Lanzarote 2007: Die Insel der schlafenden Vulkane, Teil 1 – neu

Lanzarote 22.07 – 31.07.2007
Die Insel der schlafenden Vulkane – Teil 1

„Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie so ein Brocken Basalt das Meer in Aufregung zu versetzen vermag“ – Alexander von Humboldt

Immer, wenn uns kein originelleres Reiseziel einfällt, landen wir auf Lanzarote. So auch dieses Mal. Wir sagten daheim, wir gehen noch mal „Blackys Heimatgebüsch“ besuchen, denn wir fuhren wirklich genau in das Hotel, in dem wir 1994 unseren langhaarigen Lanarzote-Kater Blacky aufgelesen und vor dem sicheren Vergiftungstod gerettet hatten.

Leider konnten wir Blacky nicht mehr davon berichten, wie es heute in seiner alten Heimat ausschaut. Er ist am 1. Juni 2007 an einem Krebsleiden gestorben. Nicht, dass er es tatsächlich verstanden hätte, das mit seiner Heimat. Aber ich bin mir sicher, wir hätten es ihm trotzdem erzählt. So sind sie eben, die Katzenhalter.

Es sollte auch ohne Blacky eine Reise in die Vergangenheit werden. Immerhin war das < strong >Hotel RIU Paraiso unser erstes Riu-Hotel überhaupt. Wir waren damals so begeistert, dass es seither für uns nichts anderes mehr gibt. Würde es uns, viele Jahre und viele Hotels später, im RIU Paraiso noch immer so gut gefallen? „All inclusive“ hat das Hotel jetzt. Hmm … das hatten wir noch nie.

Sonntag, 22. Juli 2007: Anreise

Am Sonntag, den 22. Juli heißt es bereits um 2:34 Uhr aufstehen. Sicherheitshalber habe ich mir zwei Wecker gestellt. Wäre aber nicht nötig gewesen, vor lauter Reisefieber schlafe sich sowieso unruhig und werde alle naselang wach. Pünktlich um 3:45 Uhr kommt Taxifahrer Michele, ein Bekannter von Gerhard, der am liebsten nachts fährt. Und, wie immer, ist Gerhard längst mit allem fertig, während mir noch 47 ungeheuer wichtige Kleinigkeiten einfallen, die man jetzt noch schnell wegräumen, wegwerfen oder einpacken muss. Noch schnell von den beiden Katern Cooniebert und Yannick verabschieden, die in der Obhut von Gerhards Eltern zurückbleiben. Und noch rasch aufs Klo … Gerhard geht schon mit seinem Koffer hinaus, ich hechle mit meinem wenige Minuten später hinterher. Immer mit dem Gefühl im Hinterkopf, ganz bestimmt was Wichtiges vergessen zu haben.

Die Straßen sind frei zu dieser frühen Stunde und wir sind zeitig am Flughafen. Der Abflug ist „erst“ um 6:00 Uhr, da ist es auch nicht furchtbar schlimm, dass wir hübsch eine Weile durch die Halle irren, bis wir endlich den Schalter der Gesellschaft < strong >Tuifly finden. Aha … da, wo die meisten Leute stehen! Die Schlangen werden lang und länger, weil der Flughafen erst im Erwachen begriffen ist. Die Schalter sind noch gar nicht besetzt. Und einen Kaffee gibt es auch noch nirgends.

Die Schweizer Jugendgruppe vor uns am Schalter hat ein Problem mit ihren Flugticktes. Ein endlos erscheinendes Palaver entspinnt sich. Warum müssen wir immer in der Schlange stehen, in der vor uns jemand „ein Sperrpaket nach Honolulu, unfrei und mit Zollerklärung aufgeben“ muss? Sprich, irgendwelche langwierig zu klärenden Sonderwünsche hat. Irgendwann regelt sich auch das, irgendwie … Und es geht los. Wir starten! Mit nur 10-minütiger Verspätung. Das Flugzeug ist neu, eine 737-800. 4 Stunden und 15 Minuten dauert der Flug. Die Hälfte davon verschlafe ich.

