Gesichtserkennung ;-)

Ich kann heute noch zehnstellige Telefonnummern von Leuten aufsagen, die seit über zwanzig Jahren tot sind. Ich erinnere mich auch an diverse Haustier- und Familienanekdoten, Lieblingslieder und kulinarische Vorlieben von Menschen, mit denen ich von 35 Jahren zusammengearbeitet habe. Worin ich aber ganz schlecht bin, ist, mir Gesichter zu merken.

Ich bin nicht gesichtsblind, leide also nicht unter Prosopagnosie. Mir geht es nur so, wie die Journalistin Sonja Niemann in ihrem Artikel „Oh je, wir duzen uns sogar“ (BRIGITTE 6/2019) beschreibt: „(…) ich bin (…) unterdurchschnittlich begabt darin, Gesichter wiederzuerkennen. Insbesondere, wenn ich ihnen außerhalb der gewohnten Umgebung begegne.“

Menschen mit Mütze erkenne ich nicht

Genauso ist es bei mir! Und wie Frau Niemann behelfe ich mir damit, mir andere Merkmale der Person einzuprägen. Die Frisur, zum Beispiel. Nur reicht dann schon eine Mütze und die Person ist, wie es in dem Artikel heißt „für mich (…) bis zur Unkenntlichkeit verkleidet.“ Ich habe mehrfach meine langjährige Nachbarin nicht erkannt, nur weil sie einen Anorak mit Kapuze trug.

Was hat mir diese Unfähigkeit schon für peinliche Momente bereitet!

Mit den Freundinnen eines Bekannten habe ich mir schon in jungen Jahren nicht viel zu tun gemacht. Er wechselte diese häufiger und bevorzugte einen bestimmten Frauentyp. Ich war einfach außerstande zu sagen, ob die, die er gerade dabei hatte, dieselbe war wie die, die wir vor vier Wochen beim Stadtfest kennengelernt hatten.

Und warum, in drei Teufels Namen, stellt die Firma B. lauter große, schlanke, langhaarige Blondinen Mitte 20 ein? Das ist doch kein Modegeschäft! Nie weiß ich, ob ich mit dieser oder jener Dame schon einmal zu tun hatte, ob sie also mich und mein Anliegen bereits kennt oder ob ich mit meinen Erklärungen bei Adam und Eva anfangen muss!

Es mag ja sein, dass der dortige Personaler auf diesen Typ Frau abfährt, aber mein Leben wäre deutlich leichter, wenn er die ganze verfügbare Bandbreite ausschöpfen würde. Menschen gibt’s schließlich in verschiedensten Größen, Formen, Farben und Altersklassen! Wollte ich nur mal gesagt haben.

Theo, Leo, Hans oder Franz?

Ich habe schon einmal aufgehört, eine Fernsehserie weiter zu verfolgen, nachdem sie von einem Klongeschwader übernommen worden war. Ich konnte einfach die Akteure nicht mehr auseinanderhalten. Wenn ich nicht weiß, ob ich Theo, Leo, Hans oder Franz vor mir habe, ist mir auch nicht klar, was aktuell deren Problem ist. Und das macht es schwierig, dem Inhalt zu folgen.

Am schlimmsten ist es, wenn mir eine Person außerhalb des gewohnten Kontexts begegnet. Erst, wenn ich jemanden auf der Stuttgarter Einkaufsmeile wiedererkennen würde, kenne ich ihn/sie wirklich. Aber da versage ich sogar bei angeheirateten Verwandten, mit denen ich nur sehr selten Kontakt habe!

Steht der Doktor beim Dorffest am Grill oder treffe ich die Reinigungskraft aus dem Büro, die ich nur mit Jeans, Kittelschürze und Pferdeschwanz kenne, schick angezogen bei einer Veranstaltung, reagiere ich verwirrt – oder gar nicht. Wahrscheinlich denken die Leute, ich sei eingebildet. Oder kurzsichtig.

Der Geschäftsmann als Kellner

Für regelrecht bescheuert muss mich örtlicher Geschäftsmann halten, der mir bei einem meiner beruflichen Termine –zig Kilometer entfernt plötzlich als Kellner gegenüber stand. Er grüßte mich, sprach mich mit Namen an, und ich schaute ihn an wie ein Auto. Wir haben seit bestimmt zehn Jahren regelmäßig miteinander zu tun, aber eben an einem anderen Ort und in einem ganz anderen beruflichen Zusammenhang. Ich hatte keine Ahnung, dass er etwas von Gastronomie verstand und in Notfällen manchmal in der Cateringfirma eines Freundes aushilft. Erst als er lachte, begriff ich, wer da vor mir stand.

Noch peinlicher: An meiner angestammten Stadtbahnhaltestelle sprach mich eine junge Frau an und hatte eine Frage zum Fahrplan. Ich gab freundlich Auskunft und wurde die Frau einfach nicht mehr los. Sie stieg in denselben Zug ein, setzte sich neben mich und erzählte mir Furz und Feuerstein. Sie stieg sogar an derselben Haltestelle aus wie ich und ging mit mir die Straße hoch.

Was will die Frau nur von mir?

Das wurde mir jetzt aber unheimlich! Was will die denn von mir? Und was mach‘ ich, wenn die mir in meine Wohnung folgt? Ich will die da nicht haben!

Erst als sie im Hauseingang nebenan verschwand, ging mir ein Seifensieder auf: Das war die Nachbarin, die dort im ersten Stock wohnte!

Seit ich wieder in meinen Heimatort zurückgezogen bin, bin ich daran gewöhnt, dass mich Leute kennen, ja sogar mit Vornamen und „Du“ ansprechen, während ich völlig schimmerlos bin, mit wem ich es zu tun habe. Ehemalige Nachbarn, Bekannte meiner Eltern/Verwandten, Eltern ehemaliger Schulkameraden … alles ist möglich. Für diese Menschen ist es ja auch einfacher als für mich: Ich wohne im Haus meines Vaters, mit dem sie mich wahrscheinlich öfter mal zusammen gesehen haben, und es besteht eine deutliche Familienähnlichkeit. Also ist denen klar, wer ich bin. Umgekehrt nicht so.

Ich erkenne immerhin Familienähnlichkeiten

Komischerweise erkenne ich Familienähnlichkeiten. Wenn man die ganze Sippe kennt, ist es auch für mich manchmal unübersehbar, aus welchem Klan einer stammt. Ich würde jeden Eid schwören, dass die junge Frau neulich im Supermarkt eine Enkelin des Schuhmachermeisters war und die wild gelockte Schülerin im Bus die Tochter einer ehemaligen Mieterin.

Es ist schon seltsam, dass ich zwar Hinz und Kunz nicht erkenne, aber sehr wohl deren Kinder und Enkel. Weiß der Geier, wie meine „Gesichtserkennung“ funktioniert. Auf jeden Fall funktioniert sie schlecht.

Foto: (c) Rike / pixelio.de

Foto: © Rike, www.pixelio.de

Ein Kommentar

  1. Daß ich Leute nicht erkenne, die nicht in ihrem üblichen Umfeld sind, passiert mir auch. Dann denke ich: kennst du, aber woher. Die denken wahrscheinlich auch ich bin unhöflich, mir fehlt aber dann der Arztkittel oder was weiß ich was. Mein Vater ist da ganz anders. Trifft einen und sagt gerne zu meiner Mutter: kennst du den denn nicht mehr? Meine Mutter guckt verständnislos. Na, den haben wir doch vor x Jahren mal im Wald beim Spaziergang an der Hütte getroffen. Mein Vater kann sich definitiv gut Gesichter merken.

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