Alarmbereitschaft

Heute, am 3. Januar 2015, ist es ein Jahr her, dass mein Mann gestorben ist. Damals dachte ich, die Welt bleibe stehen. Tat sie natürlich nicht. Sie drehte sich weiter – nur ich drehe mich nach wie vor nicht richtig mit und stolpere unbeholfen hinterher. Meinen Alltag kriege ich schon irgendwie geregelt, das spielt sich alles sein. Wenn ich auch mehr externe Hilfe brauche als vorher. Die Arbeitsteilung, die wir hatten, muss ich irgendwie auffangen. Ich werde ja nicht über Nacht zum Koch, Techniker und Heimwerker. Aber ich lerne täglich ein wenig dazu.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich einsam bin. Verwandte, Freunde und Bekannte, mit denen ich mich austauschen und etwas unternehmen kann, habe ich. Was mir manchmal schmerzlich fehlt, ist diese Selbstverständlichkeit und Exklusivität, mit der man mit einem Partner zusammengehört. Wenn es ein Problem gibt, weißt du, dass da jemand ist, der sich mit dir zusammen darum kümmern wird, ohne dass du viel erklären, lange bitten und dich wer-weiß-wie bemühen musst. Das ist jetzt weg. Wenn jetzt etwas schiefgeht, habe ich keinen Halt – nirgends.

Gut: Mein Vater ist noch da. Aber um den muss ja ich mich kümmern und nicht umgekehrt. Da kann altershalber jederzeit etwas sein. Ich bin in ständiger Rufbereitschaft. Egal, was ich gerade mache, wenn das Telefon klingelt, muss ich bereit sein, alles fallen zu lassen, in den Bus zu springen und ihm zu Hilfe zu eilen. Ich wage kaum noch, Pläne zu machen oder mich auf irgendwas zu freuen. Es besteht ja zu jeder Tages- und Nachtszeit die Möglichkeit, dass wieder der Alarm losgeht. Und je älter er wird, desto mehr bin ich als „Kavallerie“ gefordert. Bis jetzt haben wir zwei ja noch Glück gehabt, es gab nur rund ein halbes Dutzend dramatischer und lebensgefährlicher Situationen. Die letzte ist ein paar Tage her.

Mit „Alarm, Alarm, sofort kommen!“ lebe ich allerdings seit fast 15 Jahren. Nur die familiären Alarmgeber haben ein paarmal gewechselt.

Jede Minute seines Lebens mit einer neuen Katastrophe rechnen zu müssen, macht auf Dauer müde. Das hat man immer, immer, immer im Hinterkopf. Abschalten ist vollkommen unmöglich. Doch nur wer nichts und niemanden mehr hat, ist wirklich frei. Und ich weiß nicht, ob es tatsächlich besser ist, ganz allein dazustehen als in permanenter Angst, Sorge und Alarmbereitschaft zu leben.

Foto: (c) Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) / pixelio.de
Foto: (c) Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) / pixelio.de

4 Kommentare

  1. hallo Edith, ich melde mich jetzt auch mal,obwohl ich noch ein wenig in dem zustand stecke,den man wohl Trauma nennt. Aber dein Bericht spricht mich an.Du kommst recht Bodenständig rüber,das tut mir gerade gut.Kurz zu mir;mein man ist vor 9 Wochen ganz plötzlich gestorben. Einfach während des Mittagsnickerchen gestorben..Keine Zeit,sich zu verabschieden,sich darauf irgendwie vorzubereiten.rausgerissen aus meinem Leben. Jetzt stecke ich in diesem Studel,der sich um einen Dreht und lerne mich nicht mitreissen zu lassen.–Ein Kraftakt… ich lerne gerade was es heißt wenn man mir sagt ich wünsche dir viel Kraft.ja man sagt von mir ich bin eine strake Frau. Piiieeep drauf. Es tut sooo weh. Ich glaube ich werde aber nicht zu einer Trauergruppe gehen,ich möchte ins Positive Lager wechseln, mich nicht noch tiefer runterziehen lassen,Du schreibst,das du dich auch dafür entschieden hast. Ich glaube,das ist die bessere Wahl. ich würde mich freuen,von dir zu lesen..lg chi

    1. Liebe Chirsten,
      mir hätte eine Trauergruppe auch nix gebracht. Mich hielten eher die Erfahrungsberichte von anderen „Überlebenden“ aufrecht.
      Ein Vierteljahr lang war es die Hölle, danach kehrte irgendwie eine neue Routine ein. Der Alltag funktionierte wenigstens wieder so halbwegs. Eine verwitwete Bekannte sagte damals zu mir: „Der Schmerz verdünnt sich mit der Zeit“. Das ist wahr. Anfallsweise ist es immer noch sehr, sehr schwer. Aber der Mensch ist verdammt anpassungsfähig.
      Liebe Grüße
      Edith

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