Christa Schütt: Die Pferde sind an allem schuld

Christa Schütt: Die Pferde sind an allem schuld, Norderstedt 2008, Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8370-3037-2, 212 Seiten, Softcover, Format: 13,5 x 21,3 x 1,5 cm, EUR 14,80.

Auf 40 Jahre Reit- und Pferdeerfahrung sowie auf 50 veröffentliche Pferdebücher für Kinder und Jugendliche kann die Autorin zurückblicken. Sie weiß also, wovon sie spricht, und sie kann mitreißend, mit viel Sinn für Humor und Situationskomik, erzählen. So ist es auch für erwachsene Leser ein Vergnügen, Spannendes und Unterhaltsames über die Turbulenzen und Abenteuer zu erfahren, die ein Leben mit Pferden mit sich bringt.

Eigentlich können die Pferde ja nichts dafür, dass Christa Schütt als Kind in den 60-er Jahren mit der ’žPferderitis’œ infiziert wurde und unbedingt reiten lernen wollte. Doch dieser ’œVirus Equus’œ beeinflusst fortan ihr Leben.

Der Wunsch nach Reitstunden stößt in ihrem Elternhaus zunächst auf wenig Gegenliebe. Ihr Vater, ein Kapitän, hält das Reiten für elitär ’“ auch wenn die Lehrmethoden und die Ausrüstung der Reiter im Vergleich zu heute weniger exklusiv als primitiv waren. Mit Mutters Hilfe kommt Teenager Christa doch noch zu ihrem Reitunterricht. Weder Anfangsschwierigkeiten noch die zweifelhafte Pädagogik des Reitlehres, eines Ex-Militärs, können sie entmutigen.

’žFreizeitreiter’œ gilt damals noch als Schimpfwort, Ponys und Kleinpferde betrachtet man mit einer gewissen Herablassung. Westernreiter und die Reiter von Islandpferden werden für Spinner gehalten. Es ist schon einiges anders als heute.

Auch wenn manch einer gedacht haben mag, Christa lernt’™s nie: Nach einiger Zeit darf sie selbst Ausritte führen ’“ was nicht immer ohne Zwischenfälle abgeht. Doch die junge Reiterin hat den Satz ’žDas kann ich nicht’œ aus ihrem Wortschatz verbannt und nimmt jede Herausforderung an. Auch wenn ihr so manches, was von ihr erwartet wird, eine Nummer zu groß erscheint.

Wir fiebern mit ihr mit, als sie im Auftrag von Bauer Peter ihren ersten Alleinritt meistern muss und Stute Flora ihren eigenen Kopf hat. Noch mehr zittern wir mit ihr beim Traktorfahren. Sie, die seit ewigen Zeiten nicht mal mehr Auto fährt, soll einen Trecker mit zwei vollbeladenen Anhängern von der Wiese zum Hof fahren. Alles geht gut, bis sie ins Dorf kommt, wo sie rechts abbiegen soll …

Aber das Landleben kann man lernen. Und Christa bleibt gar nichts anderes übrig, denn unter anderem sind die Pferde daran schuld, dass sie ihr Leben irgendwann konsequent und radikal umkrempelt. Mit ihrer Stute Winnie und deren Tochter Lindy zieht sie aufs Dorf, gibt ihr Stelle als Buchhändlerin auf und lebt fortan vom Schreiben. Einen Hund hat sie jetzt auch.

Ihre Pferde hält sie, zur Überraschung und zum Entsetzen mancher Zeitgenossen, in einem Offenstall. Doch der Erfolg gibt ihr Recht. Den Tieren geht es gut, und die Pferdeherde wird immer größer. Der Wallach Rebell kommt dazu, ein 16-jähriger Haflinger-Mix, und die Norweger-Stute Mara, die furchtlos ist aber ’žbiegsam wie eine Eisenbahnschwelle’œ (S. 80).

Christa nimmt Ferienkinder auf, die viel Spaß bei Reiterspielen und Ausritten haben und denen besonders ein Ausritt im dichten Nebel in Erinnerung bleiben wird …

’žLernen kann man nie genug’œ (S. 88), sagt sich die erfahrene Pferdefreundin und besucht die verschiedensten Lehrgänge und Kurse. Da sie mit Liebe und Sachverstand dabei ist und sich auch für Neues begeistern kann, lernt sie sehr viel. Und davon profitieren ihre Pferde, ihre Reitschüler ’“ und ihre Leser.

