Simone Dorra: Hexenglut. Historischer Kriminalroman

Simone Dorra: Hexenglut. Historischer Kriminalroman, Tübingen 2020, Silberburg Verlag, ISBN 978-3-8425-2229-9, Softcover, 319 Seiten, Format: 12,1 x 3,8 x 19 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle: 11,99.

Abb.: (c) Silberburg Verlag

Schwarzwald 1555 (heute Gemeinde Marxzell): Glück im Unglück hat der Freiburger Tuchhändler Vinzenz Stöcklin, als er nach einem Raubüberfall gefunden und in die Krankenabteilung des Klosters Frauenalb gebracht wird. Seine Kutsche ist weg samt Ware und Zugpferd, zwei seiner Wachen sind tot und er selbst hat sich auf der Flucht vor den Räubern ein Bein gebrochen. Aber wenigstens ist er noch am Leben! 

Die Nonnen unter der Leitung der Kräutermeisterin Fidelitas pflegen ihn wieder gesund. Das machen sie so gut, dass Stöcklin die Äbtissin nach seiner Genesung bittet, ihm doch die Kräutermeisterin gegen entsprechende Bezahlung für ein paar Monate auszuleihen. Seine Frau Regula leidet seit Jahren unter einer rätselhaften Krankheit, die offenbar niemand kurieren kann, doch Schwester Fidelitas traut er das Unmögliche zu.

Nonne im Außeneinsatz  

Die Schwester wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, das Kloster verlassen zu müssen. Leser*innen, die den Vorgängerband SCHIERLINGSTOD kennen, ahnen den Grund: Bei ihrem letzten „Außeneinsatz“ vor fünf Jahren wurde Fidelitas in eine mörderische Geschichte hineingezogen, die sie in Lebensgefahr brachte. So etwas braucht sie nicht noch einmal! Sie ist schon als Kind (als Oblate) ins Kloster gekommen und will mit der Welt da draußen gar nichts zu tun haben. Doch die jetzige Äbtissin, Katharina II. von Bettendorf, kennt ihre Vorgeschichte nicht – oder nicht gut genug. Sie sieht die Chance, etwas Gutes zu tun und gleichzeitig Geld in die Klosterkasse zu bekommen und zwingt Fidelitas, den Tuchhändler nach Freiburg zu begleiten.

Das gesundheitliche Problem der Tuchhändlergattin ist schnell erkannt. Die Behandlung wird allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Fidelitas hat also ausreichend Gelegenheit, die übrigen Mitglieder des Haushalts kennenzulernen: Vinzenz’ herrschsüchtige Mutter Gundis, seinen friedfertigen Vater Heinrich und seine Tochter Veronika, die auf Gundis’ Betreiben den Tuchhändler-Erben Martin Danner heiraten soll. Der hat zwar nicht den besten Ruf, aber die Betriebe der Danners und der Stöcklins passen gut zusammen. Heiraten ist zu jener Zeit ein wirtschaftlicher Vorgang und keine Frage der Liebe.

Sie will doch nur helfen …

Würde es nach der hübschen Veronika gehen, wäre ihr Jörg Danner, der jüngere Halbbruder ihres Bräutigams, lieber. Mit ihm trifft sie sich seit geraumer Zeit heimlich. Doch er wird nichts erben und er ist Uhrmacher. Aus ökonomischen Gesichtspunkten ist Jörg für Veronika nicht der richtige Mann. Schwester Fidelitas hat Mitleid mit der jungen Frau und überlegt, wie sie ihr und ihrem Liebsten helfen kann. Genau so hat das Unheil vor fünf Jahren auch angefangen! Dafür, dass Fidelitas mit den Angelegenheiten außerhalb der Klostermauern nichts zu tun haben will, mischt sie sich erstaunlich engagiert in das Leben ihrer Mitmenschen ein. 😉 Selbstverständlich nur mit den besten Absichten!

Im Kreis der Familie hat Veronika Stöcklin keine Verbündeten. Mutter Regula kriegt krankheitsbedingt nur einen Bruchteil dessen mit, was um sie herum vorgeht und die Männer des Hauses können sich gegen die herrische Gundis nicht durchsetzen. Die hat für ihr Tun schon gute Gründe, nur ihre Methoden sind fragwürdig.

Die Schwester macht sich Feinde

Schwester Fidelitas gelingt es, Großvater Heinrich auf ihre Seite zu ziehen und er läuft zu ungeahnter Form auf: Er widerspricht den Plänen, die seine Frau für Veronikas Zukunft geschmiedet hast und er schmeißt seinen langjährigen Beichtvater, den verklemmten Weltuntergangsprediger Paulus Mayr, hinaus, nachdem Fidelitas ihn davon überzeugt hat, das ihm dessen negatives und beängstigendes Geschwätz nicht gut tut. Mit dieser Einflussnahme auf die Geschicke des Hauses Stöcklin macht sich Schwester Fidelitas Feinde. Für einige Menschen steht dabei sehr viel auf dem Spiel und sie sind nicht gewillt, die Einmischungen der jungen Nonne einfach so hinzunehmen.

