Renata Petry: Hilgensee – Roman

Renata Petry: Hilgensee ’“ Roman, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24697-2, 478 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, Euro 14,90 [D], 15,40 [A], sFr 25,80.

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Deutschland 1904: Nachdem ihre Familie die Heirat mit einem nicht standesgemäßen Wissenschaftler erfolgreich hintertrieben hat, tritt die 30-jährige Annette ’žÄnne’œ von Schalk in Hilgensee ein, einem Stift für adelige protestantische Fräulein. Kaum angekommen, fragt sie sich schon, ob das die richtige Entscheidung war. Ihre Stiftsschwestern sind eine Ansammlung sonderbarer Charaktere und ausgerechnet die ihr unsympathischste, Vikarin Alwine von Hohenhagen, wird ihre Mentorin.

Änne kann in der Damenrunde weder mit einem attraktiven Äußeren noch mit einer eindrucksvollen Familie punkten. Ihre skandalumwitterte französische Großmutter, die Comtesse de Clarigny, ist eher keine Empfehlung. Besondere Interessen und Talente hat Änne auch nicht. Nur, weil sie angibt, gerne zu lesen, landet sie als Assistentin von Elsbeth von Hasleben in der Stiftsbibliothek.

Elsbeth passt es gar nicht, dass man ihre eine Mitarbeiterin aufzwingt, denn sie hat ein Geheimnis, das Änne von Schalk nicht lange verborgen bleibt ’“ wenn sie auch erst einer Interpretationshilfe der lebenserfahrenen Gertrud von Rohda bedarf, um die Zusammenhänge zu begreifen.

Änne staunt: Die über siebzigjährige Gertrud ist ja gar nicht so hinfällig, wie sie immer tut, sondern pfiffig und kreativ und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat auch gleich einen originellen Plan parat, wie man Elsbeth von Hasleben helfen könnte. Doch ehe ihr Hilfsprogramm greifen kann, geschieht Dramatisches: Stiftsschwester Dorette von Schlohfeld entdeckt einen geköpften Hahn, der an einem Apfelbaum aufgeknüpft wurde, und erleidet vor Schreck einen Schlaganfall. Und Elsbeth von Hasleben wird tot in der Orangerie aufgefunden.

Der gockelhaften junge Assessor aus der Residenzstadt erklärt nach einer hastigen Ermittlung den Todesfall zum Selbstmord. Mit diesem Ergebnis sind Alwine von Hohenhagen und Gertrud von Rohda gar nicht einverstanden. Sie beschließen, selbst nachzuforschen und hätten dabei aus verschiedenen Gründen gerne die Unterstützung von Änne von Schalck. Änne ist nicht begeistert von der Idee, aber Alwine und Gertrud können sehr überzeugend sein. Und es gibt ja auch mehr als genügend mysteriöse Ereignisse im Damenstift, denen man dringend auf den Grund gehen müsste:

* Was hat es mit dem geköpften Hahn auf sich? Wer hat ihn aus welchem Grund in den Apfelbaum gehängt?
* Wer hat Elsbeth von Hasleben ermordet? Denn ein Freitod war das auf gar keinen Fall.
* Starb eigentlich Herma von Heidblum, die bis vor kurzem Änne von Schalcks Zimmer bewohnt hat, eines natürlichen Todes?
* Und war besagte Herma in den letzten Wochen ihres Lebens tatsächlich verwirrt, oder hatten die Stimmen, die sie von ihrem Zimmer aus gehört haben wollte, reale Verursacher?
* Hängen all diese unerhörten Vorfälle zusammen? Gertrud von Rohda hat da eine Theorie …

Nachdem auch Änne beginnt, Stimmen durch die Wand ihres Zimmers zu hören, schließt sie sich den detektivischen Stiftsschwestern an. Als weitere geköpfte Kreaturen auf dem Gelände gefunden werden, wissen die drei Damen, wo sie mit ihren Nachforschungen ansetzen müssen. Sie stöbern in den Chroniken des Stifts und kommen einem uralten, schaurigen Ritual auf die Spur. Zu ihrem Entsetzen verdichten sich die Hinweise, dass es nicht bei geköpften Tieren bleiben wird.

Den drei Damen wird zweierlei klar: Sie müssen jetzt schnell handeln, ehe es zu einem weiteren Mord kommt. Und sie sind dabei auf sich allein gestellt, denn diese Geschichte glaubt ihnen kein Mensch. Was sie nicht wissen: Die Übeltäter haben inzwischen mitbekommen, dass zumindest Änne von Schalck ihnen dicht auf den Fersen ist …

Renata Petry beschreibt ihre Charaktere und deren Tun in dem liebevoll-spöttelnden Ton, in dem man oft die Eskapaden geschätzter aber leicht verschrobener Zeitgenossen zu schildern pflegt. Dies tut sie, ohne je respektlos zu werden oder die Personen vorzuführen. Da ist Änne von Schalck, bieder, farblos, schlecht frisiert, die angesichts der schrecklichen Ereignisse in Hilgensee über sich hinauswächst. Oder die spitzzüngige Vikarin Alwine von Hohenhagen mit dem spöttischen Blick, einer tragischen Familiengeschichte und der befremdlichen Vorliebe fürs Kartenlegen. Und, nicht zu vergessen, Gertrud von Rohda, die gern mal die senile alte Schachtel spielt, wenn es ihren Plänen nützlich ist, die aber in Wahrheit sehr gewitzt ist und über eine Menge verblüffender Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt.

Selbst die Nebenfiguren haben es in sich: die plagiierende Stiftsdichterin Cornelie … die Priorin, die ihre ganz eigenen Pläne verfolgt … der eitle Assessor und seine flatterhafte Verlobte … die jungen Stiftsfräulein, die sich um die paar wenigen attraktiven Männer in ihrem Umfeld balgen …

Auch wenn der hochdramatische Showdown dank Gertrud von Rohda und der beherzten Priorin ein paar herrlich komische Momente hat, wird die Geschichte an keiner Stelle albern oder lächerlich. HILEGENSEE ist ein unterhaltsamer Krimi im historischen Ambiente mit sympathisch-schrulligen Charakteren und einem leicht ironischen Erzählton. An die drei grundverschiedenen adeligen Detektivinnen im Damenstift könnte man sich gewöhnen, doch Serienheldinnen werden sie wohl nicht werden. Schade, eigentlich.

Im Fortgang der Geschichte wünscht man sich manchmal eine Auflistung der Personen, denn all die adeligen Familiennamen sind nicht einfach zu merken und auseinander zu halten: Wer war noch mal das Fräulein von Dechow? Ach ja, Cornelie, die abschreibende Dichterin! Doch auch wenn man sich bei den vielen ’žvons’œ konzentrieren muss ’“ dem spannenden und amüsanten Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.

Die Autorin
Renata Petry wurde in Großburgwedel bei Hannover geboren und lebt heute in Dänemark. Sie hat bereits zwei historische Romane veröffentlicht und war viele Jahre als Juristin tätig.

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