Viola Eigenbrodt: Schürze, Speck und La Famiglia. Ein Krimi aus Südtirol

Viola Eigenbrodt und Tobias Reimann: Schürze, Speck und La Famiglia. Ein Krimi aus Südtirol, Leonberg 2021, Independently published, ISBN 979-852980508-4, 397 Seiten, Softcover, Format: 12,7 x 2,54 x 20,32 cm, Buch: EUR 16,99, Kindle: EUR 4,99.

Abb.: (c) V. Eigenbrodt

„Kein Schwein interessiert sich dafür, woher eigentlich das viele Fleisch kommt, welches für den berühmten Südtiroler Speck herhalten muss. In der Provinz jedenfalls gibt es keine Schweinezuchtfarmen in ausreichender Menge“, ereiferte sich der prominente Koch. (…) „ Knappe neuntausend Schweine gibt es in Südtirol. Die sollen dreißigtausend Tonnen Speck ergeben? Niemals.“ (Seite 105/106)

Leichenfund am Aussichtspunkt

Ihren Urlaub in Südtirol hatte sich die deutsche Rechtsanwältin Silke Baum auch anders vorgestellt. Als sie an einem Montagmorgen zum Knottnkino, einem Aussichtspunkt in der Nähe von Meran hinaufsteigt, kommt sie leider nicht dazu, die atemberaubende Landschaft zu genießen: Ihr Hund verschwindet im Gebüsch und kommt mit einem menschlichen Ohr im Maul wieder zurück! Der Forstmeister hört ihre Schreie und bald wimmelt es vor Polizei.

Der Juristin beschert der Leichenfund ihre 15 Minuten Ruhm in der Regionalpresse. Den Carabinieri und der Kriminalpolizei bereitet der Fall Probleme, denn mehr als der Kopf und ein paar fein säuberlich in Gefrierbeutel verpackte menschliche Organe werden nicht gefunden.

Wer ist der Tote und warum hat ihn niemand als vermisst gemeldet? Die Boulevardpresse ergeht sich in haarsträubenden Spekulationen und bezichtigt die ermittelnden Beamten allesamt der Unfähigkeit. Kripochef Pixner machen diese Vorwürfe zu schaffen. Werden ihnen die Ermittlungspannen vom letzten spektakulären Fall denn ewig nachhängen? Auch wenn die damals verantwortliche Kollegin gar nicht mehr dabei ist?

Die Neue bringt alles durcheinander

Die Carabinieri stehen vor anderen Herausforderungen: Maresciallo Franco Marini wird in Kürze 50 und plagt sich mit einer handfesten Krise. Und die neue Carabiniera Patti Mayrhofer bringt nicht nur frischen Wind ins Revier, sondern auch alles durcheinander. Ihre Kollegen Losso uns Scarpone fühlen sich der ehrgeizigen jungen Frau fachlich unterlegen. Dass Patti nicht nur klug und überaus fähig ist, sondern auch attraktiv und sympathisch, sorgt zusätzlich für Verwirrung.

Zudem hat die Neue eine prominente Tante, die ORF-Fernsehmoderatorin Michaela Gruber. „Tante Michi“ ist es auch, die dem Ermordeten zur Überraschung aller einen Namen geben kann. Er war mal Praktikant bei ihrem Kollegen Holzknecht. 

Fleischmafia oder Beziehungsdrama?

Die Polizisten werden hellhörig. Holzknecht? Martin Holzknecht? Das war doch der Investigativ-Journalist, den man mit durchschnittener Kehle in einen Fleischtransporter gefunden hat! Hängen beiden Fälle am Ende zusammen? Holzknecht war damals einem Lebensmittelskandal auf der Spur. Seine Notizen und Aufzeichnungen wurden nie gefunden, der Fall blieb ungeklärt. War sein Praktikant in die Recherchen involviert? Hat er alleine weitergemacht und musste deshalb sterben? 

Fakt ist, dass der Praktikant sich gut in der Fleischindustrie ausgekannt hat. Und er hatte Kontakt zum Promi-Koch Pepi Gamper, dessen Lieblings-Aufregerthema die „Schweinefleischmafia“ ist. Doch nur, weil es einem nicht passt, dass auf vollkommen legalem Weg polnische, slowakische und norditalienische Schweine zu „Südtiroler Schweinespeck“ verarbeitet werden dürfen, bringt man doch keinen um! Es muss mehr dahinterstecken! Oder liegt das Motiv doch im privaten Bereich? Der ermordete junge Mann war ein Sonderling mit wenig Sozialkompetenz. Frauen fühlten sich von ihm gestalkt. Auch da könnte das Mordmotiv liegen. 