Und natürlich gibt’s am Zielflughafen in Arrecife wieder Gedöns mit dem Gepäck. Es gibt immer Gedöns mit dem Gepäck. Nachdem schon eine Handvoll Gepäckstücke von ihren Besitzern in Empfang genommen wurden, verreckt das Förderband und das Gepäck muss auf ein anderes Band umgeladen werden. Das geht dann doch erstaunlich flott.

Dafür ist der Bus überbucht, der uns ins Hotel bringen soll. Mehrere Leute müssten stehen, aber das verbieten die hiesigen Sicherheitsvorschriften. Die Reiseleiterin kann nicht glauben, dass ein Fehler passiert ist, und vermutet, dass ein paar Reisende im falschen Bus sitzen und gar nicht Riu Paraiso gebucht haben. Vermutlich hängt sie derselben Theorie an wie mein Vater: „Die meisten Leut’ sind Deppen“.

Als sich auf ihren wiederholten Aufruf hin niemand meldet, der hier falsch ist, macht sie sich seufzend ans Werk: Jeder muss sein Ticket herauskruschteln und sie prüft die Namen der Unterkunft. Das Ergebnis bleibt dasselbe: Die Gäste sind hier alle richtig, die Planung ist falsch. Irgendwer im Büro hat da nicht richtig gezählt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig: Sie lässt die überzähligen Gäste aussteigen, deren Gepäck wieder ausladen und fordert in der Zentrale einen weiteren Bus an.

Eine Viertelstunde später, gegen 10:30 Uhr, kommen wir im Hotel an. Da wird es geschwind turbulent. Mehr als 100 Leute wollen einchecken – und die Zimmer sind noch nicht fertig. Was ja um die Uhrzeit zu erwarten ist. Man sagt uns, wir sollen in einer Stunde wiederkommen und dann einchecken. Okay, kein Problem, erkunden wir eben so lange das Hotel. Und wenn hier schon alles inklusive ist, gibt’s vielleicht irgendwo auch einen Kaffee.

Gehen wir einfach mal gucken, was sich hier in den vergangenen 13 Jahren alles getan hat. Ob Blackys Heimatgebüsch noch steht?

Ist inklusiv das Gegenteil von exklusiv?

Wir ziehen los – und sind spontan entsetzt. Unser erster Eindruck: cheap and shabby. Leicht heruntergekommen und Kantinen-Atmosphäre. Das all-inclusive-Konzept empfinden wir als Verrat an der RIU-Philosophie, wie wir sie kennen. Das hier ist die Neckermannisierung der ursprünglichen Geschäftsidee. Inklusiv ist offenbar das Gegenteil von Exklusiv. Wenn das der alte Luis Riu sehen könnte, der Firmengründer! Ich glaube kaum, dass ihm das gefallen würde. Die wirtschaftliche Notwendigkeit für diese Personal-Sparmaßnahmen sähe er sicher ein, aber das Resultat fände er womöglich so traurig wie wir.

Wo man immer so viel Wert auf liebevolle Gestaltung bis ins kleinste Detail gelegt hat, steht jetzt ein wirres ein Sammelsurium kitschiger Anbauten. Es ist laut und rummelig. Nein, das ist nicht mehr RIU, wie wir es kennen!

Blackys Heimatgebüsch gibt es auch nicht mehr, da ist jetzt ein gepflegter Rasen. Okay. Aber den großen schwarzen Felsbrocken am Pool, auf dem Blacky und seine Katzengeschwister gelegen und sich gegenseitig gewärmt hatte, wenn es abends kühler wurde, den gibt es noch. Und das Klima ist, wie wir es kennen und lieben: Es ist windig und hat angeblich 26 Grad.

Beim Einchecken gibt es eine Überraschung: Wir bekommen – wohl wegen unserer RIU-Treuepunkte – ein Zimmer im vormaligen Hotel Riu Palace. Paraiso und Palace gehören mittlerweile zusammen. Das Palace war damals vor 13 Jahren eine Klasse, bzw. einen Stern, besser als das Paraiso und hat und durch seine Vornehmheit beeindruckt, ja geradezu eingeschüchtert. Mit Mühe und Not hatten wir uns getraut, einen Fuß in die Hotelhalle zu setzen. Aber nur einen, aus Angst, dass uns die Security auf Anhieb als Unbefugte erkennt und umgehend an die Luft setzt. Inzwischen haben wir so viel gesehen, dass unser Urteil lautet: „Gut – ganz so schäbbisch wie das RIU Paraiso ist es nicht …“

Die luftige Innenhof-Architektur des Paraiso, die einen ins Freie treten lässt, sobald man sein Zimmer verlässt, ist allerdings nach wie vor unerreicht klasse.

