Catrin George Ponciano: Leiser Tod in Lissabon. Kriminalroman

Catrin George Ponciano: Leiser Tod in Lissabon. Kriminalroman, Köln 2020, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-0783-2, Softcover, 271 Seiten, Format: 13,4 x 2,5 x 20,3 cm, Buch: EUR 13,00 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,49.

Abb.: (c) Emons-Verlag

„Die Bestie lebt. Und betreibt einen exklusiven korrupten Herrenclub mit dem Decknamen ‚Alte Garde’. Allerdings tritt er mit anderer Identität und sicherlich mit einem neuen Gesicht (…) auf. Deswegen erkennt ihn niemand. Noch nicht.“ (Seite 183)

Dora Monteira, 39, ist Inspetora-Chefe beim Morddezernat der Kriminalpolizei in Lissabon. Seit sie als Kind mit ansehen musste, wie ihr Vater erschossen wurde, ist sie von der Mörderjagd besessen. Doch mit den Jahren ist ihr Ehrgeiz einer gewissen Ernüchterung gewichen. Ihr Beruf ist ein Stimmungs-, Freizeit- und Beziehungskiller und der permanente Kampf „gegen die Windmühlen des Patriarchats im Justizapparat“ (Seite 59) ermüdet. Die Alphamännchen in ihrem beruflichen Umfeld tun sich schwer damit, der attraktiven Chefinspektorin auf Augenhöhe zu begegnen. Sie glotzen lieber eine Etage tiefer.

Mord in der Kirche

Machos hin, Mansplaining her – jetzt muss Dora in die Altstadt Alfama. Dort hat die Küsterin in der Kirche Sao Miguel einen Toten gefunden – erstochen mit einem Bildhauer-Werkzeug. Pfarrer und Küsterin kannten den gepflegten, gut gekleideten älteren Herrn nur vom Sehen. Seit geraumer Zeit kam er täglich zum Beten hierher. Zur Kirchengemeinde gehörte er nicht, viel geredet hat er auch nicht, aber irgendetwas Schreckliches muss ihn umgetrieben haben.

Der Tote ist der Bankier Elias Inacio. Aber wer ist die Frau auf dem Foto in dem Medaillon, das am Tatort gefunden wurde? Gehörte das Schmuckstück überhaupt dem Toten oder konnte er es seinem Mörder vom Hals reißen?

Als sich herausstellt, dass Elias’ Zwillingsbruder Josua Bildhauer ist und mit dem Opfer im Streit lag, scheint der Fall klar zu sein: Ein Familienkrach, der aus dem Ruder gelaufen ist! Doch so einfach ist die Sache nicht. Dora und ihre Kollegen finden schnell heraus, dass mehr dahintersteckt – eine Geschichte, die in eine Zeit zurückreicht, die die Inspektorin nur aus dem Schulunterricht kennt.

Familiendrama oder Politik?

Die Zwillingsbrüder gerieten schon als Jugendliche unter gegensätzliche politische Einflüsse. So kam es, dass sie in den 70er-Jahren als Feinde gegenüberstanden. Davon hat sich ihre Beziehung nie wieder erholt. Künstler Josua ist ein Freigeist und Rebell geblieben, Bankier Elias machte anscheinend immer noch Geschäfte mit den alten Seilschaften.

Moment! Alte Seilschaften? Polizistin Dora ist fast so erstaunt wie der Leser. Sind Diktatur und Militärputsch nicht längst Geschichte? Leute, die damals was zu sagen hatten, können heute doch unmöglich noch im Hintergrund die Fäden ziehen! Sie wären uralt oder zumindest nicht mehr beruflich aktiv. Oder wachsen im Verborgenen neue Kräfte nach?

Polizei und Staatsanwaltschaft passt es gar nicht, dass Dora in diesen alten Geschichten wühlt. Auch ihr Großvater Maurice ist dagegen. Er hat selbst Erfahrungen mit der Miliz gemacht und will nicht, dass seine Enkelin sich mit diesen Leuten anlegt. Doch Dora lässt sich nicht beirren.

Die Bestie lebt!

Die zerstörerischen Kräfte der Vergangenheit sind mitnichten staubige Geschichte, sie sind noch sehr lebendig. Und anscheinend reicht ihr langer Arm bis in die Justiz und in den Polizeiapparat. Und irgendwo sitzt ein anonymer Strippenzieher, der alle in der Hand hat. Den will Dora kriegen. 

Weil ihre Gegner nicht nach den Regeln spielen, fühlt auch Dora sich nicht mehr daran gebunden. Wozu die Frau fähig ist, ahnt man als Leser*in spätestens dann, wenn man erfährt, warum sie keinen Führerschein mehr hat. Sie kann zu drastischen Mitteln greifen, wenn sie es für nötig hält. Superwoman ist sie trotzdem nicht. Sie hat eine Handvoll Getreuer, auf die sie sich verlassen kann. Mit deren Hilfe versucht sie nun, den Stall auszumisten, ohne zu wissen, mit wem genau sie sich anlegt.

Im Verlauf der Ermittlungen stellt sich die Frage, welches Interesse die „Alte Garde“ eigentlich am Tod Elias Inacios gehabt haben soll. Wieso erst jetzt? Warum überhaupt? Der Mordfall kam ihnen doch eher ungelegen …

Diktatur, Nelkenrevolution und Militärputsch

Offenbar war ich in Lissabon nur immer in meiner beruflichen „Filterblase“ unterwegs. Ich habe nie mit Einheimischen „politisiert“ und musste bei diesem Krimi feststellen, wie wenig Ahnung ich von der jüngeren Vergangenheit Portugals habe. Ich war voll und ganz auf Doras Recherchen und auf die Erklärungen der Autorin angewiesen. Dann ergab die Geschichte Sinn und ich konnte mit Dora miträtseln. Allerdings vergeblich. 😉

Ein bisschen konzentrieren muss man sich bei diesem Krimi schon. Aber das ist gut: So lernt man dazu. Es müssen nicht alle Krimis in US-amerikanischen Großstädten oder in der deutschen Provinz spielen.

Polizistin mit Vogel

Dora Monteira ist eine interessante Heldin. Eine Polizistin im katholischen Portugal, die nicht an Gott glaubt, sondern nur an die Gerechtigkeit und die so langsam am System (ver-)zweifelt. Auf den ersten Blick wirkt sie arrogant und unnahbar, ja geradezu emotionslos. Wir Leser*innen wissen aber von Anfang an, dass das eine mühsam antrainierte Pose ist, die ihrem Selbstschutz dient. Wir kennen auch eine andere Seite an ihr, die ihren Kollegen lange Zeit verborgen bleibt: wie liebevoll sie mit ihrer Familie umgeht, zum Beispiel, oder dass sie einen verletzten Raben gerettet hat, der jetzt ihren Namen krächzen kann und sich für ihr Haustier hält.

Der Krimi ist aufgrund seines Szenarios ungewöhnlich. Er ist packend und in sich abgeschlossen. Leider ist er nicht auf eine Fortsetzung hin angelegt. Ich hätte aber gerne eine gelesen.

Die Autorin

Catrin George Ponciano, geboren 1967 in Bielefeld, lebt seit 1999 in ihrer Wahlheimat Portugal und arbeitet als freie Autorin und Reiseleiterin. Als Autorin veröffentlicht sie Reportagen und InsiderReiseführer über Portugal, als Reiseleiterin begleitet sie Touristen durch die Algarve, den Alentejo, nach Nordportugal und in die Metropolen Lissabon und Porto.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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