Anna Kashina: Das erste Schwert. Fantasy-Roman

Anna Kashina: Das erste Schwert. Fantasy-Roman. OT: The First Sword. Deutsch von Martin Baresch, mit zwei Landkarten von Olga Karengin, Moskau. München 2008, dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21085-0, 637 Seiten, Format 12 x 19 x 3,4 cm, EUR 9,95 (D).

Im Shandorianischen Reich hält man nichts davon, die Dinge dem Zufall zu überlassen. Man denkt und plant vorausschauend. Und da auch in dieser Welt unterschiedliche Gruppierungen höchst unterschiedliche Interessen vertreten, kommt es zu wohl durchdachten und von langer Hand vorbereiteten Intrigen. Als es um die Nachfolge des sterbenden Königs geht, geraten drei ahnungslose Teenager aus der tiefsten Provinz ohne eigenes Zutun zwischen die Fronten – und in tödliche Gefahr.

Das Hohe Konzil
Wer König des Shandorianischen Reichs werden will, muss verschiedene Voraussetzungen erfüllen: Er muss reinblütig sein ’“ was mittels eines makaberen und blutigen Rituals, der Königsprobe, verifiziert wird -, und er muss einen lebenden Erben haben.

König Daegar liegt im Sterben. Die Kirche präsentiert zwar einen Erben, doch dieser junge Mann macht keinen geistig gesunden Eindruck und wäre allenfalls ein Marionettenkönig. Hochgebieter Evan Dorn, der aufgrund verwandtschaftlicher Verhältnisse der nächste in der königlichen Erbfolge wäre, kann keinen Erben vorweisen. Sein Kind wurde vor siebzehn Jahren als Säugling positiv auf die Ghaz Alim, die Anlage zu ungewöhnlichen Geisteskräften, getestet und auf Weisung der Kirche getötet.

Oder vielleicht doch nicht? Denn der Priester, der den toten Säugling und das Erste Schwert, das für die Königsprobe benötigt wird, in Kloster Aknabar hätte bringen sollen, wurde unterwegs entführt. Seitdem ist das Schwert verschwunden. Was ist da sonst noch passiert?

Das Hohe Konzil, das die Thornfolge klären soll, erreicht nichts. Hochgebieter Evan Dorn weigert sich, auf seinen Thronanspruch zu verzichten. Und da das Schwert zur Königsprobe ohnehin nicht zur Verfügung steht, wird die Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagt.

Die Heilige Kirche
Ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor ist die Heilige Kirche ’“ eine Furcht einflößende und machtgierige Organisation. Und der ’žheiligste’œ von allen ist der Allheilige Vater Haghos, der mit seiner rigiden Sittlichkeits- und Fortpflanzungspolitik dafür sorgt, dass kein Mensch mit ungewöhnlichen Ghaz Alim-Gaben das Erwachsenenalter erreicht. Verdächtige Erwachsene bekommen erst gar keine Heiratserlaubnis, und Neugeborene werden seit Jahren gleich nach der Geburt auf die Gabe getestet und gegebenenfalls sofort getötet. Unkontrollierbare Geisteskräfte in der Bevölkerung sind nicht erwünscht.

Den Mächten der Kirche wäre nicht daran gelegen, dass Evan Dorns PSI-begabter Sohn noch lebt. Ein späterer König mit Ghaz Alim-Kräften wäre ihnen ein Gräuel ’“ und ein Risiko.

Die Bewahrer des Wissensbuchs
Der Orden der Bewahrer des Wissensbuchs steht zur Heiligen Kirche in Opposition. Was die Kirche als Gefahr ansieht ’“ die Erbanlagen mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten ’“ sehen sie als Chance für die Menschheit an, sich weiter zu entwickeln. Sie bewahren uraltes Wissen und gefährdete Blutlinien. Die Ordensmitglieder selbst sind auch nicht gerade Durchschnittsbürger: Sie betreiben wissenschaftliche Forschungen in ihren Laboratorien, und das in einer Welt, in der Wissen in erster Linie Herrschaftswissen der Kirche ist. Und sie haben eine Möglichkeit gefunden, den Alterungsprozess extrem zu verlangsamen. Sie sind unnatürlich langlebig.

Die Bewahrer hätten durchaus Interesse an einem Königssohn mit Ghaz Alim-Fähigkeiten.

