Steve Hockensmith, Lisa Falco: Weiße Magie. Vorsicht Stufe! – Kriminalroman

Steve Hockensmith, Lisa Falco: Weiße Magie. Vorsicht Stufe! – Kriminalroman. OT: Fool Me Once, Deutsch von Britta Mümmler, München 2017, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21664-7, Softcover, 351 Seiten mit zahlreichen s/w-Abbildungen (Tarotkarten), Format: 12,2 x 2,7 x 19,3 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10.30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Ich war so überzeugt gewesen, dass ich das „Weiße Magie – gut & günstig“ übernehmen und sein Karma einfach umwenden könnte wie einen Pfannkuchen, in dem ich Falsches durch Richtiges ersetzte, half statt zu schaden und Wiedergutmachung leistete für all die Verbrechen meiner Mutter. Und das Ergebnis: Bill Riggs lag im Leichenschauhaus und Marsha Riggs saß im Gefängnis.“ (Seite 208/209)

Nein, einen klassischen Kriminalroman sollte man hier nicht erwarten, auch wenn es so auf dem Buchcover steht. Dazu ist die Heldin ein bisschen zu zwielichtig und die Handlung zu schräg.

Alanis McLachlan, Anfang 30, hat von ihrer Mutter, einer Trickbetrügerin, den Tarotladen „Weiße Magie – gut & günstig“ in Berdache/Arizona geerbt. Nicht dass eine der Damen je Ahnung vom Kartenlegen gehabt hätte. Alanis lernt es gerade. Ihre Mutter, die vielleicht mit bügerlichem Namen Barbra Harper geheißen hat, vielleicht auch nicht, hat wild improvisiert. Sie hat einfach die Bildmotive frei interpretiert und darüber sogar ein Buch geschrieben. Aus diesem wird hier fleißig zitiert: Jedem Kapitel steht eine hanebüchenen Deutung einer Tarotkarte voran und gibt einen saukomischen und leicht verklausulierten Ausblick auf das, was einen auf den folgenden Seiten erwartet.

Helfen statt abzocken – das ist der Plan


Die Tochter also, die sich den Namen Alanis McLachlan als Teenie gegeben hat, nachdem sie von ihrer soziopathischen Mutter geflohen war, hat ihren Job in einem Callcenter in Chicago aufgegeben und führt jetzt Mutters Laden weiter. Unterstützt wird sie dabei von ihrer deutlich jüngeren Halbschwester Clarice, von deren Existenz sie erst erfahren hat, nachdem sie ihr Erbe angetreten hatte. Obwohl die beiden jungen Frauen bei ihrer Mutter eine gründliche „Ausbildung“ genossen haben, sehen sie sich eher auf der Seite der Guten:
„Clarice und ich teilten einen Charakterzug, den wir von unseren jeweiligen Vätern haben mussten, wer immer sie auch waren. Etwas, das wir todsicher nicht von Barbra mitbekommen hatten: Wir hatten beide ein Gewissen.“ (Seite 32)

Und so versuchen sie, das wieder gut zu machen, was ihre Mutter angerichtet hat. Mrs. Castellano bekommt zum Beispiel ihren Schmuck wieder, den Barbra ihr abgegaunert hatte. Was sie so glücklich macht, dass sie in Alanis gleich ihre künftige Schwiegertochter sieht. Doch so gutaussehend ihr Sohn Victor auch ist, für Alanis ist er viel zu spießig und humorlos.

Marsha unter Mordverdacht


Ein anderes Opfer von Barbras Tricks war die unglücklich verheiratete Marsha Riggs. Sie war regelrecht abhängig vom Kartenlegen, was Barbra natürlich weidlich ausnutzte. Alanis will Marsha nun helfen, ihren brutalen Ehemann Bill zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. Doch Marsha ist nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte, hat ein geringes Selbstwertgefühl und keine eigene Meinung. Alanis sagt, sie soll Bill verlassen, also verlässt sie ihn. Bill will keine Trennung, und schon will sie wieder zu ihm zurück.

Als Bill Riggs eines Morgens erschlagen aufgefunden wird, gerät natürlich als erstes seine Gattin in Verdacht. Zumal sie kurz vor dem Tod ihres Mannes zu einem Auftragsmörder Kontakt gehabt haben soll.

Alanis glaubt nicht an die Schuld ihrer Freundin. Doch ihr Anwalt, Eugene Wheeler, wird Marsha nicht im Alleingang retten können. Es wäre schon besser, wenn Alanis den wahren Mörder präsentieren könnte. Und schon legt sie los. Bill Riggs war doch ein Mistkerl vor dem Herrn, der wird doch aber noch andere Feinde gehabt haben als nur seine verhuschte Ehefrau! Und siehe da: Sein Nachbar war nicht gut auf ihn zu sprechen, sein Chef auch nicht, und im Knast hat er sich mit dem Kleinganoven G. W. Fletcher angelegt, was auch keine gute Idee war.

