Rae Earl: #Instacat: Meine Katze hat mehr Likes als ich (ab 11 J.)

Rae Earl: #Instacat: Meine Katze hat mehr Likes als ich (ab 11 J.), OT: #Help – My Cat’s a Vlogging Superstar, aus dem Englischen von Christine Spindler, München 2020, arsEdition, ISBN 978-3-8458-3138-1, Klappenbroschur, 248 Seiten, Format: 14,6 x 2,5 x 21,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A).

Abb. (c) ArsEdition

„Ich bin gut darin, die Probleme anderer Leute zu lösen. Wie die von Lauren und Tante Teresa. Nur mein eigenes Leben bekomme ich nicht so gut auf die Reihe. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie ich Mum beibringen soll, dass ich bei meinem Dad wohnen will, weil ihr Freund der nervigste Mensch der Welt ist.“ (Seite 17)

Die dreizehnjährige Britin Millie Porter hat’s nicht leicht: Ihre Eltern sind geschieden, die Mutter (38) ist neu liiert – mit dem Pedanten Gary Woolton, der einen nervigen Reinlichkeitsfimmel hat. Das Wohlergehen seines Putzroboters, den er „McWischi“ ruft, ist ihm wichtiger als das seiner Stieftochter.

Auf der Flucht vorm Putzteufel

Irgendwann wird es Millie zu bunt. Sie packt ihre Sachen, schnappt sich Katze Dave und zieht zu ihrem Vater, der zum Glück ganz in der Nähe wohnt.

„Wir sind Flüchtlinge aus Gary Wooltons Demokratischer Republik von Putzistan. Ich verliere Krümel. Dave verliert Haare. Wir sind der Feind!“ (Seite 21)

Bei Millies Vater herrscht das genaue Gegenteil des strengen Regiments von Mutter und Stiefvater: ein gleichgültiger Schlendrian. Millies Dad und dessen ältere Schwester Teresa wohnen wieder, bzw. immer noch, bei ihrem Vater. Opa ist, von ein paar altbacken-sexistischen Ansichten abgesehen, noch der Normalste in der Familie.

Millies Dad und Tante Teresa sind kreativ, unkonventionell und wirken ziemlich unreif. Ständig haben sie verrückte Ideen, wie sie schnell zu Geld kommen könnten, und keine davon wird jemals funktionieren. Opas Haus, in dem sie alle zusammen wohnen, ist verlottert und chaotisch, weil niemand Bock hat, sich um irgendwas zu kümmern. Das passt der vernünftigen und ordnungsliebenden Millie auch nicht, aber wenigstens kann sie hier tun und lassen, was sie will, weil es schlicht niemanden interessiert. Vernachlässigung statt Putzokratie.

Auch Freundin Lauren hat Probleme

Auch Millies beste Freundin Lauren hat Probleme zuhause: Ihre Eltern schreien einander ständig an und versichern, sie blieben nur der Tochter wegen zusammen. Ganz klasse Idee! Jetzt glaubt das Mädchen auch noch, schuld an der miesen häuslichen Stimmung zu sein. Wenn sie nicht wäre, könnten die Eltern ja getrennte Wege gehen.

Um die Freundin aufzuheitern, stellt Millie ein paar alberne Bildchen und Filme ins Internet – und erweckt damit ungeahnte Aufmerksamkeit: Erwünschte wie ein Like vom attraktiven neuen Mitschülers Danny Trudeau und unerwünschte wie die ihrer Klassenkameradin Erin Breeler, die ebenso schön wie hinterhältig und gehässig ist. Milies Internet-Aktivitäten sind für die Instagrammerin Erin eine unliebsame Konkurrenz.

Millie vloggt und wird gemobbt

Noch schlimmer wird’s, als Millie regelmäßig zu vloggen beginnt. Erin ist die Instagram-Berühmtheit der Schule . Ihr gebührt deshalb die ungeteilte Aufmerksamkeit und Bewunderung aller. Denkt sie. Und ihr gehören auch sämtliche attraktiven Jungs. Natürlich auch Danny Trudeau. Sie kann nicht zulassen, dass Millie etwas von seiner Aufmerksamkeit abbekommt. Also macht sie es sich zur Aufgabe, Millies Vlogbeiträge mit fiesen Kommentaren zu teilen und sie so vor aller Welt zu blamieren. Dabei ist es ganz egal, ob Millie lustige Katzenfilmchen postet oder ernsthafte Lebenshilfe-Themen anspricht.

Mum bittet Millie inständig, mit der Vloggerei aufzuhören, weil sie sieht, wie die ätzenden Kommentare der Trolle ihrer Tochter zusetzen. Opa macht kein Hehl daraus, dass er es für Zeitverschwendung hält, sich mit den Gehässigkeiten irgendwelcher Volltrottel herumzuärgern, die man nicht mal persönlich kennt.

