Chef-Allüren

Als ich am Samstag mit dem Linienbus zu meinem Vater fuhr, gaben sich auf halber Strecke drei Kontrolleure zu erkennen: zwei Damen und, ganz vorne im Bus, ein Herr. Die Kontrolleurinnen bemühten sich, auf der kurvenreichen Strecke die Balance zu halten und die Fahrkarten zu prüfen, während der männliche Kontrolleur lediglich zwei Tickets prüfte und dann mit dem Fahrer sprach. Das wird wichtige dienstliche Gründe gehabt haben. Oder auch nicht.

„Macht der jetzt was oder labert er nur?“, hörte ich eine Kontrolleurin die andere fragen.

Gute Frage. Die stelle ich mir auch manchmal. Es mag ein geschlechterspezifisches Kommunikationsdings sein, aber ich beobachte öfter Mal bei Herren der Schöpfung Chef-Allüren, auch wenn sie gar keine Vorgesetzten sind.

Allüren ohne Position


Gut, wenn Ruheständler in Krisensituationen einen Flashback in ihre beruflich aktiven Zeiten kriegen und saumselige Handwerker oder stieselige Dienstleister in gewohnter Boss-Manier zusammenfalten, kann ich das noch verstehen. Das ist nicht nett, aber nachvollziehbar. Reißzähne kriege ich allerdings, wenn Leute, die keine höhere Position bekleiden, sich aufmandeln und gleichrangige KollegInnen wie ihre Hilfskräfte behandeln.

„Da setze ich nachher die Frau Müller dran, dann geht das ganz fix“, versichert der Sachbearbeiter mit einer Prise Großspurigkeit dem Kunden. Ich kenne die Firma aufgrund persönlicher Kontakte und weiß zufällig, dass dieser Herr der Frau Müller rein gar nichts zu sagen hat. Er kann sie allenfalls nett um Hilfe bitten. Wenn sie nein sagt, macht er seinen Schiet aber schön brav alleine.

„Angeber“, denke ich und erwäge kurz, Frau Müller bei Gelegenheit von dem Spruch ihres Kollegen zu unterrichten. Das lasse ich aber schön bleiben. Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.

„Müssen Sie das denn nicht können?“, wundert sich der Servicetechniker, der dem Mitarbeiter seines Kunden die Handhabung eines neuen Geräts erklären will.
„Nicht mal wollen!“, entgegnet dieser lachend. „So etwas lasse ich machen. Das erklären Sie mal besser der Frau Schmidt.“
„Na, die wird sich bedanken“, denke ich, und latsche weiter. Der Herr, der hier offenbar eine zeitaufwändige „niedrige“ Tätigkeit auf eine Kollegin abzuwälzen gedenkt, ist mitnichten ihr Vorgesetzter. Den kenne ich nämlich.

„Ja, geht’s noch?“, hätte ich am liebsten gerufen.
Aber das wird ihn dann schon die betroffene Kollegin fragen.

Anmaßendes Geschwätz


Es ist das Herablassende, was mir so auf den Sender geht. Deals und Arbeitsteilung gibt’s wohl in allen Teams. Das war und ist bei uns auch immer so. Aber so ein anmaßendes Geschwätz wäre mir nie über die Lippen gekommen. „Für diesen Bereich ist bei uns A. zuständig. Ich kümmere mich hauptsächlich um XYZ“, würde sowas bei uns heißen. Oder: „Da fragen Sie am besten Frau B., sie ist bei dem Thema die Expertin.“

Ich käme gar nicht auf die Idee, so zu tun, als würde ich KollegInnen Arbeitsanweisungen erteilen (können), die mir in keinster Weise unterstellt sind. Deshalb habe ich vermutlich auch nie Karriere gemacht. Aber was soll’s? Im Berufsleben ist es ja eh oft so wie auf einer Pilzfarm: Wer den Kopf zu hoch aus dem Mist streckt, dem geht es an den Kragen.

Foto: (c) Stefanie Salzer-Deckert / pixelio.de
Foto: (c) Stefanie Salzer-Deckert / pixelio.de

Foto: Stefanie Salzer-Deckert / www.pixelio.de

2 Kommentare

  1. Könnte mich kaputt lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Wie oft habe ich ähnliche Situationen schon erlebt. Und immer sind es die Herren der Schöpfung, die sich so aufblasen und mit ihrem angeberischen Geschwätz auffallen.
    Erst vor drei Tagen war ich beim Optiker zwecks neuer Lesebrille. Was und WIE dort der Optiker auf mich eingeredet hat, sprengt alle Verkaufs-Lehrbücher. Wie ein Autoverkäufer. Ich hasse das

    Oder vor vielen Jahren bei einem Elternabend in der Schule: DER Elternvertreter kommt zu spät. Was hätte ich oder eine andere Frau beim Eintreffen gesagt – ENTSCHULDIGUNG. Was sagt dieser Mann mit geschwollener Brust und breitem Grinsen: „…das hängt mit der physikalischen Tatsache zusammen, dass mein Körper nicht an zwei Orten gleichzeitig erscheinen kann.“ ?!?! Ich hätte reinhauen können..!

  2. Es gibt eine ganze Menge aufgeblasener Ochsenfrösche.

    Es gibt natürrrlich auch Verhaltensweisen, die mich bei Frauen aufregen. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

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