Judith Fanto: Viktor. Roman

Judith Fanto: Viktor, Roman. OT: Viktor. Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, Stuttgart 2021, Verlag Urachhaus, ISBN 978-3-8251-5257-4, Hardcover mit Schutzumschlag, 415 Seiten, Format: 14,7 x 3,9 x 21,6 cm, Buch (HC): EUR 26,00, Taschenbuch: EUR 16,00, Kindle: EUR 15,99, auch als Audio-CD erhältlich.

Abb.: (c) Verlag Urachhaus

„Ach, der Viktor, was soll ich über den sagen? […] Er war der schönste Mann in ganz Wien, das steht fest. […] Aber er hat sich wie ein Dandy gekleidet, eine Frau nach der anderen verführt, gelogen und betrogen. Dauernd kam er zu spät, und nie brachte er etwas zu Ende. Er hat gespielt und getrunken, war in allerhand illegale Geschäfte verwickelt und tat nur, wozu er Lust hatte […].“

(Seite 49)

Voorburg, Niederlande: Geertje van den Berg, geboren Mitte der 1970er-Jahre, ist schon als Kind bewusst, dass ihre Familie ein bisschen seltsam ist. Daran, dass sie aus Wien stammen, kann es kaum liegen. Eher daran, dass sie Juden sind. Oder zumindest jüdischer Abstammung. Ein paar Getaufte sind auch dabei.

Was es genau bedeutet, jüdisch zu sein, ist der kleinen Geertje nicht klar. Es muss aber etwas sein, dessen man sich schämen muss, denn ihre Mutter Paulina (geb. Rosenbaum) kriegt schon eine Panikattacke, wenn Nachbar Sapir ihr über den Gartenzaun hinweg „gut Schabbes“ wünscht. Das könnte ja ein Außenstehender hören!

Religiös ist die Familie van den Berg/Rosenbaum nicht. Vom Jüdischsein sind nur ein paar Traditionen übriggeblieben und ein Trauma. Es gibt Alltagsbegriffe, die man in ihrem Beisein nicht aussprechen darf. Und über verstorbene Verwandte wird nur sehr ausweichend geredet. Großonkel Viktor Rosenbaum wird sogar nur erwähnt, wenn man ein abschreckendes Beispiel braucht. Und die impulsive Geertje wird recht oft mit ihm verglichen.

Was diese Eigentümlichkeiten zu bedeuten haben, versteht weder Geertje noch die gleichaltrige Nachbarstochter Esther Sapir. Erst als die beiden alt genug sind, sich durch die örtliche Bibliothek zu lesen, erfahren sie, was ihren Familien widerfahren ist. Und nicht nur denen!

Für Geertje ergibt nun vieles einen Sinn. Irgendwie scheint für ihre Eltern und Großeltern der Krieg nie zu Ende gegangen zu sein. Mental sind sie noch immer untergetaucht. So will Geertje nicht leben! Es gelingt ihr aber auch nicht, die Familiengeschichte komplett auszublenden und wie ihre Schwester Harmke einfach eine Niederländerin zu sein. Geertjes Weg ist ein anderer. Da können sich ihre Angehörigen noch so aufregen: Sie stellt unerbittlich Fragen, „outet“ sich als Jüdin und ändert, als sie in Nimwegen Jura studiert, ihren Vornamen offiziell in Judith.

Nimwegen in den 1990er-Jahren: Judith beschließt sogar, sich der Niederländischen Israelitischen Gemeinde (NIG) anzuschließen. Sie hat es satt, sich fremd zu fühlen und will jetzt endlich irgendwo dazugehören. Nur: So einfach kommt man in die NIG nicht rein! Man muss seine jüdische Abstammung beweisen, was mit den dubiosen Papieren der Rosenbaum-Sippe praktisch unmöglich ist.

Die Szene, in der Judith mit wachsender Verzweiflung versucht, der zuständigen Dame bei der NIG ihre komplizierte Familiengeschichte zu erklären, fand ich zum Piepen. Und es funktioniert. „Sie sind jüdisch“, stellt die Frau zufrieden fest. (Seite 131)

Ein paar Dokumente muss Judith trotzdem noch vorlegen, und so erfährt sie vom Familienarchiv im Wäscheschrank auf dem großelterlichen Dachboden. Dort findet sie etliche Unterlagen, die bis zu den Ururgroßeltern zurückreichen. Judith liest, recherchiert und staunt: In ihrem Stammbaum tummeln sich ein paar hochinteressante Gestalten!

Wien ab ca. 1914: Da ist Urgroßvater Anton Rosenbaum, ein Rechtsanwalt, der die Schlechtigkeit der Welt dramatisch unterschätzt hat, und sein deutlich realistischerer Bruder Ernst. Die Schwester der beiden, Hedy, wird von Neffe Viktor nur respektlos „der Eisschrank“ genannt. Er soll mal über sie gesagt haben: „Ihr Herz taut erst bei einer Temperatur von 24 Karat auf“. (Seite 150) 😀

Überhaupt: Judiths viel geschmähter Großonkel Viktor! Das ist die schillerndste und faszinierendste Figur von allen! Er war ein halbseidener Hallodri, der durch seinen Charme und sein gutes Aussehen mit allen krummen Touren durchkam. Selbst die Frauen scheinen ihm verziehen zu haben, wie er sie behandelt hat.

