Lisa Graf, Ottmar Neuburger: Kill Mr Bitcoin. Thriller

Lisa Graf, Ottmar Neuburger: Kill Mr Bitcoin. Thriller, Köln 2018, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-0385-8, Klappenbroschur, 347 Seiten, Format: 13,7 x 3,2 x 20,3 cm, Buch: EUR 14,95, Kindle Edition: EUR 9,49.

Abbildung: (c) Emons-Verlag

„Und was soll in Santiago besser sein als in Rom? Was war in Rom besser als in Mailand? Was war in Mailand besser als in Berlin? (…) Bisher ist es von Ort zu Ort schlimmer geworden. Wäre ich doch einfach in Berlin geblieben. Vielleicht hätten sie mich dann umgebracht, aber wäre das schlimmer gewesen als das, was jetzt passiert ist?“ (Seite 146)

Erst war ich mir nicht sicher, ob ich diesen Thriller überhaupt lesen sollte. Ich hatte nämlich absolut keine Ahnung von Bitcoins. Ist das nicht so ein ausgedachtes Geld für windige Spekulanten? Heute ein Vermögen wert und morgen alles futsch?

Es sei kein Problem, wenn ich nichts davon verstünde, hat man mir versichert. Dem Protagonisten gehe es zunächst ebenso. Man wachse sozusagen mit ihm zusammen in das Thema hinein. Also habe ich es riskiert und wurde mit einem rasanten Thriller belohnt, der auch ein paar Science fitction/Fantasy-Elemente hat: einen Schuss MATRIX, ein Löffelchen WELT AM DRAHT, eine Prise TRON und jeweils eine Messerspitze Dan Brown und INDIANA JONES.

Alles beginnt in Berlin, wo Noah Franzen als Barmann arbeitet und sich an unzähligen Abenden die schrägen Theorien des IT-Nerds Joe Muskat und dessen Freundin Julia anhören muss. Unsere Welt sei nur eine von unendlich vielen Simulationen technisch überlegener Aliens, behauptet Joe, der Gründer des „Ordens der heiligen Festplatte“. Julia hält mit einer ähnlich krausen Idee dagegen und Noah denkt, jetzt wird es langsam Zeit, dem Job und der Stadt den Rücken zu kehren.

Lange Zeit habe ich die Figuren für Hipster gehalten, die altersmäßig gerade mal den chaotischen Studentenzeiten entwachsen sind, mental gesehen jedoch noch nicht. Nach 100 Seiten wird klar: Die sind schon deutlich länger so! Noah dürfte bereits Mitte/Ende 30 sein, Joe im Rentenalter und Julia irgendwo dazwischen.

Ohrenzeuge eines Mordbefehls


Eines Nachts wird Noah auf dem Heimweg er zufällig Zeuge eines Telefonats, in dem ein Amerikaner einen Mordbefehl ausspricht: „Kill Satoshi Nakamoto“, sagt er. Und dass das kein Witz war, merkt Noah schnell: Er wird verfolgt und traut sich erst mal nicht nach Hause.

Nun will er wenigstens wissen, für wen oder was ihm die Amerikaner ans Leder wollen. Satoshi Nakamoto, googelt er, sei das Pseudonym des Bitcoin-Erfinders. Niemand weiß, wer wirklich dahintersteckt. Aber in der Finanzwelt – und nicht nur da – gibt’s eine Menge Leute, die diesen Menschen und seine Erfindung zum Teufel wünschen. Hier geht’s also wirklich um etwas und die Verfolger meinen es ernst. Und jetzt?

Joe und Julia raten ihm zum Untertauchen. Und bei der Gelegenheit stellt er fest, dass er die beiden offenbar total unterschätzt hat. Das sind keine harmlosen Spinner in prekären Arbeitsverhältnissen, die eine Juxreligion gegründet haben. Da steckt viel mehr dahinter!

Flucht von Berlin nach Italien …


Joe und Julia geben dem verdutzten Barmann eine Schnellbleiche zum Thema Bitcoins, ein paar gute Ratschläge und drei Paper-Wallets (grob vereinfacht gesagt: Bitcoins auf Papier. Sowas wie Schecks) und er macht sich auf nach Mailand, wo er eine (verheiratete) Freundin hat. Die freut sich und denkt, er komme allein ihretwegen. Erst als sie auf dem Weg nach Rom verfolgt werden, dämmert ihr, dass hier etwas nicht stimmt.

Im Untertauchen ist Noah noch ein Anfänger, was bald fatale Folgen hat. Hat sein Berliner Kumpel Dave ihn seine Verfolger verraten? Er wusste am Telefon ein bisschen zu gut seinen derzeitigen Aufenthaltsort Bescheid. Für große Gefühle oder einen Nervenzusammenbruch ist jetzt aber keine Zeit. Zum Glück hat Joes „Orden“ auch Verbindungen in Rom. IT-Fachmann Carlo sammelt den ramponierten Noah ein, päppelt ihn auf und schickt nach Nordspanien auf den Jakobsweg. Nach dem Grund fragt Noah nicht. Ihm ist jetzt schon alles egal.