Die Polizisten haben den Verdacht, dass die Fernsehmoderatorin mehr über den Mordfall weiß, als sie ihnen sagt. Aber nicht einmal ihre Nichte kriegt etwas aus ihr raus.

Der Fall bedeutet viel Denk- und Laufarbeit für die Beamten. Immer, wenn sie glauben, jetzt eine tragfähige Hypothese zu haben, kommt wieder eine Information ans Licht, die alles über den Haufen wirft. Krimi-Action gibt’s ganz zum Schluss. 

Auf der Wache sind die Teufel los

Das soll nicht heißen, dass hier nichts passiert! Auf dem Revier der Carabinieri sind die kleinen Teufel los, seit Streunerkatze Molly während Marinis Urlaub mit fünf Kitten in die Abstellkammer gezogen ist. Die Belegschaft versucht nun mit aller Macht, diese Tatsache vor ihrem Chef zu verbergen. Nicht, dass er kein Tierfreund wäre! Aber so etwas Unprofessionelles wie einen Katzenkinderzirkus auf der Wache würde er nicht dulden. Und wenn er erst herausfindet, dass die Tierchen schon zwei seiner Pullover ruiniert haben …! Die Kapriolen der putzigen Kätzchen sorgen bei diesem gruseligen Fall für die befreiende Komik.

In diesem Krimi wird sehr viel recherchiert, kombiniert und diskutiert. So läuft eben Ermittlungsarbeit. Der Leser ist weiß nicht mehr als die Polizei und ist auf die Fakten angewiesen, die sie zusammentragen.

Die Geschichte ist komplex, nachvollziehbar und einleuchtend. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, auf welche Weise einer der Akteure sein Wissen zu verwerten versucht. Ich hatte erwartet, dass er großen Alarm macht und sich als genialer Durchblicker feiern lässt. So kann man sich täuschen!

Ich mag die Carabinieri, denen die Alltagsprobleme immer wieder bei der Arbeit dazwischenfunken. Der vielschichtige Fall, bei dem es eine Vielzahl denkbarer Motive und eine Menge Querverbindungen gibt, ist nach meinem Geschmack. Und Südtirol/Meran ist ein außergewöhnlich reizvoller Handlungsort. Ungefähr nach Hälfte der Geschichte dachte ich allerdings – wahrscheinlich genau wie die Ermittler:innen -: Leute, wir drehen uns hier im Kreis. Jetzt muss was geschehen, sonst wird der Fall nie gelöst! Zum Glück kriegt die Handlung die Kurve.

Die Sache mit der Popkultur

Unsicher bin ich mir, wie stark man Popkulturreferenzen in einen Roman einstreuen sollte. Fans von STAR TREK und GAME OF THRONES werden hier öfter mal verschwörerisch grinsend nicken. Wer die Serien nicht oder nur oberflächlich kennt, kapiert manchen Witz nicht und fühlt sich ausgeschlossen. Sofern nicht automatisch davon auszugehen ist, dass die Mehrheit der Leser:innen serienaffin ist und die Anspielungen versteht, würde ich sie sehr sparsam einsetzen. Man könnte diese Vergleiche auch nur einer Person zuschreiben. Dann hätten wir einen Running  Gag und Uneingeweihte dürften augenrollend denken: „Ach, jetzt kommt der wieder mit seiner alten Fernsehserie!“ 😀 

Wie auch immer das künftig gehandhabt wird: Beim nächsten Band bin ich gern wieder dabei! Ich möchte unbedingt den einen oder anderen gestandenen Helden als „Cat-Dad“ erleben.

Die Autorin

Viola Eigenbrodt ist Journalistin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Schriftstellerin. Mit ihrer Familie hat sie einige Jahre in Meran gelebt und gearbeitet. Sie kennt Land und Leute gut. Heute lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Stuttgart und schreibt Cozy-Krimis, die allesamt in Meran angesiedelt sind, sowie Familienkomödien. 

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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