Wäre es nicht wunderbar, mal wieder Fohlen zu haben? Was für eine Frage! Christa und ihre Freundin Ute kaufen sich je einen Absetzer. Christa bekommt die temperamentvolle Bonny, Ute die vorsichtige Kyra. Ihren vierbeinigen ’žPflege-Opa’œ suchen sich die beiden Stütchen selbst aus: den alten Wallach Rebell. Er freut sich, weil er wieder eine Aufgabe hat und blüht sichtlich auf. Die beiden Frauen raufen sich derweil die Haare, denn es hat ganz den Anschein, als gebe Rebell den Kleinen Tipps aus seinem reichen Erfahrungsschatz ’“ in Sachen Blödsinn und Schabernack.

Christa und Ute träumen davon, die beiden jungen Fuchsstuten eines Tages vor eine Kutsche spannen zu können. Sie besuchen eigens einen Fahrkurs. Und der hat es in sich: ’žAllein schon sich die tausend Teile zu merken, die zum Geschirr gehörten, war ein abendfüllendes Programm (…) Das Glanzstück der Begriffe war ohne Zweifel die Oberblattstrupfenschnallstößeldornspitze!’œ (S. 135) Diesem Kurs hat die Autorin einen ausführlichen, humorvollen Rückblick gewidmet ’“ in Reim und Vers. Eine tolle Leistung!

Doch Kurs hin oder her ’“ Stute Bonny hat einfach keinen Bock, eine Kutsche zu ziehen. Um nicht alles zu vergessen, was sie mühsam gelernt haben, fahren Christa und Ute einmal die Woche mit unterschiedlichen Stutengespannen einer Bekannten. Als sie jedoch ein Brautpaar zur Kirche kutschieren solle, wird das zu einem nervenzerfetzenden Abenteuer …

Wesentlich erfreulicher verläuft zumeist das Abenteuer ’žWanderreiten’œ. Eine Gruppe von Reitern geht auf einen mehrtägigen Ausritt, sucht im Vorfeld die beste Strecke heraus und legt Tagesetappen sowie Quartiere fest. Dass dann selten etwas so läuft wie geplant, ist das Aufregende an diesen Unternehmungen. Auch wenn die Reiter und ihre Tiere auf ihrer Tour durch die Natur mit der Zeit wie die Vagabunden aussehen, werden sie überall freundlich und neugierig empfangen und sind mancherorts ein regelrechte Attraktion.

Auf jeden Fall ist so ein Wanderritt Lebensfreude pur: ’žUnsere schönsten Tage brachen an, als wir in die Magdeburger Börde kamen. Es war August, das Korn war von den Äckern verschwunden und überall um uns herum gab es riesige, kilometerlange Stoppelfelder. Felder bis zum Horizont und noch darüber hinaus. Paradiesische Zustände. Reiter wie Pferde packte gleichermaßen die große Lauflust. (…) Davon hatte ich mein Leben lang geträumt.’œ (S. 181/182) Spätestens hier wird auch einem Leser, der noch nie auf einem Pferderücken saß, deutlich, was die Faszination des Reitens ausmacht.

Christa Schütt unterhält uns bestens mit ihren mitreißenden und amüsanten Geschichten aus dem Reiterleben. Man ahnt, dass manche er heiteren Erlebnisse nur im Rückblick komisch sind, wenn eine geübte Erzählerin uns davon berichtet. Live und vor Ort war manches sicher gar nicht zum Lachen. Doch wie dem auch sei: Der Leser amüsiert sich königlich und könnte noch ewig in die Geschichten um Winnie, Lindy, Rebell und Co schwelgen. Und ob Experte oder Laie: Wohl jeder lernt bei dieser Lektüre noch dazu.

Kein Wunder, dass der Autorin über Jahrzehnte hinweg nie der Stoff für ihre Jugendbücher ausging ’“ bei einer solchen Inspiration! Wenn die Pferde an diesem außergewöhnlichen privaten und beruflichen Werdegang ’žschuld’œ sind, dürfen sie diesen Vorwurf getrost als Kompliment betrachten.

Die Autorin
Christa Schütt lebt seit 1979 als freie Autorin mit Pferden und Hund am Rande der Lüneburger Heide im Aller-Leine-Tal. Sie hat neben 50 Kinder- und Jugendbüchern, darunter 4 Sachbücher, auch Artikel für Zeitschriften geschrieben und über 20 Jahre das Ensslin-Reitertaschenbuch herausgegeben.

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