Wolfgang Jezek: Giftglobuli. Wien-Krimi

Wolfgang Jezek: Giftglobuli. Wien-Krimi, Meßkirch 2020, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2714-5, 181 Seiten, Softcover, Format: 11,8 x 2,3 x 19,7 cm, Buch: EUR 12,50 (D), EUR 13,00 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Gmeiner Verlag

„Sie meinen also, die Homöopathen sind die Hexer der heutigen Zeit und werden aus Neid angegriffen, weil sie mehr Wissen haben? Weil sie einen weiteren Horizont haben? Verstehe ich das richtig?“ – „Ja, darum geht es.“ (Seite 84)

„Frau Sommerauer, bei dem Kampf um die Homöopathie geht es mehr oder weniger um den Kampf um die Wahrheit. (…) Unser Stammvater Samuel Hahnemann (…) hat die Wahrheit in der Medizin gefunden. Und diese Wahrheit wird von den anderen Ärzten nicht akzeptiert. Darum geht’s.“ (Seite 118)

Wien, Frühjahr 2016: Die nicht mehr ganz junge Journalistin Elvira Sommerauer lebt in Kärnten. Jetzt ist sie für ein paar Tage bei einer Freundin in Wien zu Besuch. Und wer begegnet ihr dort im Treppenhaus? Ihr alter Bekannter, der Kriminalbeamte Manfred Zapletal! Er ist leider dienstlich hier. In einer Wohnung hier im Haus ist die bulgarische Chemieprofessorin Mara Ulcanova, 62, tot aufgefunden worden. Vergiftet! 

Elvira kann sich im Windschatten ihres Bekannten an den Fundort der Leiche vordrängeln und beschließt, in diesem Fall ihre eigenen Recherchen anzustellen. 

Die Professorin hatte Feinde

Unter ihren Kolleg*innen und Studierenden war die Professorin nicht gerade beliebt. Dass sie sich öffentlich vehement gegen die Homöopathie aussprach, die sie für eine unseriöse Pseudowissenschaft hielt, hat ihr noch ein paar zusätzliche Feinde beschert. Damit steht Elvira Sommerauers Legende fest: Sie wird behaupten, dass sie einen Artikel über Homöopathie schreibt. Das wird ihr die Gelegenheit geben, mit Homöopathie-Befürwortern und Kritikern aus dem Umfeld der Ermordeten zu sprechen.

Dem Autor gelingt es vortrefflich, mit ein paar Sätzen die Lebensgeschichte und die Persönlichkeit von Elviras Interviewpartnern zu skizzieren. Nach einer halben Seite glaubt man, ganz genau zu wissen, wer der Journalistin gerade gegenübersitzt: der narzisstische Professor … die etwas naive Homöopathie-Ärztin … der sture Pater … der verschmähte Liebhaber … die trauernde Tochter … der messianisch angehauchte Hardliner … etc. Das macht Wolfgang Jezek wirklich klasse, und das macht die Geschichte lebendig und interessant. 

Viele Interviews zum Thema Homöopathie

Den Leser*innen diese Interviewreihe als Krimi zu verkaufen, ist allerdings ein bisschen dreist. Wäre der Roman ein Fernsehfilm, müsste man ihn wohl als „Dauerwerbesendung“ kennzeichnen – für Homöopathie. Bis 70 Seiten vor Schluss stellt die Journalistin diversen Personen im Wesentlichen die gleichen Fragen: „Wie funktioniert die Homöopathie und warum wird sie so angegriffen?“ Und dann darf sich jeder Befragte ausführlich aus seiner Sicht zu diesem Thema äußern. 

Es kommen Kritiker*innen dieser alternativmedizinischen Behandlungsmethode zu Wort, das muss man der Fairness halber sagen. Diese werden jedoch als unsympathische, gefühlskalte Narzissten beschrieben, denen Wissenschaft und Zahlen wichtiger sind als Menschen. Die Homöopathie-Befürworter dagegen sehen sich aus Neid verfolgt, weil sie, im Gegensatz zu den Wissenschaftlern, über die alleinige Wahrheit verfügen. 

Die Botschaft springt uns ins Gesicht

Gut: Romanfiguren dürfen Meinungen vertreten, die der Leser nicht unbedingt teilen muss. Es ist auch okay, wenn Autoren ihre Überzeugungen mit ihren Büchern an den Mann oder die Frau bringen möchten. Man kann Themen, für die man brennt, sowieso nicht verleugnen. Wenn die Autorenmeinung mit dezenter Eleganz in die Handlung eingeflochten wird, ist das auch kein Problem. Wenn uns aber die Botschaft mit dem nackerten Allerwertesten ins Gesicht springt, ist das weniger schön. Spätestens, als Elvira Sommerauer nach der Einnahme von ein paar Globuli innerhalb eines Tages von einer schweren Bronchitis genesen und fürderhin bekehrt ist, hat es mir gereicht. Oida! Das ist arg dick aufgetragen!

