Paul Grote: Die Spur des Barolo. Kriminalroman

Paul Grote: Die Spur des Barolo. Kriminalroman, München, 2015, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21603-6, Softcover, 413 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 19 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 4,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

Wie soll das möglich sein? Jemand checkt regulär ein und kommt nicht an?“ Der Beamte der Flughafenpolizei glaubte ihnen kein Wort. „Unterwegs kann niemand aussteigen!“ (Seite 15)

Eine Woche lang war Rechtsanwalt Arnold Sturm mit sechs weiteren Mitgliedern des 1. Düsseldorfer Weinclubs auf einer Weinreise im Piemont. Jetzt ist die Gruppe wieder auf dem Heimweg. Auf dem Weg zum Turiner Flughafen telefoniert Sturm noch mit seiner Frau Francesca, doch als sie ihn abholen will, ist er nicht da. Er war nicht im Flugzeug.

Aus dem Flugzeug verschwunden
Für die Wirtschaftsprüferin Francesca Feltrinelli Sturm, 42, beginnt damit ein Albtraum. Sechs der sieben Weinfreunde sind sicher in Düsseldorf gelandet, nur von ihrem Arnold keine Spur. Verlassen kreist sein Koffer auf dem Gepäckband. „Beim Boarding war er noch da“, sagt Architekt Reinhold Kirsch. Im Gewusel der Platzsuche haben sich die Clubmitglieder dann aus den Augen verloren.

Die Polizei glaubt, Arnold habe sich gleich nach der Landung abgesetzt. Er ist erwachsen, das ist sein gutes Recht. Sie unternimmt nichts. Auch dann nicht, als eine Auswertung der Videoüberwachung ergibt, dass Sturm in Düsseldorf definitiv nicht von Bord gegangen ist.

Polizei, Beamte, Autoritäten! Pfff! Von denen hält der Gastwirt Angelo Feltrinelli, Francescas Vater, sowieso nichts. Alle faul, korrupt, desinteressiert und inkompetent! So etwas regelt man mit Hilfe der Familie. Die Feltrinellis stammen aus Turin. Sowohl Angelo als auch seine Frau Marcella haben noch eine unüberschaubare Anzahl Verwandter dort. Mit deren Unterstützung soll Francesca ihren Mann vor Ort selber suchen. Unter ihrem Mädchennamen Feltrinelli soll sie sich als Weineinkäuferin für deutsche Restaurants ausgeben und all die Hotels und Kellereien abklappern, die der Weinclub auch besucht hat.

Tarnung für die Ehefrau
Francesca ist skeptisch. So viel versteht sie doch gar nicht vom Wein, dass sie mit dieser Scharade durchkäme. Eine „Schnellbleiche“ von Papa und ein Spickzettel sollen es richten. Unterdessen nimmt sich Markus, der 16jährige Computernerd-Sohn der Sturms, zusammen mit einem Hacker-Freund Papas Computer vor. Sie entschlüsseln diverse Ordner mit merkwürdigen Dossiers über Investitionen, Finanztransaktionen und Industriespionage. Alles hat irgendwie mit China zu tun. Weder Francesca noch Arnolds Sozius Sachs kann sich darauf einen Reim machen. Woran hat Arnold gearbeitet und in wessen Auftrag? Und wer ist dieser ominöse Herr Ziegler, der vorgibt, im Namen des Veterinäruntersuchungsamts anzurufen und bei Sturms wiederholt nach Arnold und nach irgendwelchen Proben fragt? Markus versucht, ihn so lange wie möglich hinzuhalten.

Traue niemandem
Weil Francesca nicht glaubt, dass alle Staatsdiener unfähig und käuflich sind, sucht sie in Mailand Hilfe beim deutschen Konsulat. Nachdem man sie dort auflaufen lässt, geht sie zur Polizei. Dort nimmt man sie nicht ernst, und im Büro des Polizeipräfekten in Barolo lacht man sie mit ihrem Anliegen offen aus. Hat ihr Vater also doch recht mit seinem Urteil! Interessant ist, dass sich sowohl aus dem Konsulat als auch von der Präfektur jemand heimlich privat bei Francesca meldet und ihr seine Hilfe anbietet. Anscheinend traut man dort den eigenen Leuten nicht – und der Polizei schon gar nicht.