Wir richten uns sein und gehen in den Ort, Puerto del Carmen. Auch da ist entweder das Niveau ein wenig gesunken oder unsere Ansprüche sind höher geworden. Es schaut alles ein wenig billiger und schäbiger aus, als wir es in Erinnerung hatten.

Aber das Essen im Hotel ist gut. Mag es auch in anderen RIU-Hotels raffinierter sein wir sind zufrieden. Auch da sind allerdings gewisse „Kantinisierungs-Tendenzen“ erkennbar: Zum Beispiel Getränkeautomaten (sogar für den Wein) statt einer Bestellung beim Kellner. Wein aus dem Automaten?! Ein bisschen ist es schon so, als würden wir hier durch die Ruinen einer überkommenen Geschäftsidee wandeln.

Montag, 23. Juli 2007: Die Informations-Veranstaltung

Am nächsten Tag ist um 10:15 in der Bar die bei Sekt und Saft die obligatorische TUI-Informations-Veranstaltung. Der ganz große Aufmarsch wird geboten, vom Chef des Hotels über den Vize-Chef, die Hausdame und den Koch bis hin zu den Animateuren. Alle stellen sich und ihre Zuständigkeitsbereiche vor.

Der zweitwichtigste Mann bei den Animateuren ist ein Spanier, der in Villingen-Schwenningen aufgewachsen ist. Man hört’s! Statt „Gymnastik“ sagt er, wie bei uns in der Region üblich: „Gümnaschtig“.

Die TUI-Reiseleiterinnen erzählen Wissenswertes über den Ort und die Insel und geben einen Überblick über das angebotene Ausflugsprogramm. Auch ein paar externe Anbieter kommen zu Wort und dürfen ihre Ausflugsangebote präsentieren, so z.B. das Katamaran-Segeln und die U-Boot-Tour mit dem „Yellow Submarine“. Letzteres hört sich zwar ungemein interessant an, aber ich würde es mich nie getrauen, an Bord eines U-Boots zu gehen. Unter Wasser fürchte ich mich. Mehr noch: Ich würde vermutlich in Panik geraten.

So wie hier kennen wir die Info-Veranstaltungen. In den wenigsten Hotels wird das noch so ausführlich und informativ gemacht.

Unsere Fluchtposition an der Tür zahlt sich aus: Nach Ende der Veranstaltung sind wir ruckzuck draußen und als einer der ersten am Desk der Reiseleiterin. Innerhalb von drei Minuten haben wir unser Ausflugsprogramm für diesen Urlaub gebucht:

Dienstag, 24.07.: Kratertour/Süden der Insel, Abholung 8.52 Uhr
Mittwoch, 25.07.: Nordtour, Abholung 8:59 Uhr
Freitag, 27.07.: Biosphäre/Vulkantour, Abholung 8:20 Uhr

Enorme Bau-Aktivitäten<
Nach der Informationsveranstaltung wandern wir den Strand entlang bis zum Flughafen – und auf der Strandpromenade wieder zurück. Das ist das Schöne in Puerto del Carmen: man kann ewig den Strand entlang latschen. Und das tun wir gern.

Auch rund ums Hotel hat sich einiges verändert. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, war vor 10+ Jahre noch nichts, nur Wildnis. Jetzt hat’s dort lauter kleine Ferienhäuschen, eine komplette Siedlung. Auch zwischen Hotel und Flughafen war damals noch nicht viel. Heute gibt es den Playa Matagorda – Hotels, Bars, Restaurants und Geschäfte. Und im Osten, also Richtung Flughafen, wird wie wild weiter gebaut. An der Strandpromenade wird gearbeitet und an den Zugängen zum Strand. Da werden die Hotels, die Ferienhäuser, Geschäfte und Restaurants nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die haben dort wohl Größeres vor.

