„Was machst du denn jetzt so?“

Aus Anlass meines Geburtstags haben sich zu meiner Freude auch Freunde und Weggefährten gemeldet, die aus verschiedensten Gründen nicht (mehr) so nahe an meinem täglichen Leben dran sind. Es kam mehrfach die Frage auf, was ich jetzt eigentlich so mache … außer zu arbeiten. Dass ich von morgens 6 bis abends 7 Uhr geschäftlich außer Haus bin, das wissen alle.

„Ich versuche, irgendwie das Chaos in Schach zu halten. Und wenn ich dann noch wach bin, lese ich ein Buch.“ Das kommt der Wahrheit ziemlich nahe.

Immer, wenn ich denke, jetzt ist endlich alles mit Gerhards Nachlass geregelt, kommt wieder irgendein Amt aus der Kurve und nötigt mich, nach Feierabend und am Wochenende in staubigen Akten zu wühlen und eine Vielzahl von merkwürdigen Fragen zu beantworten. Zuletzt war das Finanzamt dran, das jede Menge technischer Details zu dem Haus wissen wollte, in dem Gerhard eine Eigentumswohnung besessen hatte. Als ob ich wüsste, was die anno 1997 da verbaut haben! Ich würde das meiste Zeug nicht korrekt benennen können, wenn es vor mir auf dem Tisch läge.

Dieser Fragebogen vom Finanzamt sei noch lange nicht das letzte, was ich in dieser Angelegenheit hören würde, hat man mir versichert. Und kaum hatte ich diese Zeilen hier getippt, flatterte mir erneut ein Schreiben vom Finanzamt ins Haus. 30 Seiten zum Durchlesen und Ausfüllen … Zum achtunddrölfzigsten Male muss ich von der Sterbeurkunde bis zum Grundbucheintrag alle nur erdenklichen Kopien beibringen. Und zum – weiß der Geier – fünften oder sechsten Mal in diesem Jahr werde ich beim Steuerberater vorstellig werden müssen.

Glaubt noch einer, mir sei langweilig?

Kamera-klein

Den Bau des Objekts im Paul-Klee-Weg musste ich nach Gerhards Tod auch vollends „alleine“ beenden. Gut, es baut ja die Genossenschaft und nicht ich, aber organisieren, Entscheidungen treffen und zahlen muss ich. Auch das wächst sich zu einer Never Ending Story aus. Im Mai 2013 hätte alles abgeschlossen sein sollen. Alles in allem hat es dank diverser Probleme ein gutes Jahr länger gedauert. Jetzt fehlt noch ein Gartenzaun …

Was ich dieses Haustechnikgedöns zu hassen gelernt habe! Wenn jetzt im Elternhaus, bei mir daheim oder in einer der anderen Wohnungen etwas kaputt geht, bin ich diejenige, die rennen und die Sache reparieren lassen muss. Ob verstopfter Abfluss, kaputte Lampe, undichter Heizkörper, ruinierte Duschkabine, wackelnder Klodeckel, defektes Telefon, ein flackerndes Fernsehgerät … was für den Mann nicht der Rede wert gewesen wäre, ist für mich jedes Mal eine kleine Katastrophe: „Ach du lieber Himmel! Es ist wieder was hinüber! Wer kann mir da helfen? Wen rufe ich an? Was kostet das – und muss ich für den Handwerkertermin schon wieder am Arbeitsplatz fehlen?“

Und dann hält mich immer noch das Jahrhundertprojekt „Dachbodendämmung“ in Atem, das die Hausverwaltung aufgrund einer EU-Vorschrift angestoßen hat. Das, was ich die vergangenen zehn Monate mit der Hand am Arm aus meiner Dachbodenkabine runtergeschleppt habe und irgendwo zwischenlagern musste (Klamotten, Schuhe, Archiv, Deko-Kram …), muss jetzt, nach Abschluss der Dämmarbeiten, wieder dorthin zurück. Okay, einiges habe ich verschenkt oder weggeschmissen, aber es ist dennoch eine Menge Zeug übrig, das wieder aufgeräumt werden muss.

Den ganzen Sommer lang habe ich jedes Wochenende eine große Plastiktasche mit Zeugs beladen und per Bus zu meinem Vater gekarrt. Das muss jetzt alles wieder auf dem selben Weg retour. Ich dürfte im Rahmen dieser Aktion so um die hundert Mal die 60 Treppen bis zum Dach hinauf- und wieder hinuntergewetzt sein und bin noch lange nicht fertig. Fitnessstudio brauche ich keines.

Wenn mir die Verwandtschaft nicht beim Hin- und Hertransport der größeren Kartons und der Schränke geholfen hätte, hätte ich das niemals hingekriegt.

Meine Katzen, den Haushalt und meine Internetseiten habe ich auch noch. Samstags bin ich bei meinem Vater und sonntags mache ich meinen Bürokram. Abends schlafe ich dann regelmäßig bei den Nachrichten ein. So schaut derzeit mein Leben aus.

Sechs Mal habe ich in diesem Jahr etwas mit Freunden unternommen (Geburtstagsfeiern, Besuche, Kino) und rund zehn Mal war ich mit meinem Vater beim Arzt. Es ist also nicht so, dass ich gar nicht aus dem Haus komme. 😉

Tiefpunkte gab es in diesem Jahr reichlich, und es ist ja noch nicht zu Ende. Es hat in punkto Mist und Katastrophen durchaus noch Entwicklungsmöglichkeiten. Nicht zu toppen ist natürlich der Tag, an dem ich von der Arbeit kam und meinen Mann tot aufgefunden habe. Schlimm war auch, dass ich einen Tag nach seiner Beerdigung schon wieder die fröhliche Gastgeberin einer kleinen Geburtstagsfeier spielen musste. Das ist mir leider nur unvollkommen geglückt, weil ich keinerlei schauspielerisches Talent besitze. Mir wenig später sagen lassen zu müssen, dass ich für meine Eltern stets eine herbe Enttäuschung war, war auch einer der Momente, die ich nicht unbedingt gebraucht hätte.

Ich habe in der Vergangenheit durchaus ein paar saudumme Entscheidungen getroffen. Aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, ob mein Leben besser gelungen wäre, wenn ich hier und da anders entschieden und gehandelt hätte. Ich bin einfach nicht aus dem Material, aus dem man adrette Arztgattinnen mit artigen Kindern und einem Häuschen im Grünen macht. Wahlweise erfolgreiche Geschäftsführerinnen eines mittelständischen Betriebs – oder was immer sonst meine Familie von mir erwartet hat. Egal. Jetzt ist an dem, was ich vor 20, 30, 40 Jahren getan oder nicht getan habe, ohnehin nichts mehr zu ändern. Aus dem Ochs’ wird kein Esel mehr.

Ihr seht, ich bin immer noch mit dem Versuch beschäftigt, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und ich kann nicht dafür garantierten, dass mir das jemals gelingen wird.

Buero 007

Das Chaos in Schach halten …

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