Manfred Spitzer: Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft

Manfred Spitzer: Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft, Stuttgart 2018, Klett-Cotta, ISBN 978-3-608-96368-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten, Format: 13,2 x 3,5 x 21,1 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 15,99.

Abbildung: (c) Klett-Cotta Verlag

Als ich dieses Buch in der Bahn las, sprach mich ein älterer Herr darauf an und meinte, er habe von dem Autor auch schon einiges gelesen.
„Er ist doch Psychiater in Ulm“, sagte der Herr. „Wissen Sie zufällig, ob er ein Schwabe ist?“
Ich: „Keine Ahnung. Aber das finde ich heraus. Warum fragen Sie?“
„Na, weil er immer so bruddelt.“
Ich habe gelacht. „Bruddeln“, also ausdauernd vor sich hinmaulen, ist ein schwäbischer Volkssport. Und auch wenn Prof. Dr. Dr. Spitzer in der Nähe von Darmstadt geboren ist, scheint er lange genug in Baden-Württemberg ansässig zu sein, um sich diese regionale Kulturtechnik angeeignet zu haben. Von da an habe ich DIE SMARTPHONE-EPIDEMIE als „Rant“ gelesen, als mitunter emotionale Meinungsäußerung.

Die negativen Folgen des Smartphones

Der Autor hat sein Thema, und das beleuchtet er aus verschiedenen Blickwinkeln: Die Menschen, sagt er, werden immer dümmer, kränker und zeigen immer weniger Empathie. Und schuld daran sei der exzessive Gebrauch der Smartphones. Zum Beweis zieht er Studien aus aller Welt heran und präsentiert uns Statistiken, Tabellen und Graphiken. 46 Seiten mit Literaturhinweisen zeigen, dass er wirklich gründlich recherchiert hat und nicht einfach nur irgendwas behauptet. Und es leuchtet auch alles ein, was er schreibt. Vor allem, wenn es um den bedenklichen Einfluss auf die Kinder geht.

Körperliche Auswirkungen

Die Zeit, die Kinder mit dem Smartphone verbringen, fehlt ihnen für andere Freizeitaktivitäten wie Sport und das draußen Spielen mit anderen Kindern. Wer den ganzen Tag aufs Smartphone glotzt, bewegt sich nicht. Bewegungsmangel hat dann oft negative körperliche Folgen wie Adipositas, Haltungsschäden und Diabetes. Ferner können Schlafstörungen, Bluthochdruck und Kurzsichtigkeit dazukommen. Und weil die „Smombies“ auch im Straßenverkehr mehr auf ihr Phone achten als auf ihre Umgebung, kommt es verstärkt zu Unfällen. Ein Risikoverhalten anderer Art führt zu mehr Geschlechtskrankheiten, sagt der Professor.

Geistig-seelische und gesellschaftliche Konsequenzen

Auf geistig-seelischer Ebene kommt es verstärkt zu Ängsten, Mobbing, Aufmerksamkeits-Störungen, Demenz, Depressionen, Empathieverlust und diversen Suchterkrankungen. Gesellschaftlich schließlich führt übermäßiger Smartphone-Gebrauch zu geringerer Bildung, geringerem gegenseitigen Vertrauen, verminderter Willensbildung und weniger Solidarität, dafür zu mehr Anonymität, Isolation und Einsamkeit und zu guter Letzt noch zur Gefährdung der Demokratie.

Das klingt alles sehr plausibel, vor allem mit den vielen Zahlen und Beispielen. Und manches sagt einem auch der gesunde Menschenverstand. Vertrauen in seine Mitmenschen lernt man durch direkten Umgang mit ihnen. Wer nur von klein auf hauptsächlich online kommuniziert, wird da Defizite entwickeln. Und wer die Natur gar nicht wahrnimmt, wenn er sich notgedrungen mal dort aufhalten muss, dürfte auch auf Naturschutz und Nachhaltigkeit wenig Wert legen. Es ist auch nachvollziehbar, dass man sich um das Vergnügen bringt, eigene Ideen in die Realität umzusetzen, wenn man überwiegend vorgefertigte elektronische Unterhaltung konsumiert. Kreativitätsfördernd ist das nur in Ausnahmefällen.

Digitalisierung in der Schule? Bloß nicht!

Dem Ruf nach Digitalisierung des schulischen Lernens kann der Autor erst recht nichts abgewinnen. Er beruft sich auf Studien, die zeigen, dass die schulische Leistung sinkt, sobald irgendwo Computer im Unterricht Einzug gehalten haben. Die SchülerInnen machten damit alles Mögliche, nur nicht lernen.