„Opa schaut mich an. ‚Millie, ich weiß nicht, ob ich will, dass du dich zu oft in so einer Welt aufhältst.‘ – ‚In so einer Welt? Es IST die Welt‘, rufe ich empört.“ (Seite 76)

Im Kleinkrieg mit den Trollen

Tja, nun ist die Falle wohl zugeschnappt! Millie reibt sich im Online-Kleinkrieg mit Erin Breeler und dem womöglich noch fieseren anonymen „Mr. Style Shame“ auf. Die zwei mobben sie nach allen Regeln der Kunst. Doch Millie hat eine Idee: Der nerdige Bradley Sanderson aus der zehnten Klasse, selbst Vlogger mit einem absoluten Nischenthema, kennt sich mit diesem Problem sicher aus. Er soll ihr helfen.

Millies Leben wird fortan von Klicks und Likes bestimmt. Ihr Leben findet hauptsächlich online statt. Deswegen kriegt sie auch nicht mit, was direkt vor ihrer Nase vorgeht. Und das hat sehr unangenehme Folgen …

Natürlich leidet man mit den Pubertätsproblemen der dreizehnjährigen Millie mit und Mobbing ist immer eine ganz furchtbare Angelegenheit. Aber so, wie sie das erzählt, ist es schlichtweg zum Brüllen!

Millie lässt sich nichts vormachen

Millie ist eine gute Beobachterin und interessiert sich dafür, was in der Welt vorgeht. Aber je mehr sie weiß, desto mehr Gedanken und Sorgen macht sie sich. Die Erwachsenen können Millie schon lange nichts mehr vormachen. Wenn sie nicht gerade mit den Gedanken in der Online-Welt ist, durchschaut sie sie alle. Das haben die natürlich nicht so gern … 😉  

Millie ist ganz schön schlau. Und so hat man als Leser*in doch ein bisschen Hoffnung, dass sie ihr Leben wieder auf die Reihe kriegt und eine vernünftige Balance zwischen online und offline finde.

Ein wenig hat mich Millie an die junge Bloggerin Henriette Vogelsang aus Heike Abidis Buch „Tatsächlich 13“ (und dessen Folgebände) erinnert. Die Mädchen sind ungefähr gleich alt und gehen unbeirrt ihren Weg, ganz egal, was die anderen dazu meinen. Sie würden sich bestimmt gut verstehen. Nur das mit den Jungs müssen sie noch ein bisschen üben.

Auch wenn ich von Alter her weit jenseits der angepeilten Zielgruppe für dieses Buch bin – ich habe mich köstlich amüsiert, vor allem über Millies Beschreibungen ihres Putzteufel-Stiefvaters. Da habe ich manchmal laut gelacht. Und das mache ich ja auch ungeniert, wenn ich in der Bahn sitze. Ein ums anderes Mal musste ich mir in Erinnerung rufen, dass das gar kein Roman von Christine Spindler ist. Sie hat  #INSTACAT „nur“ ganz toll übersetzt.

Ein Körnchen Wahrheit …

Bei aller Komik: Ein bisschen nachdenklich stimmt einen die Geschichte auch. Vernachlässigen wir  vielleicht auch manchmal unser reales Umfeld, weil wir uns zu intensiv online herumtreiben? Ich schließe das für mich nicht gänzlich aus.

Die Autorin

Rae Earl wurde 1971 in Stamford, England, geboren. Nachdem sie mehrere Jahre in der Schule herumgealbert hatte, ging sie an die Hull University und gewann den Phillip Larkin Preis für ihre Forschungen über dystopische Romane. Später arbeitete sie in einem Radiosender, wo sie so ziemlich jeden Job übernahm, außer den des Buchhalters. Ihre Bücher My Mad Fat Diary und My Madder Fetter Diary wurden von der BBC zu einer Fernsehserie adaptiert, die in über 50 Ländern weltweit gezeigt wird, darunter die USA, Brasilien, Südkorea und Marokko. Die Serie wurde für zahlreiche Preise nominiert, unter anderem den Emmy Award. Rae lebt heute in Hobart, Australien, wo sie derzeit ein TV-Drama über eine Mädchen-Fußballmannschaft schreibt.

Die Übersetzerin

Christine Spindler, Jahrgang 1960, lebt in Auenwald, was genau so idyllisch ist, wie es sich anhört. Seit 20 Jahren arbeitet sie als freie Autorin und Übersetzerin. Die meisten ihrer Bücher hat sie unter dem Pseudonym Tina Zang veröffentlicht, darunter die beliebte „Karatehamster“-Reihe.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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