Die Majat-Assassinen
Eine Klasse für sich ist die Gilde der Majat-Assassinen, speziell ausgebildete Kämpfer, die sich als Söldner verdingen. Hat ihr Auftraggeber erst einmal ihr Unterpfand, einen Sternendolch mit ihrem Rangabzeichen, gibt es für den Majat kein Zurück mehr: Er muss seinen Auftrag erfüllen, ganz egal, was er persönlich davon hält. Assassinen können sich keine eigene Parteilichkeit erlauben, sie sind zum Kämpfen da und zu sonst nichts. Aufgrund dieses strikten Neutralitätsgebots hat die Gilde auch wenig Skrupel, Assassinen an rivalisierende Parteien zu vermieten und damit gegeneinander antreten zu lassen.

Die besten und erfolgreichsten dieser Kämpfer sind die so genannten Diamant-Assassinen. Noch nie hat einer von ihnen versagt. Und so ist es kein großes Wunder, dass gleich zwei dieser Diamant-Majaten auf den mutmaßlichen Nachkommen des Evan Dorn angesetzt sind. Einer soll ihn beschützen, der andere ihn der Kirche ausliefern.

Die Kinder des Schmieds
Von all diesen Vorgängen haben Skip, Erle und Ellah, drei Teenager aus den entlegenen Waldlanden, allenfalls eine schemenhafte Vorstellung. Die siebzehnjährigen zweieiigen Zwillinge Skip und Erle sind die Söhne des Schmieds von Eichenhain, die gleichaltrige Ellah, eine verwaiste Nachbarstochter, ist wie eine Schwester mit ihnen aufgewachsen.

Ist es ihr Glück oder ihr Unglück, dass die drei sich an der Grenze zu den Graslanden herumtreiben, statt in der Sumpfstadt die Einkäufe des Schmieds abzuholen? Schwer zu sagen. Sie werden Zeuge, wie drei Echsenreiter einen Adeligen aus den Westlanden angreifen. Als reitende Nomaden die Attentäter vertreiben, sehen sie nach dem schwer Verletzten. Der sterbende Mann überreicht ihnen ein Päckchen, das sie dem Dorfpriester bringen sollen. Er kann noch sagen: ’žDas Kind muss das Dorf verlassen’œ und ’žBringt das Schwert zu den Bewahrern’œ, dann ist er tot.

Die Nomaden kommen zurück und transportieren die Leiche ab, und Skip, Erle und Ellah besinnen sich auf ihren Auftrag und fahren endlich in die Sumpfstadt. Als sie am nächsten Morgen wieder nach Hause fahren wollen, finden sie ihre Einkäufe durchwühlt. Das hält sie auf, und so kommen sie mit erheblicher Verspätung in Eichenhain an. Dort warten schlechte Nachrichten auf sie: Der Dorfpriester ist tot, die elterliche Schmiede gebrandschatzt, und der Schmied ist schwer verletzt bei Ellahs Großmutter untergekommen.

Damit nicht genug: Der neue Dorfpriester will als erstes alle Jugendlichen einer erneuten Ghaz Alim-Prüfung unterziehen. Die Kirche sucht angeblich ein Kind, das nicht in die Waldlande gehört. Ellah, die einer priesterlich nicht abgesegneten Verbindung entstammt, wurde nie gestestet. Und da Priester und Wachen im Dorf sind, die sich explizit für die Söhne des Schmieds interessieren, halten die Erwachsenen es für ratsam, dass alle drei Jugendlichen untertauchen. Vor allem, nachdem sich der Inhalt des Päckchens, das der ermordete Adelige bei sich trug, als Unterpfand eines Diamant-Majat entpuppt hat. Die Lage ist für die drei Jugendlichen zwar unbegreiflich, aber offensichtlich ernst.

Als die Jungs die niedergebrannte Schmiede nach noch brauchbaren Gegenständen durchsuchen, finden sie in einem Geheimfach ein Schwert. Und aus dem Untertauchen wird eine Mission, denn der Schmied erzählt ihnen genau dasselbe wie der sterbende Adelige: Das Schwert muss unverzüglich den Bewahrern übergeben werden. Skip, Erle und Ellah müssen nun quer durchs Reich reisen und es in die Weiße Zitadelle bringen.

Begleitet werden sie von der jungen olivianischen Schwertkämpferin Kara, die sie in der Sumpfstadt kennen gelernt haben und die im Zielgebiet eigene Pläne hat. Und wenn es stimmt, was der Schmied sagt, lohnt es sich für sie, die drei Teenager und das Schwert unbeschadet bis zur Weißen Zitadelle zu bringen, weil die Bewahrer sie entlohnen werden.