Ich habe mich darüber gewundert, dass die Heldin Menschen befragt, die mit der ermordeten Professorin nie etwas zu tun hatten ihre Überzeugung teilten. Der alte Pater, der vor Kreuzschmerzen kaum hatschen kann, wird kaum in die Stadt gefahren sein um eine ihn unbekannte Frau umzubringen, die das gleiche Feindbild hat wie er, wenn auch aus anderen Gründen. (Die Argumentation der Kirche war mir übrigens neu. Das war sehr aufschlussreich.) Und warum sollte eine Person der Professorin etwas antun, deren krebskranke Mutter qualvoll starb, weil sie lieber auf ihren Homöopathen hörte als auf ihre Ärzte? So sieht’s auf jeden Fall die hinterbliebene Tochter. Ob die evidenzbasierte Medizin die Mutter noch hätten retten können, wissen wir nicht.

Überraschungen und Belehrungen

Solche Interviewpartner bringen die Handlung nicht voran. Sie dienen nur dazu, dem Leser die verschiedensten Pro- und Contra-Argumente zu präsentieren. Wenn ich mich aber mit einem kontroversen Thema befassen möchte, suche ich mir entsprechende Sachliteratur. Ich lasse mir das ungern in einem Krimi unterjubeln. Der soll unterhalten. Er darf gern wohldosierte Informationen liefern und Anlass zum Nachdenken geben, aber es ist nicht seine Aufgabe, eine Ideologie zu bewerben.

Zurück zur Krimihandlung: Als einem von Elviras Gesprächspartnern unbeabsichtigt eine Information entschlüpft, die in diesem Fall den Durchbruch bringen könnte, ruft die Journalistin nicht etwa ihren Kumpel bei der Polizei an, sondern ermittelt ganz alleine weiter, auch wenn sie nichts dabei zu gewinnen hat. Die Regionalzeitung, für die sie daheim in Kärnten schreibt, wird sich kaum um einen Artikel über einen Mordfall in Wien reißen.

Es gibt überraschende Wendungen in diesem Roman und einen packenden Showdown gibt’s auch. Aber das wiegt nicht auf, dass ich mich während zwei Drittel des Buchs über unerwünschte Belehrungen bezüglich Globuli, intelligentem Wasser und dergleichen geärgert habe. 

Wut als Inspiration

Im Nachwort erklärt der Autor, was ihn zu diesem Buch inspiriert hat: 

„Wut, ja, eine gehörige Portion Wut erfüllte mich. Dass die Methode, die ich seit Jahren mit Erfolg praktiziere, in den Schmutz gezogen wurde und meine Kollegen und ich unter den Generalverdacht der Kurpfuscherei gestellt wurden – das war schwer zu ertragen. Diese Wut wurde zur Triebfeder, dieses Buch zu schreiben.“ (Seite 273)

Ich verstehe gut, dass es einen Krimiautor in den Fingern juckt, literarisch mal jemanden abzumurksen, der – womöglich unsachlich – eine andere Überzeugung vertritt als er selbst. Das muss ein tolles Gefühl sein! 😀 Das Resultat hat mich aber nicht begeistert. Bringt es denn was, einen Unterhaltungsroman dafür zu missbrauchen, den Gegner zu dämonisieren? Damit erreicht man doch nur seinen eigenen Fanclub. Alle anderen sind raus. 

Mir wären weniger plakative Denkanstöße lieber gewesen. Manch ein Leser wird am Ende noch sein Geld zurückhaben wollen, weil er einen Krimi bestellt aber eine Propagandaschrift bekommen hat. 

Der Autor

Wolfgang Jezek wurde in Wien geboren und ist der Stadt in eifriger Hassliebe verbunden. Er hat – abgesehen von einem dreijährigen Intermezzo in der Schweiz – immer dort gelebt. Seit 20 Jahren arbeitet er als niedergelassener Psychiater und Homöopath. Wolfgang Jezek ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In seiner spärlichen Freizeit hält er sich gern in der „Kaiserstadt“ Bad Ischl im Salzkammergut auf, geht in die Natur, beschäftigt sich mit Spiritualität und Bogenschießen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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