Als es im Hause Stöcklin kurz hintereinander zu zwei verdächtigen Todesfällen kommt und auch noch Bedienstete spurlos verschwinden, wird das der unbequemen Nonne in die Schuhe geschoben. Man beschuldigt sie der Hexerei. Der Freiburger Rat lässt sie im Christoffelturm einkerkern. Ihr drohen Folter und der Scheiterhaufen. Fidelitas ist sich keiner Schuld bewusst und bleibt unter den gegebenen Umständen so unbeugsam wie eh und je. Sie vertraut auf Gott und hofft auf Hilfe von außen.

Ein alter Freund greift ein

Veronika Stöcklin und Jörg Danner ist bewusst, dass jemand die Schwester aus dem Weg geräumt hat, weil sie ihnen helfen wollte. Das mindeste, was sie jetzt für sie tun können, ist, an ihr Kloster zu schreiben und um Hilfe für sie zu bitten. Doch der Brief kommt nie bei der Äbtissin an. Aus Gründen …

Dann erfährt ein alter Freund von Schwester Fidelitas von ihrer Notlage. Er lässt alles stehen und liegen um ihr auf seine Weise zu Hilfe zu eilen. Kenner*innen des Bandes SCHIERLINGSTOD werden wissen, wen ich meine. So viel sei gesagt: Zimperlich ist der Mann nicht!

Man muss schon sehr schwere Geschütze auffahren, wenn man jemanden freibekommen will, der der Hexerei angeklagt ist. Viel Zeit bleibt Fidelitas’ Freunde nicht. Wird es ihnen dennoch gelingen? Wird ans Licht kommen, wer die Kräutermeisterin angezeigt hat und wer für die mysteriösen Todesfälle verantwortlich ist? Und reden wir hier von derselben Person?

Gute Nerven und Gottvertrauen

Sehr spannend! Im Grunde hat die Nonne ja keine Chance gegen ihre Feinde. Sie ist fremd in der Stadt und ist allein, während ihre Gegner ein gut funktionierendes Netzwerk haben. Sie sitzt hilflos und von aller Welt isoliert im Kerker und kann nicht mal eben Rat und Hilfe bei ihrem Mutterhaus holen. So eine Situation mag man sich gar nicht ausmalen! Da braucht’s schon gute Nerven und enorm viel Gottvertrauen, und da bei Verstand zu bleiben.

Wir sehen, dass man nicht unbedingt moderne Technik benötigt um einen Kriminalfall zu lösen. Hier müssen eine gute Beobachtungsgabe, Kombinationsfähigkeit und eine gehörige Portion Mut ausreichen. Der Spannung tut das keinen Abbruch. Und über das Leben der Nonnen, der Kaufleute, Handwerker und Bediensteten jener Zeit erfahren wir noch einiges. Und natürlich über die Ungeheuerlichkeit der Hexenverfolgung!

Ich hätt’ einen anderen Schluss gewollt! 🙁

Mit dem Schluss bin ich aus persönlichen Gründen nicht einverstanden. Das ist aber kein Qualitätsmangel des Buchs – das ist von vorn bis hinten klasse! -, sondern eine kleine „Meinungsverschiedenheit“ zwischen Leserin und Autorin. Das Ende ist logisch und lag ja auch auf der Hand. Nicht einmal die Personen in dem Roman hadern damit. Nur ich hätt’s halt gern anders gehabt. 😉

Aber egal! Sollten Simone Dorra und die Äbtissin vom Kloster Frauenalb irgendwann auf die Idee kommen, die widerstrebende Schwester Fidelitas auf einen neuen Außeneinsatz zu schicken, bin ich als Leserin gern wieder dabei. Nur: Wer paukt sie in Zukunft raus, wenn sie wieder mal ganz tief in der Tinte sitzt?

PS: Lasst euch vom ansonsten überaus hilfreichen Personenverzeichnis nichts einreden: Gundis ist Vinzenz’ Mutter!

Die Autorin

Simone Dorra, 1963 in Wuppertal geboren, lebt seit 1983 in Baden-Württemberg. Die gelernte Buchhändlerin arbeitet als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung. Sie hat bereits mehrere Romane und Krimis veröffentlicht. Nach »Schierlingstod« ist »Hexenglut« ihr zweiter historischer Kriminalroman mit der Nonne Fidelitas vom Kloster Frauenalb im Schwarzwald.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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