. Abgesehen davon, dass ich mir ungern das Denken abnehmen lasse, ist es mir ausgesprochen zuwider, mich von ihren Heilsbotschaften unter Druck setzen zu lassen: Ich bin eine schlechte Mutter, wenn mein Kind mit sieben Jahren noch keine Sinfonie dirigieren, keine Haikus dichten und nicht im Handstand laufen kann. Ja, liebe Leut, ich bin Anfang 40, kann nichts davon und lebe auch. Glücklich und zufrieden. Also lasst mich in Ruhe mit eurem Schmarrn! Ich mag auch nicht 45 Minuten am Tag joggen, 20 Minuten meine Gesichtsmuskeln trainieren und auf Dauer Cola und Schokolade abschwören, wie es die Fitness-Gurus in jeder Zeitschrift proklamieren Und ich will mir erst kein schlechtes Gewissen einreden lassen, weil ich keine Lust auf diese Aktivitäten habe. Den Vogel könnt ich kriegen, wenn ich sehe, wie unbedarfte Wellenreiter ohne eigene Meinung auf jeder dieser Guruwellen begeistert mitschwimmen.

Vielleicht, so hab ich mir mal überlegt, sollte ich die allgemeine Gurugläubigkeit nutzen und mich als Antiguru-Guru betätigen. Als Messias des gesunden Menschenverstands. Könnte ja nicht schaden, wenn ein bisschen mehr von diesem raren Gut unter die Leute käme. Meine Botschaft ans Volk wäre jedenfalls klar und einfach: „Selber denken macht froh, Leute! Dazu habt ihr nämlich euer Hirn. Trefft eure eigenen Entscheidungen und steht dazu. Verlasst euch nicht auf andere. Und immer dran denken: Nicht jeder Armleuchter ist eine Lichtgestalt.“

Erschienen bei http://www.feierabend.com
Alle drei Fotos sind von http://www.pixelio.de

7 Kommentare

  1. Liebe Edith,

    wie frustriert muss man denn sein um so einen Artikel zu schreiben.

    Lass doch einfach andere so sein wie sie wollen. Du möchtest doch auch in Ruhe gelassen werden. Wenn ich etwas nicht hören möchte so sage ich es und dann ist auch meistens gut.
    Viele lichtvolle Stunden und wohl bekomm’s bei deinem SÜSSEN Tee!
    P.S.: Nicht jeder Mensch der eine andere Meinung hat als du selbst ist ein GURU!

  2. Das war das Beste, was ich seit langem gelesen habe. 😉
    Leider werden Leute, die den Kopf nur für den Hut haben daraus wohl keine Lehren ziehen. LOL
    Köstlich!
    Walter

  3. Gott sei Dank – endlich jemand, der kein Guru-Fanatiker ist! Auch ich kenne jede Menge Leute, die ununterbrochen am Belehren sind, weil sie meinen, die Weisheit entdeckt zu haben (indem sie irgendwelche Bücher gelesen oder Seminare besucht haben). Herrlich, dein Artikel!

  4. Ich kann diese Guru Leute gar nicht ausstehen. Ihr heiliges „Getue“ nervt und ihre scheinheiligen Reden auch, und ihre dümmlichen Ansichten kotzen mich regelrecht an. Diese selbstherrlichen Gesellen möge der Teufel holen und mich verschonen. Ich liebe Menschen, die das sagen, was sie denken, ohne wenn und aber, leider gibt es davon nicht viele. Mein neuestes Buch wird sich mit ihnen beschäftigen und ihnen den Garaus machen, in diesem Sinne Uschi Geier.

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