Uwe Roschmann: Von Alltagshelden bis Zwiderwurzn

Uwe Roschmann: Von Alltagshelden bis Zwiderwurzn. Eine Typologie der Besonderlinge, Norderstedt 2020, BoD – Books on Demand, ISBN 978-3-75049621-7, Softcover, 136 Seiten, mit 10 farbigen Illustrationen von Hannelore Eigner, Format: 4,9 x 1,5 x 21,1 cm, EUR 11,80.

Abb.: Walter/Eigner, BoD

Nicht alle der 20 Beiträge sind klassische Kurzgeschichten, bei denen man als Leser*in ohne große Einleitung in die Handlung springt. Aber der Autor spricht ja auch nicht von einer Kurzgeschichtensammlung, sondern von einer Typologie. Er teilt die Menschen aufgrund ihrer Eigenschaften in Gruppen ein und charakterisiert sie – so, wie man in der Werbung eine „Persona“ kreiert, um sich seine Zielgruppe besser vorstellen zu können.

Quer durch die menschliche Artenvielfalt

Roschmann will seinen Typen natürlich nichts verkaufen. Er will sie nur in freier Wildbahn beobachten und in seinen Texten ein bisschen durch den Kakao ziehen. Bösartig wird er dabei nie. Er trifft allerdings so ins Schwarze, dass man bei manchen Beiträgen ausrufen möchte: „Den kenne ich! Und die da auch!“. Bei anderen Texten kommt man wiederum ins Grübeln: „O je! Das mache ich auch! Bin ich jetzt etwa eine Schnepfe? Oder gehöre ich zur Familie Sachzwang?“

Machen wir uns nichts vor: Zur einen oder anderen Gruppe gehören auch wir. Es bleibt nicht aus, dass wir bei dieser vergnüglichen Entdeckungsreise durch die menschliche Artenvielfalt uns selbst begegnen. 

Und wen treffen wir hier sonst noch?

  • Günther, 55, bekommt von seinem Hausarzt anschaulich erklärt, was der Unterschied zwischen normalgewichtig, dick und fett ist. Okay, fett ist er schon mal nicht. Aber leider auch nur so groß wie Angus Young von ACDC, nur nicht so cool. Wie kann er dieses Manko kompensieren, ohne sich zum Affen zu machen?
  • Bei Macho Justin müssen PS und Muskeln ein anderes Defizit ausgleichen. Das klappt nur so mittelgut.
  • Eher traurig ist die Geschichte von Claudia, die trotz aller Warnungen einen Mann geheiratet hat, der fast 20 Jahre älter ist als sie.
  • Entspringt Nicole, die Super-Feministin, nicht eher den Horrorvorstellungen der Männer als der Realität? Obwohl … dogmatische Feministinnen sind mir in meiner Jugend durchaus begegnet. Also werden wir uns diese Überzeichnung wohl gefallen lassen müssen.
  • Kleine Schönheitsfehler kann die angehende Influencerin Vanessa mittels Bildbearbeitungsprogramm wegmogeln. Bei ihrem eklatanten Mangel an Umgangsformen braucht’s aber stärkere Geschütze …

In anderen Geschichten ist eher die Situation typisch als die Akteure:

  • Tristan quält sich bei größter Affenhitze mit der Bahn zu einem beruflichen Termin. Unterwegs versagt nicht nur so manches Deo. Wir lachen und leiden trotzdem mit.
  • Genau wie mit Volker, der ebenfalls mit dem ÖPNV unterwegs ist und einfach nur seine Ruhe haben möchte. Doch alle Welt ist im Labermodus. Indiskrete Handytelefonate in der S-Bahn sind da erst der Anfang. Pendler kennen und hassen das.
  • Felix, der Hochdeutsch ohne erkennbaren regionalen Akzent spricht, muss sich eine Menge dummer Fragen gefallen lassen. Er hat aber die entsprechenden Antworten parat …Traut sich heute tatsächlich noch jemand, solche persönlichen Bemerkungen zu machen? Ich habe eher den Eindruck, dass mittlerweile jede Frage nach der Herkunft als diskriminierend tabuisiert ist.

Bei ALBRECHT ALLWISSEND werden die Leser*innen bestätigend nicken. So einen rücksichtslosen Klugsch**ßer (m/w/d) kennen wir alle! Herrlich ist der Beitrag über DIE SCHNEPFE. Obwohl damit nicht der Vogel gemeint ist, sondern eine hochnäsige Frau, stelle ich mir die ganze Zeit vor, dass Bernhard Grzimek, wahlweise Loriot, mit Strickjacke im Studio sitzt und uns mit todernstem Gesichtsausdruck diesen Text vorträgt. 😀

Zum Schmunzeln und zum Nachdenken

Die eingefahrenen Rituale und die geradezu symbiotische Verbindung langjähriger Paare nimmt Roschmann in der GeschichteEHEPAAR SACHZWANG auf die Schippe. Als ein Partner vorübergehend ausfällt, gerät die ganze Routine durcheinander. Plötzlich ist eine*r mit Aufgaben konfrontiert, um die sich bislang immer der andere gekümmert hat. Die Überforderung und Hilflosigkeit ist da in jeder Zeile zu spüren und den Leser*innen vergeht das Lachen. So oder ähnlich hat man’s doch schon im eigenen Umfeld miterlebt, wenn nicht gar selbst erlitten. Müsste man dieser Abhängigkeit nicht beizeiten entgegenwirken, um gar nicht erst in so eine Situation zu geraten? – Wie man sieht, bringt uns dieses Buch nicht nur zum Schmunzeln und zum Kichern, sondern auch zum Nachdenken. Das Leben hat eben viele Facetten.

Nicht alle Texte haben hundertprozentig meinem Humor entsprochen, aber das ist auch gar nicht zu erwarten. Wir machen eben nicht alle genau dieselben Beobachtungen und Erfahrungen. Aber mehrheitlich war’s sehr vergnüglich, entlarvend und erhellend.

Und was ist nun eine Zwiderwurzn?

Die Illustrationen von Hannelore Eigner bringen das Erzählte sehr schön auf den Punkt. Für ein Buchcover ist eine zart hingehauchte Zeichnung meiner Erfahrung nach nicht die beste Wahl. Da ist etwas Plakativeres besser geeignet. So fällt der erste Eindruck ein wenig laienhaft aus. Innen hat das Buch mehr zu bieten als der äußere Anschein vermuten lässt. Es hat sogar ein professionelles Lektorat erfahren.

Jetzt kann ich nicht mal sagen, ob irgendwo erklärt wird, was eine „Zwiderwurzn“ ist. Falls nicht: Im bairischen Sprachraum bezeichnet dieser Begriff eine grantige, mürrische, unangenehme Person. Kennen wir auch alle.

Der Autor

Im Lauf unseres Lebens lernen wir viele unterschiedliche Menschen kennen. Uwe Roschmann, Jahrgang 1963, könnte mit den skurrilen Typen, die ihm bislang begegneten, einen ganzen „menschlichen Zoo“ ausstatten. Kein Wunder bei 20 Umzügen und 25 ausgeübten Berufen, darunter Polizeibeamter, Pastor, Qualitätsmanager, Personalentwickler, Coach, Gemeindereferent, Testamentsvollstrecker und Kabarettist. www.uweroschmann.de

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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