Heike Abidi: Marrakesh Nights (12 – 15 Jahre)

Heike Abidi: Marrakesh Nights, Münster 2014, Coppenrath Verlag, ISBN 978-3-649-61762-4, Hardcover, 266 Seiten, Format: 21,2 x 15 x 2,8 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: © Verlag Coppenrath
Abbildung: © Verlag Coppenrath

Ihre Sommerferien hat sich die Frankfurter Gymnasiastin Leonie Madouni, 17, auch anders vorgestellt. Frisch verliebt in den Neuen an der Schule, den Basketball-Star Daniel, würde sie für ihr Leben gern mit ihm und einer Clique zum Zelten nach Spanien fahren. Doch ihre „Oldies“ sagen rigoros „nein“ und sind durch nichts umzustimmen. Das mag zum Teil an ihrem marokkanischen Vater Latif liegen, der in manchen Dingen doch etwas strenger ist als die Eltern ihrer Schulfreunde.

Da der Familienurlaub (Camping im Schwarzwald! Schnarch!) wegen eines personellen Engpasses im familieneigenen Restaurant „Marrakesh Nights“ dieses Jahr ausfallen muss, aber Leonie nicht gänzlich aufs Reisen verzichten soll, kommen ihre Eltern auf die Idee, sie für drei Wochen zur marokkanischen Verwandtschaft nach Agadir zu schicken.

Leonie ist entsetzt und tut gerade so, als käme sie zu fremden Leuten irgendwo am staubigen Allerwertesten der Welt. Dabei kennt sie ihre Verwandten gut. Bis vor zwei Jahren haben Onkel Karim, Tante Rabea und deren Kinder noch in Heidelberg gelebt. Es gibt also nicht einmal Sprachbarrieren. Der Onkel ist Ingenieur, die Tante Hotelmanagerin und Agadir eine Hafen- und Touristenstadt am Atlantik mit rund 600.000 Einwohnern. Was also ist das Problem, außer das Daniel nicht dabei ist?

Maja Keller, Leonies beste Freundin, wäre nur zu gern an ihrer Stelle. Sie kann sich gar keinen Urlaub leisten und Marokko wäre für die passionierte Fotografin ein Traum. Dort könnte sie sicher tolle Fotos für ihre Bewerbungsmappe schießen und für einen Fotowettbewerb gleich dazu. Für die Madounis ist das kein Problem. Dann fliegt Maja eben mit nach Agadir.

Die Familie des Onkels ist großzügig und gastfreundlich. Cousine Zahra, 16, ist nicht nur umgänglich, sondern auch sehr engagiert und zielstrebig. Mittlerweile lebt sie gern in Marokko, sieht aber auch einiges im Land, das noch verbesserungswürdig wäre. Das schlägt ich auch in Zahras beruflichen Plänen nieder. Leonie staunt, worüber sich die Cousine so alles Gedanken macht. Sie ist sehr erwachsen geworden. Ihre 9jährige Schwester Roya ist eine liebenswerte Nervensäge. Nur Cousin Jamil, 19, ist in Leonies Augen immer noch der gemeine Rotzlöffel, der er als kleiner Junge war. Freundin Maja, die ihn damals noch nicht kannte, erlebt den angehenden Tourismus-Manager ganz anders …

Die Madounis geben sich sehr viel Mühe. Sie zeigen den Mädchen die Attraktionen der Stadt und fahren sogar mit ihnen nach Marrakesch, wo sich Leonies Eltern kennengelernt haben. Leonie verzehrt sich trotzdem vor Sehnsucht nach ihrem Daniel und ist permanent per Smartphone mit ihm in Kontakt. Spontan schickt sie ihm ein freizügiges „Selfie“ und schwebt im siebten Himmel, als er ankündigt, von Spanien aus zu ihr nach Agadir kommen zu wollen. Eifrig schmiedet sie Pläne: Sie wird ihn ins Restaurant „Le Jardin“ ausführen, in dem ihr Vater damals Chefkoch war, als er ihrer Mutter, einer deutschen Journalistin, begegnet ist. Und sie wird ihn auf der Dachterrasse des Hotels mit dem romantischsten Sonnenuntergang aller Zeiten überraschen. Doch wer dann wirklich, sagen wir mal, überrascht wird, ist Leonie …

Am Ende ihres Urlaubs ist ihr klar, dass sie von so manchem bisher eine falsche Vorstellung hatte: von der Heimat ihres Vaters … von einigen ihr nahestehenden Menschen … von der Liebe und auch von der Zukunft. Wie diese aussehen soll, darüber will sie sich jetzt ernsthaft Gedanken machen.

Als längst erwachsene Leserin fühlt man sich bei den MARRAKESH NIGHTS schlagartig wieder wie mit 17, als das Leben mit seinen unendlichen Möglichkeiten noch formbar vor einem lag und jeder Tag aufregend und voller Chancen war. Teenager von heute werden vermutlich nicht viel anders empfinden und dürften sich in der durch und durch normalen Leonie wiedererkennen.

Dass die Heldin in so einem wunderbar exotischen Ambiente zu ihren Erkenntnissen gelangt, macht die Geschichte umso faszinierender. Ob man Agadir und Marrakesch nun schon kennt oder nicht – man möchte am liebsten sofort hin und sich die Orte, von denen hier so anschaulich, sachkundig und begeistert erzählt wird, selber sehen. Die Souks mit all den wunderbaren Gewürzen und kunsthandwerklichen Gegenständen … den Berg mit der Kasbah und der riesigen Aufschrift „Gott, Vaterland, König“ … die Arganbäume … die palastartigen Luxushotels … den Trubel auf dem Platz „Djemaa el Fna“ in Marrakesch …

Und wenn Leonie, die als Tochter eines Kochs und Restaurant-Inhabers etwas vom guten Essen versteht, dauernd von den Köstlichkeiten des Landes schwärmt, kriegt man Hunger. (Wie macht Papa Latif die Tajine?)

Jetzt hätte man nur noch gerne gewusst, wie das mit Leonie und Daniel nach den Ferien weitergeht. Für Leonie mag die Sache klar sein, aber er wird ja nicht zwangsläufig so reagieren, wie sie sich das wünscht. Es gibt einfach Romanfiguren, von denen man sich höchst ungern verabschiedet und die man gerne noch weiter begleiten würde. Leonie und ihre binationale Verwandtschaft gehören definitiv dazu.

Die Autorin
Heike Abidi, Jahrgang 1965, ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane für Erwachsene sowie Jugendliche und Kinder. Sie veröffentlicht auch unter dem Pseudonym Emma Conrad und – zusammen mit der Co-Autorin Tanja Janz – unter den gemeinsamen Pseudonymen Jana Fuchs sowie Maya Seidensticker.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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