Adele Sansone: Erster Kuss und Regenguss. Für Mädchen von 10 bis 14

Adele Sansone: Erster Kuss und Regenguss, Wien 2008, G&G-Verlag, http://www.kinderbuchverlag.at, ISBN 978-3-7074-1066-2, Softcover, 127 Seiten, Format: 20,2 x 13,6 x 1,8 cm, Umschlaggestaltung: Kirsten Strassmann (Bildmotiv mit Glitzerdruck), Altersempfehlung: Mädchen von 10 bis 14 Jahren, EUR 9,95.

Sie sind eine verschworene Freundinnengemeinschaft: die attraktive und temperamentvolle Bekkie (13), die schwatzhafte, pummelige Sara (12), die Bekkie treu ergeben ist und vergeblich so zu sein versucht wie sie, sowie die intelligente und schüchterne Laura (12) die sich meist unterschätzt und sich gegenüber den Freundinnen vorkommt ’žwie das letzte Huhn vom Ende der Welt’œ. Die einzige in diesem vierblättrigen Kleeblatt, die womöglich noch braver und behüteter ist als Laura, ist deren türkische Klassenkameradin Aicha (12).

Alphazicke Bekkie hat von den vieren nicht nur am meisten Busen und das meiste Geld sondern, als Tochter einer allein erziehenden Ärztin, auch die meisten Freiheiten. Wenn Mutter in der Klinik ist, ist Bekkie allein daheim. So kommt es auch, dass die vier Mädchen ungestört Lauras 12. Geburtstag vorfeiern können ’“ mit einer Party in Bekkies Wohnung. Mit Jungs!

Mit dem Make Up und den Klamotten von Bekkie brezeln sich die Mädchen auf, und dann kann die Fete beginnen. Laura schwebt im siebten Himmel, denn auch ihr Schwarm ist eingeladen: Nico (14), der coole große Bruder der pummeligen Sara, der nicht nur toll aussieht, sondern auch noch als Drummer in einer Boyband spielt.

Nico sonnt sich in Lauras Aufmerksamkeit und findet die Freundin seiner Schwester süß. So kommt es zum ersten Kuss. Leider bekommt Laura davon nicht sehr viel mit, weil sie davor ahnungslos zuviel klebrig-süßen Alkohol getrunken hat und ziemlich weggetreten ist. Davon bekommen ihre Eltern zum Glück nichts mit, denn die Mädchen (außer Aicha) übernachten bei Bekkie, und bis Laura nach Hause kommt, ist der Restalkohol verflogen, das Gesicht abgeschminkt, und sie trägt auch wieder ihre eigene Kleidung. Die Eltern denken natürlich, die Party sei ein ganz normales Treffen unter Freundinnen gewesen, selbstverständlich unter mütterlicher Aufsicht.

Jetzt hat Laura also einen Freund. Auch davon dürfen ihre Eltern nichts erfahren. Sie halten ihre Tochter ja noch für ein Kind. Damit beginnen die Heimlichkeiten, die kleinen Schwindeleien und die Streitigkeiten mit der Mutter, die nicht mehr alles vom (Gefühls-)Leben ihrer Tochter weiß und deshalb deren Stimmungsschwankungen nicht nachvollziehen kann. Nur Kater Luzifer hat seine heimliche Freude an den Streitereien. Er wartet immer auf gezückte Krallen, fliegende Fetzen und die anschließende ’žversöhnende Fellpflege’œ.

Lauras ’žbeste Freundin’œ und Vertraute ’“ neben den Schulkameradinnen ’“ ist ihre Tante Henny, Vaters unkonventionelle und energische jüngere Schwester. Tante Henny erklärt ihrer Nichte, dass sie nun in der Pubertät sei. Da sei eben alles im Umbruch und das Gehirn wie eine Baustelle. Bis alles wieder an Ort und Stelle und aus dem Kind ein Erwachsener geworden sei, ginge so manches durcheinander. Das leuchtet Laura ein.

Tante Henny ist es auch, die Laura ihre neuen hochhackigen Stiefel borgt, damit das Mädchen sich mit einem zu klein gewordenen Minirock und anderen Beständen aus dem Kleiderschrank für einen großen Auftritt als ’žsexy Hexy’œ stylen kann. Doch das Gehen auf hohen Absätzen will gelernt sein, und deshalb hat die Maskerade nicht ganz die gewünschte Wirkung … Immerhin: Nico fand es toll.

Doch so langsam beschleichen Laura erste Zweifel, ob Nico den ganzen Aufwand überhaupt Wert ist. Er interessiert sich mehr für seine Musik, seine Kumpels, seine Computerspiele und sein neuestes Handy als für sie. Haben sie überhaupt etwas gemeinsam?

