Gary Ferguson: Die 8 großen Lehren der Natur. Was wir von Tieren und Pflanzen lernen können

Gary Ferguson: Die 8 großen Lehren der Natur. Was wir von Tieren und Pflanzen lernen können, OT: The Eight Master Lessons Of Nature. What Nature Teaches Us About Living Well In The World, aus dem Amerikanischen von Beate Schäfer, München 2020,  dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28224-6, Hardcover mit Schutzumschlag, 250 Seiten, Format: 14 x 21,4 x 2,6 cm, Buch: EUR 20 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 18,99.

Abb. (c) dtv

„Egal, ob [die Natur] uns in überreicher Fülle begegnet ist wie in der tiefen Wildnis oder als Spinnennetz in einem Winkel der heimischen Garage (…) – die Natur berührt uns. (…) Zugleich hält die natürliche Welt auch eine ganze Reihe von grundlegenden Lehren für uns bereit. Jede einzelne hilft uns, genauer zu verstehen, was nötig ist, damit das Leben glückt.“(Seite 11)

Zu Beginn seiner Laufbahn hat der US-amerikanische Naturforscher und Autor Gary Ferguson untersucht, welche Spuren wir Menschen in der Natur hinterlassen. Heute interessiert er sich hauptsächlich dafür, was die Natur in uns bewirkt. Sie fasziniert uns, kann uns trösten und inspirieren und hält, seiner Meinung nach, acht wichtige Lebenslektionen für uns bereit.

Erste Lektion: Geheimnis

Weisheit gewinnen wir, indem wir willkommen heißen, was wir nicht wissen
Die Natur hat beste Referenzen. Sie hat in 4,6 Milliarden Jahren viel Großartiges hervorgebracht. Und wer nicht vollkommen desinteressiert durch die Gegend latscht, wird zugeben müssen, dass es sehr viel Staunenswertes gibt auf der Welt. Albert Einstein meinte gar: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“ (Seite 22)

Um staunen zu können, muss man bereit sein, sich der Hektik zu entziehen, ruhig zu werden und eingefahrene Denkwege zu verlassen. Wir machen es uns gerne leicht und denken binär: schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Doch in Wirklichkeit gibt es sehr viele Nuancen. Tiere, die wir als lästig oder eklig empfinden, erfüllen wichtige Aufgaben im Kreislauf von Werden und Vergehen. Nicht einmal unsere Vorstellung von „männlich oder weiblich“ ist allgemeingültig. Viele Pflanzen sind Zwitter und eine erstaunliche Anzahl Tieren wechselt bei Bedarf das Geschlecht.

Die Natur ist faszinierend und wunderbar, und der Mensch ist ein Teil von ihr. Um das erkennen und wertschätzen zu können, brauchen wir Verständnis für das Geheimnisvolle. Das kann man üben.

Zweite Lektion: Zusammenhang

Verbindungen schaffen einen fruchtbaren Garten für das Leben
In der Schule, so beklagt der Autor, habe er möglichst viel über eng begrenzte Themen auswendig lernen müssen. Dass es in der Natur Wechselbeziehungen gibt, dass alles mit allem zusammenhängt und auch der Mensch dort ein Akteur ist und kein Zuschauer, der über allem steht, das sei ihm erst viel später im Leben klar geworden. 

Für die Zusammenhänge führt er zahlreiche Beispiele an: Symbiose, die Kommunikation der Bäume untereinander, den Pando-Wald, der als ältester Organismus der Welt gilt und die erstaunliche „Zusammenarbeit“ von Wölfen und Raben. Einige der ältesten Geschichten der Menschheit handeln von solchen wechselseitigen Beziehungen in der Natur.

„Wir leben in einer Welt natürlicher Konsequenzen“, erklärt Ferguson. „Diese Konsequenzen schützen die elementare Lebensfähigkeit des Großen, Ganzen.“ (Seite 67) Und sollte jemand „survival of the fittest“ so interpretieren, dass nur die brutalsten und rücksichtslosesten Mistkerle gewinnen, dann hat er etwas ganz Elementares nicht kapiert.

Dritte Lektion: Vielfalt

Je artenreicher der Wald, desto widerstandsfähiger das Leben
Warum gibt es  eigentlich so viele Tier- und Pflanzenarten? Wieso nicht nur zwei oder drei? Am Beispiel einer Blumenwiese erklärt uns der Autor, dass die Natur mittels unterschiedlicher Überlebensstrategien der Pflanzen auf Nummer sicher geht. Im Katastrophenfall überleben vielleicht nicht alle Arten, manche aber doch. Und damit überlebt das System.

Warum tun wir Menschen uns dann so schwer damit, im privaten und beruflichen Umfeld Diversität zuzulassen? Wenn sich nur Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Ansichten zusammentun, kann nur schwer etwas Neues entstehen. „Nachdem wir von der Natur gelernt haben, was für ein hoher Wert Vielfalt ist und wie viel Kraft ihr innewohnt, wird es Zeit, dass wir nach Wegen suchen, diese Erkenntnis in unserem Alltag zu verankern“, meint Gary Ferguson (Seite 113)

Vierte Lektion: Weiblichkeit

Damit Heilung gelingt, braucht es eine Rückbesinnung auf das Weibliche
Da braucht’s eigentlich keine große Erklärung. Wir Leserinnen wissen das schon lange: Die Vorstellung, Männer seien wichtiger als Frauen, ist eine Illusion. „Leben gedeiht, wenn Männliches und Weibliches in einer vollwertigen Partnerschaft zusammen stehen. Doch in den letzten Viertausend Jahren hat die Menschheit diese elementare Wahrheit ignoriert. (…) Von allen Fehlentscheidungen (…) ist das vermutlich die Verhängnisvollste.“ (Seite 122)

Fünfte Lektion: Mitgeschöpfe

Unsere Tierverwandten machen uns glücklicher und klüger
Zahlreiche Naturbeobachtungen lassen den Autor zu dem Schluss kommen, dass Tiere, genau wie wir Menschen, lieben und spielen, Sehnsucht haben, Wut, Angst und Trauer empfinden. Also sollten wir sie auch entsprechend behandeln.

