Martin Wehrle: Ich arbeite in einem Irrenhaus – Vom ganz normalen Büroalltag

Martin Wehrle: Ich arbeite in einem Irrenhaus  – Vom ganz normalen Büroalltag. Mit großem Irrenhaus-Test, Illustrationen von Dirk Meissner, Berlin 2011, Econ/Ullstein Buchverlage GmbH, ISBN 978-3-430-20097-4, Softcover, 283 Seiten, Format: 13,5 x 20,5 x 3 cm, EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A)

’žWo jeden Tag Berge an irrsinnigem Mist produziert werden, ist die Forke der Vernunft nur eine Kuchengabel, viel zu klein, um etwas auszurichten. Wer ein Irrenhaus als vernünftiger Mensch betritt, hat keine Garantie dafür, dass er es im selben Zustand wieder verlässt. Der Irrsinn färbt ab.’œ (Seite 238/239)

Karriereberater Martin Wehrle blickt seit Jahren täglich hinter die Fassaden deutscher Unternehmen. Was er da sieht und hört, ist oft der blanke Irrsinn. In seinem Buch zeigt er, dass dieser Wahnsinn Methode hat ’“ und wie man ihm entkommen kann.

Die 41 Paragraphen der Irrenhaus-Ordnung, die er aus dem Wahnsinn herausdestilliert hat, dürfte nahezu jeder abhängig Beschäftigte wissend abnicken. Und in manch einem der haarsträubenden Fallbeispiele erkennt man die eigene Realität wieder ’“ oder die Klagelieder seiner Freunde und Verwandten.

Einige Erklärungen hat man sich als erfahrener Arbeitnehmer schon selbst zusammengereimt und fühlt sich bestätigt, wenn ein anerkannter Fachmann zu ähnlichen Schlüssen kommt wie man selbst. Über andere Aspekte des Wahnsinns hat man sich noch gar keine Gedanken gemacht und bekommt hier wertvolle Denkanstöße.

Wir lernen hier zum Beispiel, dass es ’“ neben irren Einzeltätern ’“ einen branchen- und einen firmeninternen Irrsinn gibt. Dem Branchenirrsinn entkommt man nur, wenn man sich beruflich vollkommen neu orientiert. Nur die Firma zu wechseln, bringt da nichts. Eine Bank ist eine Bank ist eine Bank.

Der firmenspezifische Irrsinn dagegen ist von Haus zu Haus verschieden. Man muss einfach so lange suchen, bis man die Irren findet, zu denen man am besten passt. Wie das geht, verrät uns der Autor natürlich auch. Mit Hilfe des Internets ist das heute wesentlich einfacher zu bewerkstelligen als noch vor 20 Jahren. Man muss nur wissen, wie man seine Netzwerke dafür nutzen kann.

Wenn man all das schon als Berufsanfänger gewusst hätte, wäre einem so mancher Griff ins Klo erspart geblieben!

Dass man in kleinen Familienklitschen anders spinnt als in international agierenden Konzernen, hat man sich ja schon gedacht. Doch dass der Irrsinn in Phasen verläuft, wobei manche Beklopptheit vergeht und andere besteht, das dürfte nicht allgemein bekannt sein ’“ und ist gut zu wissen. Es gibt also tatsächlich Spielarten des Firmenwahnsinns, die man aussitzen kann.

Woher der ganze Firmenirrsinn kommt, wird deutlich, wenn man sich Wehrles Typologie der Firmenkulturen anschaut:

1. Die Dorfkulturfindet man bevorzugt bei Neugründungen, in Klein- und in Familienbetrieben. Die Geschäftsidee steht im Vordergrund. Beim organisatorischen Drumherum wird fröhlich dilettiert.

2. Eine Dschungelkultur bekommt man dann, wenn eine kleine Firma wächst und das unbekümmerte Gewurstel der Gründerzeit nicht mehr ausreicht, um das Chaos zu domptieren. Jetzt wäre es an der Zeit, professionelle Strukturen zu schaffen.

3. Die Stadtkultur ist das Gegenteil des anarchischen Dschungellebens: Hier wuchert nicht das Chaos, sondern die Bürokratie.