Als Laura ihren Freund zu sich nach Hause einlädt, kommt es zu einer für sie peinlichen Situation, in der Nico sich nicht gerade wie ein Traumprinz verhält. Und als Laura kurz darauf erkrankt und Nico sich in der Zeit nicht einmal bei ihr meldet, kommt es zum offenen Streit zwischen den beiden. Doch es kommt noch schlimmer: Nico unterstellt Laura, sich an ihm rächen zu wollen und erhebt eine ungeheuerliche Anschuldigung. Laura ist wie vor den Kopf geschlagen. Wie soll sie sich von diesem ungerechtfertigten Verdacht jemals wieder reinwaschen? Sogar die Polizei ist eingeschaltet worden!

Werden ihre Freundinnen sie aus den Schwierigkeiten herauspauken können? Kann vielleicht Tante Henny helfen? Oder muss Laura ihren Eltern nun reinen Wein einschenken?

Ein Missgeschick des Katers Luzifer bringt Laura schließlich auf die rettende Idee …

Spannend, unterhaltsam und lebensnah schildert Adele Sansone die Erlebnisse des noch-nicht-ganz-Teenagers Laura und ihrer Freundinnen. Die jungen Leserinnen werden sich mit den Sorgen und Nöten der schüchternen Laura gut identifizieren können. Wer fühlt sich nicht manchmal den gewitzteren Freundinnen unterlegen und wünschte, er wäre wie sie? Wer hätte in dem Alter nicht tausend Fragen über das Leben und die Liebe und niemanden, dem er sie sinnvollerweise stellen könnte? Die Erwachsenen verstehen einen sowieso nicht und die Altersgenossen haben selber keine Ahnung.

Ein paar der wichtigsten Fragen beantwortet dieses Buch.

Wer die Pubertät schon lange hinter sicht hat, und das Buch trotzdem liest, wird unwillkürlich an die eigene Jugend erinnert. So wie Laura ging es uns doch allen mal. Und peinliche Eltern hatten wir auch ’“ lange, bevor wir selbst welche wurden.

Die Autorin und der Verlag sind aus Österreich, was sich sprachlich bei einzelnen Begriffen und Redewendungen bemerkbar macht. Familiäre Klänge für die Rezensentin, ein wenig fremd vielleicht für Leserinnen aus Deutschland oder der Schweiz. Doch auch wenn die aktuelle Jugendsprache regional ein wenig abweichen mag: Die Geschichte selbst könnte fast überall auf der Welt spielen. Die Probleme der Pubertät sind eben überall gleich.

Ob die jugendlichen Leserinnen den Zeit- und Perspektive-Wechsel in dem Buch bemerken werden? Während der größte Teil der Geschichte in der Vergangenheitsform und in der 3. Person erzählt wird, also von einem allwissenden Erzähler, der darüber im Bilde ist, was in den Köpfen sämtlicher Personen vor sich geht, wird der wichtigste Teil der Party von Laura selbst und in der Gegenwart erzählt. Vielleicht weil so ihre Gefühle, ihre Verwirrung und die Tatsache, dass sie entscheidende Momente des Festes alkoholbedingt gar nicht mitbekommt, am besten deutlich werden. Ein überraschender Kunstgriff, der an keiner anderen Stelle im Buch mehr angewandt wird.

Gesondert gewürdigt werden soll an dieser Stelle die Umschlaggestaltung von Kirsten Straßmann. Das Cover zeigt zwei fröhliche, schwungvolle Mädchen. Es ist in leuchtenden Farben gehalten mit viel Pink dabei. Und mit Glitzerdruck! Das heißt. einzelne Bildelemente sind mit silberfarbenem Glimmer versehen, was man so kaum je auf Buchumschlägen sieht. Ein auffallendes Gestaltungsmerkmal, das die Mädchenbuch-Reihe LIPGLOSS des G&G-Verlags kennzeichnet und das im Umfeld der Rezensentin weibliche Wesen jeglichen Alters spontan fasziniert hat. Man sieht gewissermaßen schon von außen, dass einem dieses Buch glänzende Unterhaltung bieten wird. Und genau das tut es auch.

Die Autorin:
Die österreichische Kinder- und Jugendbuch-Autorin und Illustratorin Adele Sansone lebt mit ihrer Familie in Tirol. Sie erhielt diverse Auszeichnungen für ihre Texte, so unter anderem den Preis Parole senza frontiere für ihr erstes Kinderbuch und den Kinder- und Jugendliteraturpreis des Landes Steiermark für ihren Jugendroman „Hassan“. „Hassan“ wurde in die Liste der empfohlenen Bücher für den Gustav-Heinemann-Friedenspreis aufgenommen. Die Bilderbücher ’žFlorian lässt sich Zeit’œ (Text und Illustration) sowie das in mehrere Sprachen übersetzte Buch ’žDas grüne Küken’œ erhielten gleichfalls internationale Auszeichnungen.

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