Sam Gasson: Gone Cat – Die stumme Zeugin. Kriminalroman

Sam Gasson: Gone Cat – Die stumme Zeugin. Kriminalroman, OT: The cat who saw it all, aus dem Englischen von Ann-Kathrin Schwarz, Augsburg 2017, Weltbild Verlag, ISBN 978-3-95973-281-9, Softcover, 383 Seiten, Format: 12,7 x 19 x 2,7 cm, EUR 9,99. Oder: Köln 2016, Lyx Verlag/ Bastei Lübbe AG, ISBN 978-3-7363-0157-3, Softcover, 352 Seiten, Format: 13,5 x 3 x 21,5 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: Weltbild-Ausgabe, (c) Weltbild-Verlag

Jim Grew, 48, lebt mit seiner Familie in Brighton/England. Zu seinem großen Bedauern muss er aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf als Privatdetektiv aufgeben und sein Büro räumen. Jetzt ist seine Frau Helen, eine Lehrerin, die Alleinverdienerin und Jim der Hausmann. Damit bleibt ihm mehr Zeit als bisher, dem gemeinsamen elfjährigen Sohn Bruno Geschichten aus seinem Berufsleben zu erzählen und mit ihm zusammen Krimis im Fernsehen anzuschauen.

Bruno findet das klasse. Für ihn ist klar: Er wird auch einmal Detektiv. Besser gesagt: Er glaubt, er sei jetzt schon einer. Durchaus sachkundig beobachtet er, was in seiner Nachbarschaft vor sich geht. Als sein Kumpel, der Nachbarsjunge Dean Rutter, ihm anvertraut, dass ihm ein Unbekannter für eine nicht näher spezifizierte Gefälligkeit ein paar Süßigkeiten angeboten habe, schrillen bei dem Jungdetektiv sämtliche Alarmglocken. Ein Kinderschänder! Ein Fall! Doch andererseits erzählt Dean gerne Lügengeschichten. Die hier klingt jedenfalls verdächtig nach einer Episode aus dem Lehrfilm, den sie neulich in der Schule gesehen haben. Also doch kein Fall?

Die Katze mit der Halsbandkamera


Die Sache gerät wieder in Vergessenheit, weil so viel anderes passiert. Deans Eltern haben einen massiven Streit und Dean übernachtet bei den Grews, bis sie sich wieder eingekriegt haben. Gut! Da kann er ja gleich bei der Auswertung der Daten der neuen Minikamera helfen, die Bruno am Halsband seiner Katze Mildred befestigt hat. Es wird sicher interessant zu sehen, was sie bei ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft alles vor die Linse gekriegt hat.

Zunächst sind Mildreds Aufzeichnungen nicht allzu spannend. Sie stromert durch fremde Gärten und Häuser und frisst sich bei verschiedenen Familien durch. Doch dann geschieht in unmittelbarer Nähe ein Mord: Deans Mutter, Poppy Rutter, wird erschlagen in ihrem Haus aufgefunden. Hat Mildreds Kamera die Tat aufgezeichnet? Und ist das der Katze zum Verhängnis geworden? Sie ist jedenfalls seit dem Tatabend nicht mehr nach Hause zurückgekehrt, und das ist sehr untypisch für sie.

Hat Mildred den Mord aufgezeichnet?


Bruno ist untröstlich und setzt alle Hebel in Bewegung, um Mildred wiederzufinden. Wenn man wie ein Verbrecher denken muss, um einen Verbrecher zu fangen, vielleicht kann man dann ja eine verschwundene Katze finden, indem man wie eine Katze denkt. Bruno tut jedenfalls sein Bestes. Sein Vater ermittelt unterdes auf eigene Faust im Mordfall Poppy Rutter. Man hat ihren Mann verhaftet, den jähzornigen Waliser Terry, der öfter mal zu viel trinkt und dann ausfallend wird. Der bullige Sanitäter ist nicht gerade ein Sympathieträger, aber Jim Grew verdankt ihm sein Leben und will ihm helfen. Sein Instinkt und seine Berufserfahrung sagen ihm, dass Terry nicht der Täter ist. So kaltblütig, sich nach der Tat umzuziehen, die Waffe verschwinden zu lassen und sich seelenruhig neben der Toten schlafen zu legen, ist er nicht.

Weil gerade Sommerferien sind und Jim nach Aufgabe seines Büros von zuhause aus arbeitet, kriegt Bruno genau mit, welche Nachforschungen sein Vater anstellt und er betrachtet sich als dessen vollwertiger Mitarbeiter. Für sein Alter hat Bruno erschreckend viel Ahnung von Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Ermittlungs- und Verhörtechniken, aber für ihn ist das alles ein Spiel. Mit Weisheiten aus den Fernsehkrimis inszeniert er sich als abgebrühten Privatermittler, der nach seinen eigenen Regeln spielt. Er kann nur von Glück sagen, dass ihn die Erwachsenen nicht allzu ernst nehmen, wenn er seine selbstgemachten Visitenkarten verteilt, Verdächtige befragt oder sich am Telefon mit verstellter Stimme als Polizist ausgibt. Papa Jim findet das Treiben seines Sohnes putzig. Was er nicht weiß, ist, dass Bruno Beweismittel zurückhält, weil er den Täter selber überführen will. Ein brandgefährliches Spiel! Denn wenn Terry Rutter die Tat nicht begangen hat, läuft Poppys Mörder noch frei herum. Und es haben ja alle gesehen, wozu er fähig ist.