… und weiter nach Nordspanien


Beim „Pilgern“ läuft er diversen merkwürdigen Gestalten über den Weg: dem Aussteiger Elias, ein paar Nonnen, einer raubeinigen Taxifahrerin und der Schweizerin Ria, mit der er dann eine Weile unterwegs ist. Die hat es faustdick hinter den Ohren. Auf einmal ist der fassungslose Noah ihr Komplize bei diversen Straftaten. Und da bekommt die Geschichte nun endgültig ihren Science-Fiction-Drall. Noah stiehlt für Ria ein Artefakt – oder ist es ein natürliches Objekt? – das aufgrund seiner Beschaffenheit nicht von dieser Welt sein kann. Es widersetzt sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung.

Mit diesem „Schatz“ in der Tasche geht’s weiter nach Israel, zum Bitcoin-Summit. Während auf der Bühne die Aktivisten Karim und Malka die Vorzüge des Bitcoin für die ganze Welt preisen, erfüllt sich eine von Joes kryptischen Prophezeiungen.

Wo ist Joe? Und Satoshi Nakamoto?


A propos Joe …: Wo ist der überhaupt? Die Antwort ist, gelinde gesagt, überraschend. Und wie geht’s dem Phantom, Satoshi Nakamoto? Ist es untergetaucht oder weilt es inkognito auf der Veranstaltung? Wir wissen es nicht. Der Leser erfährt nur eines über den Bitcoin-Erfinder … und denkt sich grinsend, dass es den verschiedenen Geheimdienstjodlern hoffentlich rechtschaffen peinlich ist, wenn das eines Tages rauskommt. Denn das hatten sie offenbar nicht auf dem Schirm …

Es ist ganz schön was los in diesem Thriller. Der ahnungslose Durchschnittsbürger Noah wird mächtig vom Schicksal gebeutelt, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Als er sich eine Veränderung in seinem Leben gewünscht hat, hat er damit ganz bestimmt nicht gemeint, dass er aus Berlin flüchten und durch drei der wichtigsten Zentren der christlichen Welt gejagt werden wollte: Rom, Santiago de Compostela und Jerusalem. Und das, ohne zu wissen, wer Freund und wer Feind ist und wem er in diesem mörderischen Chaos noch trauen kann.

Unberechenbare Science-Fiction-Elemente


Als Leser verfolgt man die Geschichte wie gebannt und kann beim besten Willen nicht voraussehen, welcher Wahnsinn hinter der nächsten Kurve auf den Helden lauert. Was unter anderem daran liegt, dass man die verschiedenen Science-Fiction- und Fantasy-Elemente nicht erwartet. Ab dem Moment, in dem Noah und die Schweizerin Ria in dem spanischen Kloster übernachten, wird die Story absolut unberechenbar.

Übrigens: Man muss sich nicht damit plagen, Rias mittelalterliches Manuskript zu entziffern, wie ich es fluchend versucht habe. Die Übersetzung ins Hochdeutsche ist unmittelbar danach abgedruckt. 😉

Ich liebe Science-Fiction, war hier aber einfach nicht darauf gefasst. Ich hatte einen Wirtschafts-Thriller erwartet mit Politik, ein paar Agenten und Geheimdiensten, Auftragskillern und Verschwörungstheorien – aber alles durchaus irdisch. Immer wenn die Handlung unsere vertraute Realität verlassen hat, bin ich etwas ratlos auf dem Boden der Tatsachen zurück geblieben. Joes WELT-AM-DRAHT-Obsession habe ich aufgrund seiner Vorgeschichte verstanden, und die hätte mir vollauf gereicht. Die Dan-Brown und Indiana-Jones-Momente sowie das Alien-Dingsi hätte ich nicht unbedingt gebraucht.

Sei’s drum: Spannend und unterhaltsam war’s, und ich habe auch ein bisschen was gelernt. Über Bitcoins.

Die Autoren
Lisa Graf-Riemann, geboren in Passau, studierte Romanistik und Völkerkunde und ist seit 2009 freie Autorin. Sie hat sieben Kriminalromane und mehr als ein Dutzend Reisebücher und Lehrwerke geschrieben.

Ottmar Neuburger, 1959 in Simbach am Inn geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Physik, BWL und VWL. Er ist in der Software-Entwicklung tätig, arbeitet als Berater und Autor und verfolgt die Genese und Entwicklung des Bitcoin von einem sehr frühen Zeitpunkt an.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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