Oliver Kern: Sau am Brett. Kriminalroman

Oliver Kern: Sau am Brett. Kriminalroman, München 2019, Wilhelm-Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-43870-5, Klappenbroschur, 334 Seiten, Format: 11,6 x 3,5 x 18,5 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„In mir wächst ein unbändiger Drang, der Sache auf den Grund zu gehen (…) Ich fühle eine Verpflichtung. Innerlich. Das ist das Batman-Syndrom. Verbrechen aufklären ohne Auftrag. Das steckt in mir drin, und ich muss es ernst nehmen. (…) Verdrängung wäre bei dieser Symptomatik ganz verkehrt.“ (Seite 92)

Wie wir schon aus Band 1, EISKALTER HUND, wissen, wollte der Bauernsohn Berthold Fellinger (43) immer schon Polizist werden. Doch eine angeborene leichte Gehbehinderung hat diese Karriere verhindert. Jetzt ist er Lebensmittelkontrolleur und jagt rund um seine Heimatgemeinde im Bayerischen Wald Kakerlaken statt Kriminelle.

Berti jagt Kakerlaken und Kriminelle

Das heißt, Kriminelle jagt er schon auch, aber mehr so privat. Wenn die Polizei wieder mal keinen Handlungsbedarf sieht und meint, der Fellinger Berti bilde sich wieder was ein, ermittelt er auf eigene Faust. Selbst wenn er aus Erfahrung weiß, dass ihm diese Freizeitaktivität gesundheitlich oft nicht gut bekommt. In diesem Band wird er niedergeschlagen und sogar beinahe ertränkt. Er nimmt ein unfreiwilliges Schlammbad und kommt vom Regen direkt in den reißenden Mühlbach.

Und warum das alles? Weil er während seines beruflichen Einsatzes beim Kirchenwirt Ferdl Löffelmacher Zeuge wird, wie ein Urlaubsgast mit dem Gesicht voran tot in seinen Schweinsbraten fällt.

Zweierlei will der Fellinger danach nicht auf sich sitzen lassen: Den Verdacht, dass er bei seiner Kontrolle etwas Lebensgefährliches übersehen hat und die Behauptung, dass er korrupt sei. So offensichtlich, wie ihm der Ferdl den Hunderter über den Tresen gereicht hat, ist, müsste es selbst einem Blöden einleuchten, dass das gar kein Bestechungsgeld gewesen sein kann. Sollte man meinen … Aber er wird wohl selber zusehen müssen, wie er seinen guten Namen wiederherstellt.

Giftmord beim Kirchenwirt

Der Hygieneinspektor stammt aus der Gegend und kennt Hinz und Kunz. Bald weiß er aus gewöhnlich gut informierten Kreisen, dass der Tote Hansen hieß, aus Hamburg stammte und mit Rizin vergiftet worden ist, das ihm jemand über sein fertig angerichtetes Essen geträufelt hat. Sein Tod hat also nichts mit den von Fellinger überwachten Vorgängen in der Küche zu tun.

Der Kirchenwirt hält Hansen für einen Kollateralschaden und glaubt fest, dass der Giftanschlag ihm selbst gegolten hat. Und mit dieser Überzeugung ist er nicht allein. Die Bevölkerung ist abergläubisch. Man hat Respekt vorm „Viahaxerten“, einem lokalen Ungeheuer aus dem Moor, man fürchtet eine kräuterkundige Hippiefrau als Hexe und keiner traut sich in die Nähe der Wanningermühle, in der der Teufel hausen soll. Und so glauben die Leute auch an den Löffelmacher-Fluch, der die Familie angeblich seit 20 Jahren verfolgt. Ein tragischer Unfalltod, ein Vermisstenfall, Drogensucht, Psychosen und ein gruseliger Suizid sind ja auch wirklich happig für eine Familie! Und jetzt will einer dem Löffelmacher Ferdl ans Leder!

Ungeahnte Verflechtungen

Die Polizei gibt nichts auf Flüche. Und der Fellinger stellt sowieso alles in Frage, was man ihm erzählt. Er zapft seine informellen Quellen an und findet heraus, wer von Ferdls Tod profitieren würde. Und das hat rein gar nichts Übernatürliches an sich. Aber reicht das als Motiv für einen Mord?