Schlimmer noch: Während seit Einführung der IQ-Tests der Intelligenzquotient der Menschen kontinuierlich gestiegen ist (Flynn-Effekt), sinkt er seit Mitte der 1990er Jahren wieder. Allerdings nur in hochentwickelten Ländern. Messfehler, statistische Artefakte, periodische Schwankungen oder sonstige äußere Einflüsse, die einem einfallen könnten, spielen dabei laut Professor Spitzer keine Rolle. Also bleibt als Verursacher für diesen umgekehrten Flynn-Effekt ja nur das Smartphone übrig.  Als Begründung zieht er diverse Studien heran.

Für den Laien ganz schön komplex

Der Autor kann einen aber auch schwindelig rechnen! Den Beitrag über den „Flynn-Effekt im Rückwärtsgang“, Seite 312 ff, habe ich dreimal gelesen und nicht verstanden. Okay – meine Statistik-Vorlesungen sind auch schon 35 Jahre her. Aber immerhin hatte ich mal welche. Für ein populärwissenschaftliches Buch, das sich ausdrücklich an Nicht-Fachleute wendet, geht’s hier manchmal schon recht komplex zu. Nicht, weil der Autor sich so kompliziert ausdrückt, sondern weil die Materie eben so ist. „Gut“ sagt man sich irgendwann, „ich hab zwar keine Ahnung, worüber er hier schreibt, aber er ist der Experte. Wenn er es recherchiert hat, wird’s schon stimmen.“

So plausibel die Ausführungen des Professors auch sind: Ich bin mir nicht sicher, ob alles, was uns hier als Kausalität verkauft wird, auch wirklich eine ist – oder nicht doch nur eine Korrelation. Kann es denn wirklich sein, dass eine so beliebte Erfindung wie das Smartphone ausschließlich negative Seiten hat? Gibt es wirklich gar nichts, was dafür spricht?

Gibt’s gar nichts Gutes über Smartphones zu sagen?

Es wäre ja möglich, dass – was weiß ich? – die Kinder von heute technisch versierter sind als die vor 20, 30, 40 Jahren oder dass sie wegen der vielen internationalen TV-Serien besser in Englisch sind. Vielleicht sind sie ja auch selbstständiger als ihre Altersgenossen früher, weil sie dank Smartphones stets Zugang zu allen möglichen Informationen haben und sich deshalb stets schnell zu helfen wissen. Das habe ich mir jetzt alles ausgedacht. Aber es wäre meines Erachtens nicht aus der Welt, dass die Erfindung des Smartphones den jungen Usern irgendeine Art von Vorteil bringt.

Da wir hier aber rein gar nichts Positives über die Smartphones zu lesen bekommen, frage ich mich, ob das wirklich das komplette Abbild der Wirklichkeit ist, oder ob Professor Spitzer nur die Studien heranzieht, sie seine Meinung unterstützen und alles, was dieses Negativbild stören könnte, einfach weglässt. Ich will ihm nichts unterstellen – ich bin ja nur eine durchschnittlich schlaue Leserin und gar nicht in der Position dazu- , aber meinen Eindruck darf ich hier sicher wiedergeben.

Wie dem auch sei: Das Buch spricht einige Punkte an, die man bedenken und näher beleuchten sollte. Man ist ja noch keine Fortschrittsbremse, wenn man mal nachforscht, wie es anderen Ländern zum Beispiel mit der Digitalisierung des Schulbetriebs ergangen ist.

Kapitel in beliebiger Reihenfolge lesbar

Dass sich die Argumente in dem Buch recht häufig wiederholen, liegt in der Natur der Sache. Das Buch besteht zu einem großen Teil aus Artikeln, die der Autor bereits in einem Fachblatt für Neurologen und Psychiater veröffentlicht und für diesen Band überarbeitet und ergänzt hat. Das hat den Vorteil, dass man die 15 Kapitel nahezu in beliebiger Reihenfolge lesen kann und trotzdem alles Wesentliche mitbekommt. „Daher habe ich manche Doppelungen im Text belassen“, schreibt der Autor, „Nicht zuletzt, weil ich als (Hochschul-)Lehrer weiß, dass Wiederholung die Mutter allen Lernens ist.“ (Seite 12)

Der Autor

Manfred Spitzer, Prof. Dr. Dr., geboren 1958 in Lengfeld bei Darmstadt, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg. Von 1990 bis 1997 war er als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg tätig. Zwei Gastprofessuren an der Harvard-Universität und ein weiterer Forschungsaufenthalt am Institute for Cognitive and Decision Sciences der Universität Oregon prägten seinen Forschungsschwerpunkt im Grenzbereich der kognitiven Neurowissenschaft und Psychiatrie. Seit 1997 hat er den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die seit 1998 bestehende Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. Seit 1999 ist er Herausgeber des psychiatrischen Anteils der Zeitschrift Nervenheilkunde; seit Frühjahr 2004 leitet er zudem das von ihm gegründete Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen in Ulm und moderiert eine wöchentlich in BR-alpha ausgestrahlte Fernsehserie zum Thema Geist und Gehirn. Er ist Autor des Nr.-1-Bestsellers »Digitale Demenz« und zahlreiche seiner Buchveröffentlichungen wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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