Will Chesney, Joe Layden: Warrior Dog – Treuer Begleiter. Der Hund, der Osama bin Laden jagte (…)

Will Chesney, Joe Layden: Warrior Dog – Treuer Begleiter. Der Hund, der Osama bin Laden jagte und seinem Navy-SEAL-Kameraden das Leben rettete, OT: No Ordinary Dog. My Partner from the SEAL Teams to the Bin Laden Raid, aus dem amerikanischen Englisch von Kimiko Leibnitz, München 2021, riva-Verlag, ISBN 978-3-7423-1752-0, Hardcover,  352 Seiten, mit Farbfotos, Format: 5,6 x 3,5 x 22,1 cm, Buch: EUR 19,99 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 15,99.

„Cairo war ein in jeder Hinsicht furchtloser Hund, der früher ohne mit der Wimper zu zucken in einen stockdunklen Raum mit wild um sich schießenden Ar***l*chern rannte. (…) Er war aus nächster Nähe angeschossen worden und kämpfte trotzdem unerbittlich weiter. Er wich keinen Zentimeter, wenn Handgranaten in seiner Nähe einschlugen. Nichts brachte ihn aus der Ruhe. Gar nichts. Aber ich schätze, dass man früher oder später einen Preis für alles bezahlen muss, was man jemals erlebt hat.“ (Seite 297)

Nur ein Ziel: Navy SEAL!

Dass Navy SEALS die härtesten Knochen unter den US-Soldaten sind, weiß man aus dem Fernsehen. 😉 Will Chesney ist einer von ihnen. Ehe das Buch zur Hundegeschichte wird, wie das Cover verspricht, ist es erst einmal seine Karrieregeschichte.

Wie kommt ein Durchschnittsschüler und Durchschnittssportler aus einem texanischen Trailerpark überhaupt auf die Idee, ein Navy SEAL werden zu wollen? Beziehungsweise einer werden zu können, denn nur 20% der Bewerber schaffen die gnadenlos harte Ausbildung. Dabei hat er nicht mal näheren Kontakt zu Militärangehörigen, die ihm als Vorbild hätten dienen können. Er hat einfach nur schon als Zwölfjähriger gewusst, was er einmal werden will.

Mit 18 bewirbt er sich. Er sagt selbst, dass es klügere, gebildetere, fittere und sportlichere Aspiranten gegeben hat als ihm. Aber er ist zäh und willensstark und hat schon ein bisschen was über das Leben gelernt:

  • Wenn man etwas will, muss man dafür arbeiten. Geschenkt gibt’s nichts.
  • Wenn man eine Aufgabe übernommen hat, erledigt man sie ordentlich. 
  • Augen auf, Klappe zu. Auf Provokationen reagiert man am besten gar nicht.
  • Man muss nicht alles verstehen.
  • Was man nicht ändern kann, muss man hinnehmen. Jammern nützt nichts.
  • Auch der größte   M i  s t   geht irgendwann vorüber.

Aufgeben ist keine Option

Vielleicht ist das ja genau die richtige Kombination für einen Soldaten – ich weiß es nicht. Beharrlich, stoisch und pragmatisch fräst er sich durch die Ausbildung. Für jede unmenschliche Schinderei und für jede sadistische Gemeinheit seiner Vorgesetzten hat er eine Erklärung parat und setzt uns geduldig auseinander, warum das genau so sein muss. Der Laie ist fassungslos und denkt: Stockholm-Syndrom? Aber Will hätte ja jederzeit „die Glocke läuten“ und seine Ausbildung abbrechen können. Doch das war für ihn keine Option.

„Mir gefiel alles an meiner Arbeit. (…) So entspannt, wie ich in meiner Jugend in Texas gewesen war, so motiviert und konzentriert war ich jetzt (…) Ich wusste beinahe ab dem Augenblick, als ich  [meine Ausbildung] abgeschlossen hatte, dass ich eines Tages zum besten Eliteteam der Navy gehören wollte.“ (Seite 83)

Ein Hundefreund wird Hundeführer

Obwohl man im Internet nachlesen kann, wie diese Einheit heißt, ist die Bezeichnung im Buch geschwärzt. Nun, zunächst einmal wird Will Hundeführer. Ein Hundenarr war er schon immer, und als er bei einer Vorführung sieht, was die „Diensthunde für Spezialeinsätze“ alles können, ist er tief beeindruckt. Auch wenn es für ihn mehr Arbeit bedeutet – ein Hundeführer muss sich zusätzlich zu seinen normalen Aufgaben um sein Tier kümmern –, hat er bald den Belgischen Malinois Cairo an seiner Seite.

Waffe, Freund und Kamerad

Die Diensthunde sind  fürs Kämpfen und Fährtenlesen geschaffen, aber Will sieht in Cairo nicht nur eine Waffe, sondern einen Kameraden, ja ein Familienmitglied. Die innige Bindung der beiden wird deutlich spürbar.