Sechste Lektion: Nachhaltigkeit

Selbst auf einem Planeten mit unerschöpflicher Energie verschwendet die Natur nichts
Es ist kein großes Wunder: Die effizientesten Arten leben am längsten und besten. Wer sich dem Fluss des Lebens anpasst, sich um ein vernünftiges Verhältnis zwischen aufgenommener und verbrauchter Energie bemüht und klug zwischen Aktivität und ruhiger Regeneration wechselt, macht alles richtig. Harmonie, Balance und Rhythmus sind die Zauberworte. „Wenn wir die existenziellen Gegebenheiten des Lebens auf der Erde wertschätzen, besonders die Verbindungen, die uns aufrechterhalten, dann engagieren wir uns auch für sie und beschützen sie nach Kräften.“ (Seite 194)

Siebte Lektion: Katastrophen

Die Natur lehrt uns, nach Zusammenbrüchen wieder auf die Beine zu kommen
Hier vergleicht der Autor die Widrigkeiten unseres Lebens mit Waldbränden. Beides lässt sich nicht verhindern. Doch genau wie die Natur, die Mittel und Wege hat, sich nach einem Brand wieder zu regenerieren, verfügt auch der Mensch in der Regel über die nötige Resilienz, um sich nach Schicksalsschlägen wieder aufzurappeln und weiterzumachen. So war es nicht überraschend, dass der Autor nach dem Unfalltod seiner ersten Frau in der Natur Zuflucht gesucht und Trost gefunden hat.

Achte Lektion: Gewachsene Weisheit

Die Alten zeigen uns, wie’s besser geht
Ja, natürlich sollen die Jungen Bewährtes in Frage stellen und ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Aber es muss ja nicht jede Generation bei Null anfangen. Ob Tümmler, Orcas, Erdmännchen, Schimpansen oder Elefanten: überall profitiert die junge Generation von der Erfahrung der Alten. Fehlt diese Wissensvermittlung, kann das übel ausgehen, wie Ferguson uns anhand des Beispiels von verwaisten Jungelefanten zeigt. Die Weitergabe von existenziellem Wissen gibt der ganzen Gesellschaft auf Dauer ihre Kraft.

Und was heißt das für den Homo sapiens? Laut Ferguson hilft uns die Anleitung durch lebenserfahrene Mitmenschen dabei, „sowohl die Natur als auch das Alltagsleben gelassen [zu] durchwandern (…). Wir können lernen, durchs Feuer zu gehen und dabei zu erstarken.“ (Seite 237) Da ist der Autor aber sehr optimistisch. Gute Vorbilder sind sicher hilfreich, doch vieles muss man sich selbst erarbeiten, da nützt einem die Erfahrung anderer nur bedingt.

Was wir hier lernen 

Viele Naturphänomene, die Gary Ferguson in diesem Buch schildert, waren mir vertraut. Ich habe sie nur nie bewusst daraufhin abgeklopft, ob ich daraus etwas für mein Leben lernen könnte. Natürlich merkt man im Lauf der Jahre, wie’s im Leben so läuft und dass alles – großes Glück und großes Unglück – irgendwann vorbeigeht. Dennoch nimmt man auch als älterer Mensch das eine oder andere aus dieser Lektüre mit – und wenn es die Etymologie von „Respekt“ ist. Die hätte ich kennen können, aber ich habe eben nicht darüber nachgedacht. Genau so wenig wie darüber, wie die Menschheit von der Göttinnenverehrung zur Verachtung des Weiblichen gekommen ist. Und warum und seit wann wir Massentierhaltung betreiben.

Da hat Ferguson schon recht: Alles hängt mit allem zusammen. Man hat nur nicht alle Zusammenhänge auf dem Schirm.

Die wenigsten von uns werden die Möglichkeit haben, wie der Autor monatelang durch die Wildnis zu streifen. Für uns muss es der Stadtpark reichen. Wir müssen den schwärmerischen Beschreibungen seiner Naturerlebnisse schon vertrauen. Aber er schildert das, was er gesehen und empfunden hat, so eindringlich, dass er uns sehr schnell überzeugt. 

Ich glaube ihm aufs Wort, dass die Natur eine ausgezeichnete Lehrmeisterin ist. Aber zu einer einigermaßen gelassenen Lebenseinstellung kann man auch als Stadtfrack kommen, der niemals einen Wolf, einen Adler oder einen Wapiti-Hirsch in freier Wildbahn gesehen hat. Es macht nur vielleicht weniger Spaß.

Der Autor

Gary Ferguson, geboren 1956, arbeitete nach seinem Studium als Naturforscher für den US Forest Service und verbringt noch immer die meiste Zeit des Jahres in und mit der Natur. Er hat mehr als zwanzig Bücher zu den Themen Ökologie und Naturschutz veröffentlicht, immer mit besonderem Augenmerk darauf, wie Menschen mit der Natur interagieren. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. von der Society of American Travel Writers, dem High Plains Book Festival und dem Komitee des Montana Book Award.

Die Übersetzerin

Beate Schäfer studierte Germanistik, Geschichte und Amerikanistik. Sie arbeitete lange Zeit als Verlagslektorin. Inzwischen lebt sie als Übersetzerin, freie Lektorin und Schreibpädagogin in München.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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