Tom Kahn: Das Tibetprojekt

Tom Kahn: Das Tibetprojekt, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3423-21119-2, 412 Seiten, Format: 12 x 19 x 2,3 cm, EUR 9,95

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„Die meisten suchen in Tibet das Paradies.“
„Wir nicht. Wir suchen die Hölle.“

Der deutsche Historiker und Querdenker Dr. Philipp Decker fühlt sich geschmeichelt: Nachdem er in einer TV-Talkshow seine provozierenden Thesen zur menschlichen Natur und den Religionen zum Besten gegeben hat, spricht ihn die überaus attraktive Chinesin Li Mai an.

Schnell stellt sich heraus, dass sie das nicht (nur) tut, weil sie den erfolgreichen Wissenschaftler attraktiv findet oder weil sie seine Ansicht teilt, dass nicht Gott die Menschen erschaffen habe sondern umgekehrt. Li Mai ist Major des chinesischen Geheimdiensts und sie handelt im Auftrag ihrer Regierung.

Decker soll für die Volksrepublik China tätig werden. Dort braucht man einen neutralen, kritischen und unabhängigen Menschen, der sich um einen internationalen Zwischenfall kümmert. Sie möchten, dass er mit nach Tibet kommt und dort den Mord an einem pensionierten deutschen Wissenschaftler aufklärt. Mit letzter Kraft hatte sich der Sterbende mit seinem eigenen Blut ein Hakenkreuz auf den Handrücken gezeichnet. Und nun will man unbedingt den Hintergrund des Vorfalls klären. Das ist jedenfalls das, was der deutsche Botschafter in Peking und Li Mai dem verdutzten Historiker erzählen.

Warum der Fall unbedingt innerhalb einer Woche geklärt werden muss, das sagen sie ihm nicht.

Decker hat gerade keine anderweitigen Verpflichtungen und ist Abenteuern generell nicht abgeneigt. Insbesondere mit der schicken Chinesin hätte er gerne eins. Auch wenn ihm alles andere als klar ist, welche Interessen seine Auftraggeber verfolgen, sagt er zu und sitzt wenige Stunden später in einem Flugzeug nach China.

Über wie viel Geld und Einfluss seine Auftraggeber verfügen, zeigt sich schon beim Antritt der Reise. Decker fliegt nicht etwa mit einer schnöden Linienmaschine ins Reich der Mitte, sondern mit einem luxuriös ausgestatteten Privatjet. ’žDie Kabine wirkte wie eine elegante Lounge im asiatischen Stil. (…) An einigen Stellen war die Verkleidung zur Seite gefahren und dort befanden sich große Plasmabildschirme, zusätzliche Monitore, Computer, Kommunikationseinrichtungen, eine Bar und eine Hifi-Anlage. Überall summten leise Kühlgebläse und blinkten Dioden von Computern. Eine globale Kommandozentrale.’œ (Seite 120)

So stellt sich jemand, der von Recherchen lebt, den Himmel vor.

Nicht nur die Technik ist vom Feinsten, die Chinesen scheinen auch über allerbeste Kontakte zu verfügen. Egal, welchen hochkarätigen Experten in welchem entlegenen Winkel der Welt Dr. Decker auch zu sprechen wünscht, Li Mai stellt umgehend eine Verbindung zu ihm her.

Dr. Decker nutzt die Flugzeit, um sich zunächst über mögliche Verbindungen von Tibet zu Nazideutschland klar zu werden. Denn der einzige Anhaltspunkt, den er hat, ist nun mal das blutige Hakenkreuz auf der Hand des toten Wissenschaftlers. Er stößt dabei auf die ’žForschungsstätte Ahnenerbe’œ, das kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Heinrich Himmler ins Leben gerufen wurde. Die Nazis vermuteten den geistigen und biologischen Ursprung der arischen Rasse in Tibet. Die Lehre vom Herrenmenschen sollte mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Materialien untermauert werden.

War Hitler etwa auf der Suche nach einer neuen Religion fürs deutsche Volk? Wenn ja, was wollte er dann ausgerechnet vom harmlos-friedvollen tibetischen Buddhismus? Mit einem Volk gewaltfreier Gutmenschen wäre ihm doch gar nicht gedient gewesen!