Die Reise verläuft abenteuerlich. Schon die erste Etappe, die Durchquerung des Dunklen Pfuhls, eines unheimlichen Sumpfgebiets, hätten die vier ohne die Hilfe eines alten Bekannten, des Pfuhlgängers Garnald, vermutlich nicht überlebt. Unbekannte Lebensformen und gefährliche Verfolger, die im Auftrag der Kirche unterwegs sind, machen ihnen schwer zu schaffen. Dazu gibt es Spannungen innerhalb der Gruppe.

Die Waldbewohner kommen auf ihrer Reise in exotische Regionen und in riesige Handelsstädte. Sie lernen vollkommen fremde Kulturen kennen, indem sie z.B. mehrere Monate mit den als gottlos geltenden Cha’™ori-Nomaden reiten. Die Seherin des Stammes warnt sie vor ihrer Reisebegleiterin Kara, doch die Kinder des Schmieds nehmen das nicht ernst. Kara ist zwar alles andere als auskunftsfreudig, was ihre Person angeht, aber hat sie ihnen nicht schon mehrfach das Leben gerettet? Zudem sind Skip und Kara einander näher gekommen. Wie kann sie dann seine Reisegruppe in Gefahr bringen wollen?

Schritt für Schritt wird den drei jungen Leuten aus der Provinz klar, dass die Welt wesentlich komplexer, vielfältiger und gefährlicher ist, als man es auf dem Dorf je für möglich gehalten hat. Und so langsam erschließen ihnen auch ein paar Zusammenhänge: Einer von ihnen wird offenbar für den Erben des künftigen Königs gehalten. Deshalb ist alle Welt hinter ihnen her.

Showdown in Aknabar
In Aknabar gerät die Gruppe in einen Hinterhalt, und plötzlich befinden sich Skip, Erle und Ellah in der Hand der Heiligen Kirche. Es kommt zum dramatischen Showdown. Und nun zeigt sich, wer Freund und wer Feind ist. Und die Waldleute erleben mehr als nur eine Überraschung.

Wird sich wirklich einer von ihnen als Mitglied des Königshauses erweisen? Wenn ja, sollten sie besser gleich den richtigen Kandidaten der Königsprobe unterziehen. Denn nur jemand von königlichem Geblüt überlebt einen Stich ins Herz mit dem Ersten Schwert …

Nein, das ist keines der ’žFantasy-Roadmovies’œ, wie man sie schon hundertfach kennt. Das ist ein ausgeklügeltes Intrigenspiel, bei dem Aufklärung gegen Verdummung kämpft und alle Seiten ohne Rücksicht auf Verluste Unschuldige in ihre Machenschaften hineinziehen. Hier muss man auch nicht an Zauberei glauben, um ein Fantasy-Abenteuer genießen zu können. Selbst scheinbar magische Phänomene haben eine logische Erklärung. Okay … die meisten!

Die Heldinnen und Helden liegen im angenehmen charakterlichen Graubereich. Es sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Vor allem Skip, der junge Mann mit den Alpträumen und der Angst vor Wasser, der mutig zu einer Mission aufbricht, die er erst im Lauf der Zeit zu verstehen beginnt, ist sehr sympathisch. Und über die interessante, mysteriöse ’žKampfmaschine’œ Kara wüsste man gerne noch mehr. Ein wahrhaft schillernder Charakter!

Die Handlung ist intelligent, raffiniert und packend, die Personen wirken erfreulich real, die Sprache ist bildhaft und geradezu poetisch ’“ und nun wüsste man gerne, wie es weitergeht. Was sind das für geheimnisvolle Andeutungen, die der Allheilige Vater über die Gefahr macht, die angeblich aus dem westlichen Bengaw droht? Und was wurde eigentlich aus dem Schmied? Wie geht’™s nun weiter im Shandorianischen Reich? Was wird mit Skip und Kara?

Wir werden uns noch ein wenig gedulden müssen. ’žDas erste Schwert’œ ist Band 1 einer Trilogie. Band 2 ist fertig, an Band 3 arbeitet die Autorin gerade. Hoffen wir, dass die Bücher dann auch zügig ins Deutsche übersetzt werden! Gern auch wieder von Martin Baresch.

Die Autorin
Anna Kashina wurde in Russland geboren, ist Molekularbiologin und lebt in den USA, wo sie an der University of Pennsylvania eine Professur für Biochemie innehat.

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