Ich war erstaunt zu lesen, dass Navy die Hunde aus Europa importiert, hauptsächlich aus Belgien und den Niederlanden, und dass die Kommandosprache Deutsch ist. Sagt zumindest Will. Sollte er seinem Hund Befehle auf Niederländisch erteilen, wird er den Unterschied vermutlich nicht kennen. 

Das Auswahlverfahren, das die Hunde durchlaufen, ist nicht ganz so brutal wie bei den menschlichen Bewerbern, aber rigoros gesiebt wird hier auch. Die Tiere müssen ihren Aufgaben erfüllen (Fährten/menschliche Spuren aufspüren, bad guys stellen, zubeißen aber auf Kommando auch wieder loslassen), sie dürfen während eines Kampfeinsatzes nicht in Panik geraten und müssen selbst bei einem Tandem-Fallschirmsprung mit ihrem Hundeführer ruhig bleiben.

Training und Einsatz

Es nötigt einem Respekt ab, was Menschen und Tiere im Training und im Ernstfall alles leisten und aushalten. Und doch denkt man beim Lesen: ‚All die Ressourcen und der ganze Aufwand nur dafür, andere Menschen zu töten? – Der Homo sapiens ist schon irgendwie  b e k l o p p t!’ Will absolviert mehrere Auslandseinsätze mit Cairo und scheint mehr Gewissensbisse zu haben, wenn er einen streunenden Hund töten muss als bei der Tötung eines Menschen hat. Ja, gut: Das ist sein Job! Das weiß ich. Aber normal ist das nicht. Wie lange geht so etwas gut?

Operation Neptune Spear

Diensthund Cairo kriegt erst 2011, als er schon sechs Jahre alt ist, einen ruhigeren Job als Ersatzhund und muss nicht mehr zu Auslandseinsätzen. Will schickt man auf einen Lehrgang. Doch schon am zweiten Schulungstag kommt ein Anruf: Sofort alles stehen und liegen lassen und mit Cairo nach Virginia kommen! Von dort aus geht’s nach Pakistan. „

Eine Einheit der Special Operations sollte ausrücken, in die Anlage eindringen und [Osama Bin Laden] extrahieren – tot oder lebendig.“ (Seite 233)

Das ist die Aktion, die als „Operation Neptune Spear“ bekannt wurde. Auch Cairo leistet einen wichtigen Beitrag zu diesem Einsatz und wird  später sogar Präsident Obama vorgestellt. Dem Hund wird’s wurscht gewesen sein, aber sein „Dad“ Will ist sehr stolz.

Doch dieses Leben am Limit fordert irgendwann seinen Tribut. Diensthund Cairo kränkelt und auch Will bekommt massive gesundheitliche Probleme. Mit Anfang 30 ist er fix und fertig und kämpft darum, in den vorgezogenen Ruhestand gehen zu dürfen. Das ist gar nicht so einfach! Kriegt er seinen Antrag durch? Kommt er wieder auf die Beine? Und was fängt ein Mittdreißiger, der nie etwas anderes sein wollte als ein Elitesoldat, mit seinem Leben an, wenn das nun nicht mehr geht? Und vor allem: Überlässt ihm das Militär unter diesen Umständen den „Rentnerhund“ Cairo? Bei einem so berühmten tierischen Veteranen stehen die Menschen natürlich Schlange, um ihn nach dessen aktivem Dienst „adoptieren“ zu dürfen.

Grausige Faszination

Über „berufstätige Hunde“ habe ich schon einiges gelesen und auch geschrieben. Aber dieses Buch hat mich in eine Welt geführt, die mir gänzlich fremd ist. Es ist streckenweise ganz schön heftig, was man da zu lesen bekommt, auch wenn Chesney und Layden sich nicht in unappetitlichen Details ergehen. Also, nicht allzu sehr. Die Geschichte übt eine grausige Faszination aus, und ich konnte mich der naiven Frage nicht erwehren, ob’s eigentlich fair ist, dass wir Menschen solche Tiere wie Cairo in unsere kriegerischen Auseinandersetzungen hineinziehen. Im Grund nicht. Aber, siehe oben: Der Homo sapiens ist manchmal eben ein bisschen … na ja, ihr wisst schon.

Die Autoren

Will Chesney diente als SEAL Team Operator und Hundeführer. Er nahm an der Operation Neptune Spear teil, die zum Tod von Osama bin Laden führte. Chesney wurde für seine Verdienste mit einem Silver Star und dem Veteranenorden Purple Heart ausgezeichnet. Heute kümmert er sich vor allem um ehemalige Soldaten, die bei ihren Einsätzen schwere Traumata erlitten haben.

Joe Layden ist ein preisgekrönter Journalist und Autor. Zu seinen Büchern gehören u. a. die Bandbiografie Van Halen – Teufelspakt und der New York Times-Bestseller As You Wish über den Kultfilm »Die Braut des Prinzen«.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
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