Susanne Goga: Der dunkle Weg – Roman

Susanne Goga: Der dunkle Weg, München 2015, Diana Verlag, ISBN 978-3-453-35799-0, Softcover, 447 Seiten mit farbigem Stadtplan und s/w Fotos im Anhang, Format: 11,8 x 3,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99, Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Diana Verlag
Abbildung: (c) Diana Verlag

„Sie hatte ihre Hilfe angeboten und damit eine Grenze überschritten, hatte sich endgültig für eine Seite entscheiden. Nicht die Seite ihrer Heimat, aber auch nicht die Seite Großbritanniens. Eigentlich durfte sie sich nicht angreifbar machen (…). Doch tief in ihr flackerte ein Funke Trotz, eine leise Stimme, die sie daran erinnerte, wie viele ihrer Freunde von einem anderen Irland träumten, einem Irland, das für sich selbst stand, einer Republik, die die Last der Armut abwerfen konnte, die das Land wie ein schwarzes Tuch bedeckte.“ (Seite 306)

Hamburg, 1912: Wenn sie als Malerin und Illustratorin ernst genommen werden will, muss Ida ihre Heimatstadt verlassen. Das ist ihr klar, seit sie von ihrem Kunststudium aus London zurückgekehrt ist. Hier in Hamburg wird man sie immer nur als die Tochter von Kaufmann Martens aus Rotherbaum sehen. Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Land.

Weil ihren Eltern ihre Pläne nicht zu vermitteln sind, nutzt sie einen Besuch bei ihrer irischen Kommilitonin Grace Gifford, um Ihren Traum wahrzumachen. Statt wieder heimzufahren, sucht sie sich in Inchicore/Dublin eine Wohnung, nimmt einen Teilzeitjob als Verkäuferin an und versucht, vom Verkauf ihrer Porträts, von Bühnenbildern und ihren Zeichnungen der einfachen Leute zu leben.

Die Deutsche und rebellischen Iren


Das klappt besser als sie zu hoffen wagte. Dublin scheint ein Dorf zu sein. An jeder Ecke stolpert sie über einen Verwandten ihrer Freundin, der Karikaturistin Grace Gifford oder über einen von deren unzähligen Freunden und Bekannten. Unversehens gerät Ida Martens in eine Szene, mit der sie als behütete hanseatische Kaufmannstochter noch nie zuvor in Berührung gekommen ist. Ihr neuer Bekanntenkreis ist kulturell, sozial und politisch ungeheuer engagiert.

Grace Giffords Schwester Sidney arbeitet als Journalistin, ist für die sozialistische Partei aktiv, fürs Frauenwahlrecht und für die irische Republik. Auch von den übrigen Gifford-Geschwistern sind welche in der Partei. Muriel Gifford ist mit Professor Thomas MacDonagh verheiratet, der gälisch unterrichtet und patriotische Theaterstücke schreibt. Zu dem großen Freundeskreis der Giffords gehören die Gräfin Constance Markievicz, die den United Arts Club gegründet hat und kleinen Jungs das Schießen beibringt, der Verleger James Larkin, Thomas Clarke, dessen Tabakladen als eine Art Poststelle für politische Organisationen fungiert, Sean Mac Diarmada, der Geschäftsführer der radikalen Zeitung „Irish Freedom“, sowie Joesph „Joe“ Plunkett, der Herausgeber der Zeitung „Irish Review“, dessen Haus ein Treffpunkt für Künstler und Politiker ist.
Was als soziales Engagement begonnen hat, wird bald zur Gründung einer Freiwilligenarmee, der Irish Volunteers, aus dem Traum von einem freien, unabhängigen Irland werden konkrete Pläne für eine Revolution. Vor allem Joe Plunkett treibt die Sache mit kompromissloser und fieberhafter Eile voran. Aus Gründen.

Der ruppige Doktor O’Connor ist gar kein Unmensch


Auch der grantige, verschlossene und aufbrausende Dr. Cian O’Connor, der sich neben seinen reichen Patienten auch noch aufopferungsvoll um die Menschen in den Elendsvierteln kümmert, gehört zu diesem Freundeskreis. Mit Freiheitskampf hat er allerdings nicht viel am Hut. „Ich bin Arzt (…), kein Politiker“, sagt er. „Ich bekämpfe Krankheit und Armut, die Politik überlasse ich anderen.“ (Seite 148) Schnell wird aus Cian und Ida ein Paar.