Oder hat das Hakenkreuz auf der Hand des Mordopfers am Ende gar nichts mit den Nazis zu tun? Eine Variante dieses Symbols gibt es auch im Buddhismus. Allerdings spiegelverkehrt zu dem der Nazis. Wurde das Foto vom toten Professor vielleicht manipuliert? Wenn ja, von wem? Und warum? Aber wenn es nur um den Buddhismus geht, warum interessieren sich dann Nazis verschiedener Altersklassen für den Vorfall?

Der Privatjet landet in Peking, doch Decker und Li Mai bleiben an Bord ihres Hochsicherheits- und Hightech-Bürojets und betreiben weiter ihre Recherchen. Ein Besuch von einem Veteranen des Tibet-Feldzugs bringt Decker auf ungeheuerliche Ideen: Kann es sein, dass die Welt ein ganz falsches Bild vom tibetischen Buddhismus hat? Sind die Tibeter und ihr Glaube gar nicht so friedlich und gewaltfrei, wie man gemeinhin denkt? Was weiß man eigentlich von der Geschichte Tibets? Und wie kam der Buddhismus aufs Dach der Welt?

Decker stößt bei seinen Nachforschungen auf die Kampas, die älteste Kriegerrasse der Menschheit, auf die tibetischen Reiter in Dschingis Khans berüchtigter Goldener Horde und auf die alte Religion der Tibeter, den Bön, der sogar eine Gottheit für Banditen und Räuber kannte. Hat die alte Religion noch irgendwo überlebt? Ist der tibetische Buddhismus überhaupt ein richtiger Buddhismus? Oder dominieren hier Einflüsse ganz anderer Art?

Und was hat es mit dem ominösen ’žTempel des Schreckens’œ auf sich, bei dessen Erwähnung alle Gesprächspartner schlagartig schweigsam werden? War es dieser Tempel, den die Nazis gesucht haben? Was verbirgt sich dort? Hat der ermordete Professor genau das herausgefunden und musste deshalb sterben?

Decker und Li Mai haben nur eine Möglichkeit, das herauszubekommen: Sie müssen diesen Tempel finden. Eine Spur führt nach Lhasa. In der Stadt angekommen, stellen Li Mai und ihre Leute fest, dass sie bei weitem nicht die einzigen sind, die sich für diesen unheimlichen Ort interessieren. Und dass die Wahrheit noch viel, viel schrecklicher ist als alles, was sie sich jemals hätten ausmalen können …

Und warum nun musste dieses Rätsel unbedingt innerhalb einer Woche gelöst werden? Die Antwort darauf grenzt schon an ein Gaunerstück. Oder sagen wir: Sie zeugt zumindest von enormem Weitblick, Menschenkenntnis und raffinierter strategischer Planung.

Der Roman ist ein Phänomen: Über weite Strecken passiert nichts weiter, als dass intelligente und gut ausgebildete Menschen in einem Hightech-Büro sitzen, recherchieren, diskutieren, Experten aus aller Welt konsultieren ’“ und dabei den tibetischen Buddhismus sezieren. Wie Dr. Decker und Li Mai Schritt für Schritt die Puzzleteilchen zusammentragen und zu einem überraschenden Bild zusammenfügen, das ist unglaublich faszinierend und steht den Action-Szenen in punkto Spannung in nichts nach.

Nie wieder wird man nach Lektüre dieses Science Thrillers etwas über Tibet, den Buddhismus oder den Dalai Lama hören oder lesen können, ohne sich zu fragen, ob hier wirklich alles so ist wie es scheint.

Zu gerne wüsste man, wo Tom Kahns Roman die nachprüfbaren Fakten verlässt und in Fiktion übergeht. Dass der Autor nicht wild fabuliert, sondern sehr gut weiß, wovon er schreibt, legt seine Biographie nahe: Tom Kahn ist das Pseudonym eines Frankfurter Schriftstellers, der Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert hat und seine Diplomarbeit über den Dalai Lama schrieb.

Wohl selten hat man bei einem Thriller das Bedürfnis nach einem Literaturverzeichnis, das einem helfen könnte, ein Thema weiter zu vertiefen. Hier wäre eine Liste mit weiterführender Literatur zu Tibets Geschichte und Religion, dem Ahnenerbe, dem Bön und dem Dalai Lama eine tolle Ergänzung gewesen. Dieser Wissenschafts-Thriller ist eben rundum etwas Besonders.

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