Jetzt passiert eine Weile lang nicht viel, beziehungsweise immer das gleiche: Francesca tourt die Kellereien ab, erfährt vieles über die Weine der Region und manches über die Reise des 1. Düsseldorfer Weinclubs. Gestritten sollen sie haben und die Stimmung sei angespannt gewesen.

Wir Leser wissen nur in einem Punkt mehr als Francesca: Arnold lebt und wird in einem Kellerraum gefangen gehalten. Er ist verwirrt und schläfrig, weil man ihn unter Drogen gesetzt hat. Da er nicht klar denken kann, erfahren wir auch nicht, wie er in dieses „Verlies“ gekommen ist und wer ihm das aus welchem Grund angetan hat. Schilderungen von Francescas Kellereibesuchen wechseln sich ab mit Szenen aus Arnolds Kellerversteck. Da möchte man als Leser manchmal vorspulen. Ihre Dialoge mit den Winzern dienen hauptsächlich der Vermittlung von Weinwissen, und an Arnolds Lage ändert sich auch nicht wirklich was. Die Krimihandlung bringt das nicht wesentlich weiter.

Vetter Ludovico hat einen Verdacht
Bewegung kommt erst in die Geschichte, als der Weintechniker Ludovico Colonna bei Francesca im Hotel auftaucht, ein Cousin zweiten Grades, den sie bis dato noch nicht kannte. Er berichtet von dubiosen Vorgängen bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, einer Kellerei, die auch der Weinclub besucht hat. Aber wie vertrauenswürdig ist der Mann? Gehört er überhaupt zur Verwandtschaft? Francescas Vater kennt ihn nicht. Ludovico scheint ein Anhänger skurriler Verschwörungstheorien zu sein und sich auf einem privaten Rachefeldzug zu befinden.

Es ist für Francesca nicht zu erkennen, wer Freund oder Feind ist und wer seine eigene Suppe kocht und sie nur benutzt. Wer auch immer für Arnolds Verschwinden verantwortlich ist: Sie sollte diese Leute nicht unterschätzen. Googeln kann die Gegenseite auch. Und wenn der geringste Verdacht aufkommt und ihre Tarnung auffliegt, ist nicht nur ihre Arnold-Rettungsaktion in Gefahr sondern auch sie selbst.

Amateure gegen Profis
So ab der zweiten Hälfte der Geschichte geht’s ordentlich rund! Ich habe bei Paul Grotes Bücher öfter das Gefühl, dass sie auch als Film funktionieren könnten. DIE SPUR DES BAROLO würde ich schon allein wegen der tollen Landschaft sehen wollen – und wegen des Barolo-Sees. 😉

Wer schon ein paar Wein-Krimis des Autors gelesen hat, dem wird das Grundgerüst bekannt vorkommen: Ein argloser Privatmensch kommt kriminellen Elementen in die Quere und legt sich in naiver Verkennung der Tatsachen mit ihnen an. Mit einer Handvoll Getreuer kämpft er dann gegen eine mächtige, bestens vernetzte und hochprofessionelle Organisation. Zwischendrin wird immer kräftig auf Banken und Industrieunternehmen, Politiker und Beamte geschimpft – und wenn die aufrechten Amateure schließlich erkennen müssen dass sie gegen die kriminellen Profis keine Chance haben, sind sie doch froh, dass es Polizei und Justiz gibt …

Heldin mit Biss
Erstmals ist kein grantiger Mittfünfziger der Held und auch kein wehleidiger Mittvierziger in der Lebenskrise, der sich dauernd über seine schreckliche Gattin beklagt, sondern eine clevere Deutsch-Italienerin, die sich mit dem Mut der Verzweiflung ins Abenteuer stürzt. Oft zweifelt sie an sich und ihrer Mission, aber wenn niemand sonst ihren Mann retten will, muss sie es eben selber machen. Ja, diese Protagonistin hat Biss. Sie gefällt mir um Klassen besser als beispielsweise der jammerlappige Georg Hellberg aus TÖDLICHER STEILHANG.

Meistens sage ich ja, dass man die Ausführungen über den Wein getrost überfliegen und nur die Krimihandlung lesen kann. Das ist hier keine gute Idee. Hier und da und dort verstecken sich kleine Hinweise, die einem helfen, in die richtige Richtung zu denken.

Der Autor
Paul Grote berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Seit 2003 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Gespür für Wein, sein Wissen und seine Erfahrungen spiegeln sich in allen seinen Krimis wider.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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