Alanis sucht den wahren Mörder


Wie sie das alles rauskriegt, so als Amateurin? Nun, Alanis hat keine Probleme damit, unter falschem Namen und mit einer ausgedachten Geschichte den Verdächtigen auf den Pelz zu rücken. Was ihr fehlt, ist nur ein ähnlich gewiefter Partner. Wenn sie zu zweit sein müssen, schleppt sie notgedrungen den biederen Victor Castellano mit, aber der ist in seiner ängstlichen Rechtschaffenheit eher ein Hemmschuh als eine Hilfe. Wie sie als Jonathan und Jennifer Hart bei der Timesharing-Firma auflaufen, für die der Ermordete gearbeitet hat, ist entsprechend großes Kino.

Der charmante Herumtreiber G. W. Fletcher ist für solche Unternehmungen schon ein brauchbarerer Kandidat. Doch leider hält er sich an keine Absprachen. Bei seinem ersten Einsatz versucht er, Alanis übers Ohr zu hauen, den zweiten vermasselt er grandios. Ausgerechnet das Treffen mit dem Auftragsmörder! Mit etwas Glück hätte dieser bestätigen können, dass er niemals für Marsha Riggs tätig geworden ist. Das wäre zwar nicht gerichtsverwertbar gewesen, aber sei‘s drum. Das Treffen mit dem Berufskiller ist der absolute Brüller, weil es komplett entgegen alle Erwartungen abläuft. Beste Szene im Buch, ungelogen!

Keine Chance auf ein ruhiges Leben!


Neben ihren Privatermittlungen, dem Kartenlegen und dem Wiedergutmachungsprojekt hat Alanis noch mit diversen Feinden ihrer Mutter zu kämpfen und mit ein paar eigenen. Und sie versucht vergeblich, ihrer jungen Halbschwester sowas wie Halt und Vorbild zu sein. Haut nicht so ganz hin. Statt zur Schule zu gehen, würde Clarice lieber mit Freundin Ceecee abhängen und Alanis bei ihren Ermittlungen helfen. Sie ahnt ja nicht, wie gefährlich das werden kann …!

Gegen Schluss wird der Fall ein bisschen kompliziert. Aber eigentlich ist es uns Lesern auch egal, wer Marshas widerwärtigen Ehegatten ins Jenseits befördert hat. Alanis‘ unkonventionelle und meistens reichlich dubiose Ermittlungsmethoden sind hier das eigentliche Vergnügen.

Seit Band 1 (WEISSE MAGIE – MORDSGÜNSTIG) hat die Heldin, die ihren richtigen Namen gar nicht kennt, weil ihre Mutter und sie ständig unter wechselnden falschen Identitäten gelebt haben, in Sachen Tarot einiges dazugelernt. Wenn sie die Karten legt, folgt sie auch den Regeln. (Dafür sorgt Steve Hockensmiths Co-Autorin Lisa Falco.) Aber auch hier liegt der Gag ganz woanders: In den haarsträubenden Zitaten aus Barbra Harpers Tarotbuch. In diesem Krimi werden ausschließlich die Karten der Stäbe durchdekliniert: vom Ass über die 2 bis 10 der Stäbe bis zu Bube, Ritter, Königin und König. Im zweiten Teil des Romans geht das Ganze dann wieder rückwärts, vom König bis zum Ass, diesmal aber mit kopfstehenden Karten, was ja auch die Bedeutung umkehrt. Das ist schon sehr clever konstruiert und mich würde interessieren, wie man als Autor einen Plot um ein gutes Dutzend Tarotkarten herumklöppelt. Wie auch immer: Hockensmith kann das.

Bis Alanis Leben so ruhig und beschaulich verlaufen kann, wie sie es gerne hätte, wird es wohl noch ein Weilchen dauern. Am Schluss der Geschichte wartet noch eine faustdicke Überraschung auf sie. Also wird sie in Band 3 (WEISSE MAGIE – DIREKT INS SCHWARZE) wohl nochmal schwindelnd, helfend und ermittelnd ran müssen. Wenn’s nach mir geht, gern. Ich bin auf jeden Fall wieder dabei!

Die Autoren
Steve Hockensmith, geboren 1968 in Kentucky, hat als Journalist gearbeitet, bevor er sich ganz auf das Schreiben von Büchern verlegt hat. Er lebt mit seiner Familie in Kalifornien.

Die Übersetzerin Britta Mümmler lebt und arbeitet in München. Sie überträgt die Texte berühmter Autoren, wie z. B. bei dtv die beliebte Vampir-Reihe von Charlaine Harris, aber auch klassische Werke von Charles Dickens und C. S. Forester.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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