Patricia B. McConnell: Will sei Dank. Memoiren einer Frau mit Hund

Patricia B. McConnell: Will sei Dank. Memoiren einer Frau mit Hund, OT: The Education of Will. A Mutual Memoir of a Woman and her Dog, aus dem amerikanischen Englisch von Gisela Rau, Nerdlen 2017, Kynos-Verlag, ISBN 978-3-95464-135-2, Hardcover mit Lesebändchen, 263 Seiten, Format: 18 x 2,2 x 23,3 cm, Buch: EUR 19,95, Kindle Edition: EUR 16,99.

Abbildung: (c) Kynos-Verlag

„Aber da war noch etwas anderes – etwas, über das ich mir nie selbst zu sprechen erlaubt hatte. Ich war genauso schreckhaft wie Willie. Seine Reaktivität ließ mich hochfahren, und ich wusste, dass meine eigenen Schreckreaktionen bei ihm das Gleiche bewirkten. Wir lebten in einem Teufelskreis, in dem jeder den Zustand des anderen verschlimmerte.“ (Seite 126)

Patricia „Trisha“ McConnell ist Tierverhaltenstherapeutin und hat 20 Jahre lang Besitzer von Tieren mit Verhaltensproblemen beraten. Ihr Spezialgebiet war und ist Aggression bei Hunden. Da ist es irgendwie kein Wunder, dass auch privat bei ihr Problemhunde „hängenbleiben“.

Wenn sie so beschreibt, was bei ihr daheim los ist, fragt man sich wirklich, warum sie sich das alles antut. Es ist ja nicht so, dass sie mit ihren vielfältigen beruflichen Aktivitäten und der Arbeit auf der Farm nicht mehr als genug zu tun hat. Da freut man sich richtig, dass sie sich entschließt, kein weiteres Problemtier aufzunehmen, sondern einen gesunden jungen Hund.

Der fröhliche Welpe wird zum Problemtier


Welpe Willie, ein Neffe ihres geliebten Border Collies Luke, kommt von einer vertrauenswürdigen Züchterin zu Trisha und ist ein schlauer, gelehriger und fröhlicher kleiner Hund. Doch so klug und lieb er ist, so schreckhaft, geräuschempfindlich und übermäßig sensibel ist er auch. Und auf einmal verfällt er aus heiterem Himmel in schreckliche Angstzustände oder rasende Wut. Menschen mag er, doch andere Hunde fällt er an, ganz egal, wie groß sie sind.

Nun sollte man meinen, dass Trisha als Expertin das richtige Rüstzeug hat, um dem Welpen zu helfen, doch bei Willie versagt all ihre Kunst. Was immer sie auch anstellt: Es geht einen Schritt vor und zwei zurück. Sie überlegt ernsthaft, den Welpen wieder abzugeben, aber sie hängt doch zu sehr an ihm. Nicht nur, weil er Lukes Neffe ist, sondern auch, weil er sie mit seinen irrationalen Ängsten ein wenig an sie selbst erinnert. Trisha kennt das nur zu gut. Sie fürchtet sich im Dunkeln und hat manchmal wider besseren Wissens das Gefühl, von jemandem verfolgt zu werden, der bereit ist, ihr jeden Moment den Schädel einzuschlagen.

Zwei in ständiger Alarmbereitschaft


Genau wie der kleine Border Collie ist Trisha in ständiger Alarmbereitschaft, und das, solange sie denken kann. Das heisst … nein. Eigentlich erst, seit sie als Teenager von ihrem Schwager missbraucht worden ist. Damals hat das angefangen. Dass sie in jener Zeit auch einen entsetzlichen Unfall mit ansehen musste – ein Bühnenarbeiter stürzt im Theater direkt vor ihren Augen in den Tod –, dass sie ein schwieriges familiäres Umfeld hat und als junge Frau Opfer eines „Date Rapes“, einer Vergewaltigung wurde, das alles hat das Problem noch verstärkt.

Irgendwann kommt Trisha der Verdacht, Hund Willie könnte unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Und wenn er das hat, hat sie selbst das vielleicht auch? Fühlt sie sich ihm deshalb so verbunden, weil sie beide dasselbe Problem haben?

Trisha weiß zwar nicht, was der kleine Willie Schlimmes erlebt haben soll, ehe er in ihren Haushalt gekommen ist, aber sie selbst hat definitiv etliche „Baustellen“. Hat Willie womöglich gar kein „eigenes“ Trauma erlitten, sondern spiegelt nur ihre Verfassung wider? Sie weiß es nicht. Hier stößt die Mensch-Tier-Kommunikation an ihre natürlichen Grenzen und Trisha kann nur spekulieren. Auf jeden Fall beschließt sie, ihre Traumata endlich therapeutisch aufzuarbeiten. Wenn sie ihr Leben besser im Griff hat, vielleicht färbt das ja auch auf Willie ab. Und siehe da, dieser Ansatz scheint zu funktionieren!

Ein Buch über Hunde und über Menschen


Weil ich auf ein reines Hundebuch eingestellt war, in dem eine Expertin von ihren schwierigen Fällen berichtet, hat es mich etwas befremdet, dass das Buch mit einem dramatischen Ereignis aus Trisha McConnells Jugend beginnt. Ich fühlte mich überinformiert. Über das Verhalten von Tieren hatte ich etwas lernen wollen. Der Autorin selbst wollte ich gar nicht so nahe kommen. Das fühlt sich, wenn man nicht darauf gefasst ist, ausgesprochen indiskret an. Es ist ein bisschen so, als würde einem ein Wildfremder im Zug seine ganze Leidensgeschichte erzählen. Doch man lernt schnell, die rückhaltlose Offenheit der Autorin zu schätzen. Denn je besser Trisha ihre eigenen Reaktionen auf die extremen Erlebnisse in ihrer Vergangenheit versteht und verarbeitet, desto besser kommt sie auch mit Willie klar. Nach und nach erwirbt sie die Fähigkeit, ihm die Sicherheit zu geben, die er braucht.

Hier lernt man etwas über Hunde und über Menschen. Und es ist schwer zu sagen, was spannender zu verfolgen ist: Willies Gesundungs- und Entwicklungsprozess oder der der Autorin.

Die Autorin
Patricia B. McConnell ist bekannt als Honorarprofessorin für Tierverhalten, Hundeverhaltensberaterin und Bestseller-Autorin von Hundefachbüchern. Ihren ersten Anlauf an der Uni brach sie ab, da sie früh heiratete. Nach einer Dekade des Jobbens schrieb sie sich mit 30 Jahren an der University of Wisconsin ein und studierte Tierverhalten, bis sie 1988 ihren Doktortitel erwarb. Fortan setzte sie die Theorie in die Praxis um: Sie gründete ihre Firma „Dog’s Best Friend“ in Wisconsin, die auf das Trainieren von Familienhunden und die Behandlung aggressiver Hunde spezialisiert ist. Mit ihrem Mann, ihren Hunden und ihren Schafen lebt sie auf einer Farm in Wisconsin. Ihr Buch »Das andere Ende der Leine« (2002) zählt inzwischen zu den Klassikern der Hundeliteratur.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.