Viele Verdächtige: Vater und Sohn ermitteln


Verdächtige gibt es genügend. Poppys Ehemann Terry ist noch nicht aus dem Schneider, dazu ist sein Alibi zu wackelig. Es könnt auch ihr Geliebter gewesen sein, den sie über die Maßen enttäuscht hat. Vielleicht war es der neugierige und ziemlich schmierige Nachbar, der merkwürdigen Besuch bekommt und noch merkwürdigeren nächtlichen Aktivitäten nachgeht. Und mit dem Sohn der Ladenbesitzerin an der Ecke stimmt auch etwas nicht.

Vielleicht war es ja der Kerl, mit dem Poppy kurz vor ihrem Tod gestritten hat? Leider hat Bruno nur dessen Beine gesehen und lediglich unzusammenhängende Gesprächsfetzen mitbekommen. Der Kinderschänder, von dem Dean immer wieder erzählt, wäre auch noch ein Kandidat – falls er wirklich existiert. Oder hat Poppys Ermordung etwas mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für die Telefonseelsorge zu tun? Sie hatte noch versucht, ihrer Kollegin von einem Problem mit einem Anrufer zu erzählen, konnte das Gespräch aber nicht zu Ende führen. Und wie hängt der kiffende Punker von nebenan in der Geschichte mit drin? Der hat garantiert das eine oder andere zu verbergen!

Als Mildreds Halsbandkamera wieder auftaucht, kommt Bewegung in den Fall. Doch bleiben noch viele Fragen offen. Vielleicht müsste nur mal einer genauer hinsehen …?

Immer wenn man glaubt, jetzt kapiert zu haben, warum Poppy Rutter sterben musste, kommt wieder eine neue Information ans Tageslicht und es gibt eine neue Wendung. Das ist schon raffiniert gemacht. Trotzdem weiß ich nicht so recht, was ich hier gelesen habe: Ein Jugendbuch? Wenn der Held ein Kind oder ein Jugendlicher ist, ist das ja meist ein sicheres Indiz dafür. Aber dafür ist die Handlung zu brutal. Würde man ein junges Publikum wirklich mit Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung, allerlei Perversionen und einem blutigen Mord konfrontieren? Genau wie der junge Held würden (und sollen!) Kinder manche der Andeutungen und Bemerkungen in dem Buch noch gar nicht verstehen. Wenn es allerdings ein Roman für Erwachsene ist, ist die Schilderung aus der Sicht eines Kindes zumindest ungewöhnlich.

Ein altkluger Held


Dass Bruno glaubt, in der Realität gehe es genauso zu wie in den Fernsehkrimis und dass er die Tragweite seines Handelns nicht ermessen kann, ist aufgrund seines Alters nachvollziehbar. Das kann man dem Jungen auch nicht übelnehmen. Aber seine Altklugheit und die Weisheiten auf Kalenderspruch-Niveau haben schon ein gewisses Nervpotential. Die Frage muss erlaubt sein: Findet im Hause Grew überhaupt eine Erziehung statt? Die Mutter kreischt hilflos herum, der Vater lässt Bruno einfach wursteln und der tut, was er will. Und ich mache hier jetzt keine Witze über Lehrerskinder.

Besonders dynamisch geht es in diesem Roman nicht zu. Die Handlung handelt so vor sich hin und ab und zu haut‘s ein paar starke Spannungsspitzen raus. Alles in allem war die Story ganz unterhaltsam, aber restlos überzeugt hat sie mich nicht. Und wieso muss man eigentlich dem Buch für den deutschen Markt einen englischen Titel geben, den es im Original nie hatte: GONE CAT? Weil es einen erfolgreichen Thriller mit dem Titel GONE GIRL gibt? Das ist ein bisschen bemüht.

Wenn ich es richtig sehe, ist das Buch nie auf Englisch erschienen. Das Manuskript wurde direkt an den deutschen Verlag verkauft. Wer also gern Bücher in der Originalsprache liest, braucht nicht zu suchen. Er wird hier nicht fündig werden.

Der Autor
Sam Gasson lebt mit seiner Frau in Horsham, einer historischen Marktstadt in Südengland. Tagsüber unterrichtet er Englische Literatur in einer Sekundarschule, und seine Abende verbringt er am Schreibtisch und ersinnt eigene Geschichten. Gone Cat ist sein Debütroman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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