Dr. Cian O’Connor hat schon ein bisschen was vom großen, gut aussehenden Fremden mit dem tragischen Geheimnis, den man aus Liebesromanen kennt. Aber Ida Martens ist eine moderne junge Frau und keine ehrerbietige Jane Eyre. Wie? Der Kerl will nicht über seine Familie reden? Ehe sie es überhaupt in Erwägung zieht, ihn zu heiraten, will sie genau wissen, was er vor ihr verbirgt. Sie wartet nicht, bis es ihm geboten erscheint, sich ihr anzuvertrauen, sondern zieht los und forscht selbst nach. Da ist der gute Doktor erst einmal sprachlos, aber zum Glück klug genug, um zu erkennen, was er an dieser Frau hat.

Dublin, 1914: Zwei Jahre hat Ida ihre Familie in Deutschland schon nicht mehr gesehen. Die sind zwar allesamt stinksauer, weil sie in Irland geblieben ist, Ida hätte sie aber trotzdem gerne wiedergesehen und ihnen ihren Liebsten vorgestellt.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Ida der Feind


Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht eine Reise nach Hamburg allerdings unmöglich. Und plötzlich gilt Ida in Dublin als „der Feind“. Sie verliert ihren Job als Verkäuferin, weil sie aus Deutschland stammt. Aus Trotz sichert sie der „Organisation“ radikaler Freiheitskämpfer ihre Unterstützung zu. Auch wenn sie im Wesentlichen nur Schreibarbeiten für die Rebellen macht, ist ihr klar, dass sie hier an Hochverrat mitwirkt.

Der Osteraufstand 1916: „Hier planten Menschen eine Revolution, die sonst an einem Schreibtisch oder im Sessel am Kamin gesessen hätten. Dichter, Lehrer, Schriftsteller, kleine Ladenbesitzer – keiner von ihnen ein geborener Soldat. (…) Ida spürte das Feuer, das diese Männer antrieb, und konnte sich der Erregung nicht entziehen. (Seite 375)

An Ostern 1916 soll es so weit sein: Die Organisation hat den bewaffneten Aufstand gegen die Engländer geplant. Als es mit Waffenlieferung Probleme gibt, versucht Eoin MacNeill, der Stabschef der Irish Volunteers, die Sache abzublasen, doch der totkranke Joseph Plunkett will und kann nicht länger warten. Trotz mangelnder Ausrüstung und fehlendem Rückhalt stürmen die Rebellen los. Der Aufstand gerät zum Fiasko. Und obwohl Dr. Cian O’Connor und Ida in der Hauptsache aus ehrenwerten Motiven wie Freundschaft, Loyalität, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gehandelt haben, sind sie jetzt ganz tief drin im gefährlichen Schlamassel …

Faszinierend – selbst für Geschichtsmuffel


Im Grunde bin ich ja ein Geschichtsmuffel. Was Kaisers und Königs vor Jahrhunderten getan haben, vermochte mich schon zu Schulzeiten nicht zu fesseln. Wenn man mir ein historisches Ereignis allerdings „personalisiert“ darbietet und mit die Zusammenhänge anhand einzelner Schicksale erklärt, bin ich auf einmal höchst konzentriert bei der Sache. Ich kapiere, was da gespielt wurde, und es bleibt auch tatsächlich was hängen. So läuft das auch bei Susanne Gogas DER DUNKLE WEG.

Von den Hauptpersonen sind nur Ida Martens und Cian O’Connor fiktionale Figuren, die anderen sind authentisch, genau wie die politischen Ereignisse. Vor rund 30 Jahren hat Susanne Goga erstmals ein einem Buch über Joe Plunkett und Grace Gifford gelesen. „Schon damals war ich überzeugt, dass diese Liebesgeschichte einen Roman verdient“, schreibt sie im Nachwort zu diesem Buch (Seite 438). Ja, das kann ich gut verstehen.

Rund um die irische Freiheitsbewegung tummeln sich eine ganze Reihe faszinierender Persönlichkeiten, die es verdient haben, dass man sich mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigt. Ich bin dankbar dafür, ein paar davon im Rahmen eines Liebesromans kennen gelernt zu haben. Es wird sicher nicht das letzte sein, was ich zu diesem Thema gelesen habe.

Wenn Unterhaltungsliteratur nicht nur Spannung und Emotionen erzeugt, sondern auch noch auf interessante Weise Wissen vermittelt und beim Leser den Wunsch weckt, sich eingehender mit einem Thema zu befassen, ist das eine ganze Menge. Und eine feine Sache.

Die Autorin
Susanne Goga, 1967 geboren, ist eine renommierte Literaturübersetzerin und Autorin. Im Diana Verlag erschienen bereits drei Romane, darunter »Die Sprache der Schatten«, für den sie 2012 mit dem DeLiA-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, und der Spiegel-Bestseller »Der verbotene Fluss«. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Mönchengladbach.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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