Internet-Foren: Wenn Drama-Queens schmollen

Erst mit Anfang 30 habe ich ernsthaft zu „Computern“ angefangen und Ende der 1990er-Jahre die Welt der Internetforen für mich entdeckt. Das war toll! Auf einmal hatte ich Kontakt zu Leuten, die sich für dieselben wunderlichen Dinge interessierten wie ich: Sprachen und Dialekte, Science Fiction und Fantasy-Romane, Krimis und bestimmte Fernsehserien. Es gab tatsächlich Menschen, die wussten, was ich meine, wenn ich von „S.R.I. und die unheimlichen Fälle“ erzählte! Der Wahnsinn!

Eine Freundin brachte mich zu wer-weiss-was.de, wo ich unendlich viel Zeit mit Diskussionen über Mundarten, Grammatik und Englisch-Übersetzungen verquasselte. Und das Jurathek-Forum! Das war besser als ein Krimi. Bei Jobpilot, einem Vorläufer von monster.de, gehörte ich fast schon zum Inventar. Beim Texttreff – dem weltbesten Netzwerk 😉 – bin ich nun auch schon seit zehn Jahren.

Mit dem virtuellen Wanderzirkus durchs Netz


Oft bin ich interessanten Diskussionspartnern und vielversprechenden Links gefolgt und mit dem virtuellen Wanderzirkus weitergezogen. Von Martines Geomaler-Forum 2004 zu Literaturschock und Zugetextet, von Zugetextet weiter zur Autorenecke. Vom Brigitte-Forum in ein kleines privates Bücherforum, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann (Büchersache? Bücherecke?) und von dort 2007 zu den Büchereulen.

Dem Freundin-Forum der 90er habe ich eine ganze Weile nachgetrauert. Da quasselte ein lustiger Haufen über Gott und die Welt. Sarah40 und die Trainspotterin, Kamikatze aus Österreich – und die ewig trollende Beate mit dem englischen Nachnamen. Da war immer was los. Als der Verlag das Forum dicht machte, verlief sich das ganze. Der einen oder anderen Freundin-Forumianerin bin ich später bei den Büchereulen wieder begegnet.

Als der WDR 1999 beschloss, sein Lindenstraßen-Forum nicht mehr moderieren zu können oder wollen und es zu machte, wurde nach einer kurzen Übergangslösung das private Heinzi-Forum aus der Taufe gehoben, dem ich heute noch treu bin. Ich quatsche also tatsächlich zum Teil seit 16, 17 Jahren virtuell mit den gleichen Leuten – nicht nur über die Lindenstraße. Mit manch einem/einer bin ich längst persönlich bekannt.

Foren verändern sich, genau wie reale Gemeinschaften


Was ich während meiner Lehr- und Wanderjahren in der Forumswelt gelernt habe, ist, dass sich so eine Gruppe mit der Zeit verändert, wie jede menschliche Gemeinschaft. Stamm-User bleiben weg, weil sie andere Prioritäten haben, neue Leute kommen dazu, es ändert sich der Ton und die thematische Ausrichtung und irgendwann erkennt man womöglich, dass man nicht mehr so recht in diese Gruppe hineinpasst. Das Quatschen macht keinen so rechten Spaß mehr, die Diskussionen nerven eher, man schaut immer seltener rein und widmet sich schließlich anderen Dingen.

Nichts ist für die Ewigkeit und Veränderungen kann man nur selten aufhalten.

Was ich nie verstanden habe: Wie man auf eine so natürliche Entwicklung mit beleidigtem Gegreine, hochemotionalen Abschiedsszenen und virtuellem Türenknallen reagieren kann. So und so oft bin ich Drama-Queens und Drama-Kings begegnet, die ihrer tiefen Enttäuschung in einem Rundumschlag Luft machten und mit mehr oder weniger Pathos erklärten, warum das Forum hier nicht mehr ihre Welt sei. Weil wir alle zu oberflächlich, zu (un)politisch, zu radikal, zu (wenig) feministisch, zu langweilig oder zu weiß-der-Geier-was geworden seien. Weshalb er/sie jetzt den Rückzug anträte, und zwar für immer. So, das hätten wir jetzt davon!

Zieht da echt jetzt ein Erwachsener einen Flunsch?


Ich hab mir immer vorgestellt, dass da nun ein erwachsener Mensch mit dem Fuß aufstampft und einen beleidigten Flunsch zieht. Die Größten waren die, die sich sogleich unter neuem Namen anmeldeten um zu gucken, ob man ihnen auch angemessen nachtrauerte.

Ein für mich nachvollziehbarer Grund für solche filmreifen Abgänge war nie dabei. Keins der Foren ist ins Fremdenfeindliche, Homophobe oder sonstwie Untragbare gekippt. Statt A, B und C führten jetzt eben X, Y und Z das Wort, woraus sich andere Diskussionsschwerpunkte ergaben. Das musste nicht jedem gefallen, aber ein Grund, sich deswegen wie ein trotziges Kleinkind aufzuführen, war es meines Erachtens nicht.

Warum sollte die Mehrheit das tun, was ich will?


Nun gut, jeder Jeck ist anders – auch das habe ich in einem der Foren gelernt. Wenn es manchen Mitmenschen gut tut, sich mit ganz großem Drama zu verabschieden, dann sei es so. Mein Ding ist das nicht. Vielleicht, weil ich doch schon relativ alt war, als ich in zu der Foren-Szene stieß. Wenn ich das Interesse an einer Gemeinschaft verliere, zieht es mich immer seltener dort hin, bis ich irgendwann ganz raus bin aus der Gruppe.

Auf die Idee, einzufordern, dass die Mehrheit sich so verhalten müsse, wie ich es will, bin ich noch nie gekommen.

Illustration: (c) Thommy Weiss / pixelio.de
Illustration: (c) Thommy Weiss / pixelio.de

Illustration: © Thommy Weiss / www.pixelio.de

PS: Wie ich jetzt auf dieses Thema komme? Einen brandaktuellen Anlass gibt’s nicht. In einem der von mir gern besuchten Foren gab’s kürzlich eine Diskussion zu dem Thema.

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