Fellinger recherchiert weiter und fördert ungeahnte private und berufliche Verflechtungen zutage. Als man ihm hinterrücks eine über den Schädel zieht und auch noch versucht, ihn im Freudensee zu ersäufen, nimmt er das persönlich. Jetzt will er den oder die Mörder erst recht zur Strecke bringen! Dumm nur, dass er ein Einzelkämpfer ist. Unterstützung hat er allenfalls von der Landärztin Dr. Franziska Höllmüller zu erwarten. Die verfolgt aber auch eigene Interessen. (Inwiefern „Herbert“ als verlässlicher Helfer zählt, wird sich erst weisen müssen.)

Da geschieht ein zweiter Mord und Fellinger findet sich als Verdächtiger wieder. Und am Schluss ist alles ganz anders als es die ganze Zeit über ausgeschaut hat.

Ein einsamer Ermittler

Der intelligente Fellinger ist ein illusionsloser und manchmal auch zynischer Beobachter. Er (er)kennt die Schwächen seiner Mitmenschen schnell, und außer der Höllmüllerin ist eigentlich niemand mit ihm auf Augenhöhe. Kein Wunder, dass er sich, sehr zum Verdruss seiner Eltern, immer noch als Junggeselle durchs Leben wurstelt. Zwischenmenschlich ist er ein ähnlicher Blindgänger wie Rita Falks Krimiheld, der Eberhofer Franz. Nicht umsonst ähneln die Fellinger-Krimis in ihrer äußeren Aufmachung den Eberhofer-Krimis aus dem Hause dtv. Das ist aber kein Fehler, denn wer die eine Krimireihe mag, mag vermutlich auch die andere.

Beim Fellinger im Bayerischen Wald geht’s nicht gar so schräg und abgefahren zu wie beim Eberhofer in Niederkaltenkirchen. Wunderbar aberwitzige Szenen und Gestalten gibt’s hier aber auch. Wie’s dem schlauen Skeptiker Fellinger beim Besuch bei der Hex‘ und in der Wanningermühle mulmig wird, das hat was! Und Texmäx, der alte Grattler, ist auch wieder mit von der Partie. Diesmal als Hausmeister … behauptet er jedenfalls. Ja, wer’s glaubt!

Als Leser kann man mitraten, was ja für viele den Reiz beim Krimilesen ausmacht. Man hat aber keine große Chance, vor dem Helden auf die Lösung des Kriminalfalls zu kommen. Als Leser ahnt man allenfalls, welche Nebenfiguren einander kennen und möglicherweise gemeinsame Sache machen könnten, aber das Wie und Warum kann man sich mit diesen Informationen nicht komplett zusammenreimen.

Diesen Band fand ich noch besser als Band 1. Vielleicht, weil man das Stammpersonal schon kennt und nicht mehr von schieren Masse der Romanfiguren erschlagen wird. Trotzdem muss man EISKALTER HUND nicht zwingend gelesen haben um SAU AM BRETT verstehen zu können. Man braucht auch kein Experte im Bayerischen Dialekt zu sein, um hier mitzukommen. Obwohl es natürlich schon lustig ist, wenn der Fellinger mal so richtig Klartext redet und dazu vertraute Vokabeln verwendet, die man nur selten geschrieben sieht. Im Anhang gibt’s ein Glossar, in dem die wichtigen Begriffe kurz erklärt werden. Das mit dem Dialekt ist aber sparsam eingesetzt und durchaus überschaubar.

Spannend ist es, witzig ist es und skurril ist es auch. Also, so kann der Fellinger meinetwegen gerne weitermachen!

Der Autor

Oliver Kern, 1968 in Esslingen am Neckar geboren, wuchs in der beschaulichen Idylle des Bayerischen Waldes auf. Er liebt gutes Essen, hält sich bei schwarzer Soße aber zurück. Kern lebt mit seiner Familie in der Region Stuttgart.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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