4. Die Wanderkultur ist so eine Art Firmenhölle. Wer hier arbeitet, will nichts wie raus. Wenn doch Leute 1 bis 2 Jahre bleiben, dann nur, weil sie sich ihren Lebenslauf nicht durch einen fluchtartigen Jobwechsel versauen möchten.

Auch fließende Übergänge und Mischformen sind möglich.

Sind Mitarbeiter und Struktur nicht kompatibel, kann das nichts Gutes werden. Doch wie einer Firma tickt, lässt sich zum Glück schon im Vorfeld einigermaßen zuverlässig herausfinden. Sitzt der Insasse allerdings schon im falschen Irrenhaus und will sich nicht dauerhaft verbiegen, hilft nur noch der Wechsel in eine passendere Anstalt. Denn von innen heraus verändern lassen sich die Strukturen nicht … zumindest nicht vom einfachen Mitarbeiter. Manche Un(te)rarten des Wahnsinns kann man mit etwas Glück und Kreativität unterlaufen, mehr aber auch nicht. Beispiele dafür liefert das Buch.

Statt sich als Bewerber nur darauf zu konzentrieren, sich für den potenziellen Arbeitgeber so attraktiv wie möglich darzustellen, sollte man also auch darauf achten, wie die Firma ihrerseits auf einen wirkt. Egal, wie seriös und freundlich man sich dort geben mag: Irrsinn lässt sich nicht komplett unterm Deckel halten. Es gibt Warnzeichen! Man muss sie nur erkennen können.

Darüber hinaus erfahren wir in dem Band, was beim Bewerbungsprozess alles schief gehen kann … was man über Visionen und Imagepflege von Unternehmen wissen sollte … die Wahrheit über Seminare und Fortbildungsmaßnahmen … wie sich der XXL-Wahnsinn der Konzerne äußert … welche entsetzlichen Auswirkungen Restrukturierungsmaßnahmen und Fusionen haben können ’“ und noch viele andere nützliche Dinge mehr.

Darüber, ob und wie sehr der eigene Arbeitgeber spinnt, gibt DER GROSSE IRRENHAUSTEST ab Seite 214 Auskunft. Und wer mittlerweile zu dem Schluss gekommen ist, dass er dringend die Anstalt wechseln muss, für den gibt es DAS GROSSE FRÜHWARNSYSTEM ’“ 25 Tipps und Hinweise zur Erkennung und Meidung irrer Firmen … damit man nicht vom Regen in die Traufe kommt. Auch wenn man heutzutage auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders wählerisch sein kann: Einem unzumutbaren Irrenhaus sollte man wenn irgend möglich aus dem Weg gehen.

Dieses ebenso informative wie unterhaltsame Buch tut nicht nur was für den Durchblick, es trainiert auch noch die Nackenmuskeln: Man ertappt sich dabei, beim Lesen abwechselnd kräftig zu nicken, weil man so vieles wiederkennt, und heftig den Kopf zu schütteln angesichts der beschriebenen Zustände.

Bei den grotesken Fallbeispielen weiß man oft nicht, ob man laut loslachen, aus Mitleid weinen oder vor Wut schreien soll. Die Erlebnisse der ’žInsassen’œ sind komisch und tragisch zugleich. Dummerweise sind es keine phantasievoll erdachten Abenteuer aus Absurdistan, sondern der ganz normale Wahnsinn in diversen Unternehmen. Da ist man schon froh und erleichtert, wenn beim Test herauskommt, dass der eigene Arbeitgeber nur zu den milde bis mäßig Meschuggenen gehört. Ein bisschen ’žGagaismus’œ findet man überall. Was Menschen machen, ist eben nie perfekt.

Der Autor
Martin Wehrle war Manager in einem Konzern und Chefredakteur, bevor er Business Coach und Bestsellerautor wurde. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

2 Kommentare

  1. Unbedingt lesen. Der Wahnsinn verhindert das gute Leute an den richtigen Stellen sitzen. Heute erscheint die ZEIT mit dem Titel „Nullen, die die Welt regieren“, gemeint sind die Milliarden. Man könnte es aber auch anders interpretieren.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.