In Rückblenden erfahren wir: Viktor hat auch eine andere Seite. Wenn jemand Unterstützung braucht, ist er ohne Wenn und Aber zur Stelle. Als Kind schleppt er der Familie einen hilflosen Hundewelpen ins Haus und den Waisenjungen Jitschak „Bubi“ Cheinik, den er vor einer Bande mobbender Mistkerle gerettet hat. Beide dürfen bleiben. Doch es dauert lange, bis sein Vater die positiven Eigenschaften seines leichtlebigen Sohns (an)erkennt:

[Viktor] verfolgt konsequent sein Ziel, ungeachtet dessen, wie die Sache für ihn ausgeht, und er tut nie etwas, das anderen schadet. […] . Mein Sohn hat ein sanftes Gemüt, er schützt die Schwachen und hilft Mensch und Tier in der Not. Viktor lebt nach seinen eigenen Werten. Das macht ihn zu einem wertvollen Menschen.“

(Seite 400)

Pflegebruder Bubi hat das schon längst begriffen. Er hält Viktor für einen der 36 Gerechten, in deren Händen der Fortbestand unserer Welt liegt. So, wie sich die Geschichte der Familie weiterentwickelt, könnte man das tatsächlich meinen …

Zwangsläufig kommt es in den Rückblicken auch zu grausamen und brutalen Szenen, die zwar nicht episch ausgewalzt werden, aber dennoch schwer erträglich sind. Weil die Geschichte aber durch mehrere Länder und Generationen springt, werden die schrecklichen Ereignisse durch das geistreiche Wortgeplänkel der Familienmitglieder ein bisschen ausgeglichen.

Judiths Identitätsfindung in den 90er-Jahren hat ausgesprochen komische Momente. Ahnungslos tappt sie, die nicht religiös Erzogene, in der jüdischen Gemeinde von einem Fettnapf in den nächsten. Man sieht’s immer schon kommen! Auch ein Brüller: Die Szene, in der ihre Schwester einen Freund zum Familienessen mitschleppt. Über dessen befremdliche Ansichten könnte die Familie noch hinwegsehen, doch dass er sich weigert, das zu essen, was Großmutter Rosenbaum liebevoll gekocht hat, geht zu weit! Das betrachten sie als einen Angriff auf ihre Kultur. Dabei ist es nur wieder mal, wie so oft in dieser Familie, ein Kommunikationsproblem.

Es geht in diesem Roman sehr viel um Gruppenzugehörigkeit und Identität. Was macht es mit einem Menschen, wenn er sich immer anders fühlt als alle anderen? Wenn er verbergen muss, was er ist? Wird er ein anderer, wenn er einen neuen Namen annimmt und/oder die Religion wechselt? Ist es so, wie ein Freund von Viktors Onkel sagt? Der stellt nämlich die These in den Raum, dass Namen unser Selbstbild und unsere Selbstakzeptanz bestimmen.

„Der Name kann zum Beispiel einen Auftrag enthalten oder als soziales Stimulans wirken, indem er bei anderen Erwartungen weckt, die sie einem unbewusst entgegenbringen. Man lebt im Grunde im Einklang mit seinem Namen.“

(Seite 118)

Bei Geertje hat das nicht geklappt. Mit diesem Namen konnte sie sich nie identifizieren. Passt „Judith“ besser zu ihr? Nun, das Familienarchiv im Wäscheschrank hat noch die eine oder andere Überraschung parat …

Was Judith umtreibt, kann ich gut verstehen. Für mich ist Identität auch etwas Wandelbares, das manchmal eben angepasst werden muss.

Für den rudimentären Familienstammbaum (Vorname und Geburtsjahr) vorne im Buch war ich sehr dankbar. Hier geht’s immerhin um 5 Generationen, von denen abwechselnd erzählt wird. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. („David? Wer ist denn jetzt David?“)

Ich hätte es als hilfreich empfunden, wenn über den Kapiteln gestanden hätte, wann und wo sie spielen: „Wien 1934“, „Voorburg 1984“, Nimwegen 1994“. Weil das nicht so ist, habe ich oft zum Stammbaum zurückgeblättert und nachgesehen, in welcher Generation und in welchem Jahr wir (mutmaßlich) gerade sind. Das hat das Leseerlebnis ein klein wenig beeinträchtigt. Dramatisch ist das aber nicht.

„Ein Debutroman voller Humor, Weisheit und Melancholie“, wird De Telegraaf, Amsterdam, im Klappentext zitiert. Das kann ich unterschreiben. VIKTOR ist intelligente Unterhaltung, die dem Leser ganz nebenbei noch ein bisschen Wissen unterjubelt. Ein hilfreiches Glossar gibt es obendrein.

Judith Fanto, geboren 1969, ist Juristin im Bereich Medizinrecht und Mutter von drei Kindern. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit setzt sie sich als Gründerin mehrerer Stiftungen für kulturelle Aktivitäten und Bildungsangebote vor allem für jüdische Mitmenschen sowie für Kinder mit psychiatrischen Problemen ein. Ihr Debütroman ›Viktor‹ erzählt vom Schicksal ihrer Familie.

Eva Schweikart absolvierte eine Übersetzerausbildung und arbeitete zunächst etliche Jahre im Lektorat eines Verlages, bevor sie sich 1997 als Literaturübersetzerin aus dem Niederländischen und Englischen selbstständig machte. Seither hat sie über 100 Bücher aus den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur sowie Sachbuch übersetzt. 2010 war sie mit ›Chatroom-Falle‹ (Loewe-Verlag) zum Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, für ihre Übersetzung von ›Emilia und der Junge aus dem Meer‹ (Thienemann Verlag) erhielt sie 2019 den Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis. Eva Schweikart lebt in Hannover.

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Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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