Zurück im Hotel reichte die Energie gerade noch zum Abhängen am Pool und am Abend zum Essengehen. Nur kein Stress, sagen wir uns, schließlich haben wir Urlaub.

Katzen mit veilchenblauen Augen
Nach dem Abendessen stellen wir bei einem Streifzug durchs Hotelgelände fest, dass es hier fast noch genau so viele Katzen gibt wie zu Blackys Zeiten. Ob noch Verwandte von ihm dabei sind? Schwarze und Langhaarige hat es hier einige. Außerdem graue, die uns an unseren verstorbenen Kater Smokey erinnern, Standardmodelle mit Streifen, in Beige und in Grau, eine Dreifarbige wie unsere Dusty, die allerdings extrem zickig und bissig ist und sich gern mal Reste von unbeaufsichtigt herumstehenden Servierwagen schnappt. Gerhard nennt sie „Katzicke“.

Schöne Birmakatzen-Mischlinge sind auch darunter. Einer schaut mit seiner Maskenzeichnung im Gesicht aus, als hätte er eine Schweißerbrille auf. Mein letzter Wille, eine Katz mit Brille. Und eine andere hat so hinreißend veilchenblaue Augen wie Liz Taylor, weshalb wir sie auch so nennen.

Leider sind die Blauäugigen anscheinend lichtempfindlich und kamerascheu. Was ein Blitzlicht ist, wissen sie wohl schon. Tagsüber, wenn man unter Umständen ohne Blitz auskäme, lassen sie sich nicht sehen. Da ist es ihnen zu warm und sie verkrümeln sich ins Gebüsch. Erst in der Dämmerung werden sie aktiv und schleichen den Gästen um die Tische, immer in der Hoffnung, dass etwas für sie abfällt. Und wer könnte diesen Augen – ob blau, ob grün, ob bernsteinfarben – schon widerstehen?

Dienstag, 24. Juli 2007: Die Kratertour – der Süden der Insel

Kann es denn wirklich sein, dass ein Ausflugsbus mal früher kommt als angekündigt?! Nein – wir sind gleich mehrfach „fehlgestartet“. Die Busse, die vors Hotel fuhren, hatte alle andere Ausflugsziele. Irgenwie muss heut ausflugstechnisch Großkampftag sein. Zum Glück kontrollieren die Reiseleiter die Tickets, ehe einer einsteigt. So ist gewährleistet, dass keiner beim falschen Ausflug landet.

Um 8:55 Uhr ist es dann so weit: Unser Bus ist da. Für 8:52 war er avisiert, also sensationell pünktlich. Wer macht eigentlich immer diese krummen Termine? Jemand im Büro mit Hilfe einer Landkarte oder eines Computerprogramms? Die Reiseleiter amüsieren sich jedenfalls in vielen Ländern darüber.

Unser Bus hat die Nummer 61, gefahren wird er von Luciano. Unser Reiseleiter heißt Juan. Es hört sich aber ein bisschen so an, als habe er einen niederländischen Akzent. Auf dem Weg zum Timanfaya Nationalpark machte er uns mit den „Basics“ der Insel vertraut:

Lanzarote ist die am weitesten nordöstlich gelegene der sieben großen Kanarischen Inseln. Sie liegt ca. 130 km vom afrikanischen Festland entfernt, ist rund 1.000 km von Marokko entfernt und ist rein vulkanischen Ursprungs. Entstanden ist sie vor etwa 16 – 20 Millionen Jahren. Die Insel hat eine Fläche von rund 800 qkm, ist ca. 60 km lang und 34 km breit und ist damit die viertgrößte Insel der Kanaren. Sie hat ca. 130-000 Einwohner.

Die Hauptstadt der Insel ist Arrecife, die Landessprache Spanisch. Lanzarote gehört zur spanischen Provinz Las Palmas und seit 1996 zur EU. Sie besitzt einen eigenen Inselrat, den cabildo insular, und ist in die sieben Gemeinden Arrecife, Haría, San Bartolomé, Teguise, Tías, Tinajo und Yaiza gegliedert. Als erste vollständige Insel wurde Lanzarote 1993 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt.

Südlich von Lanzarote liegt in elf Kilometern Entfernung die Insel Fuerteventura, und im Norden nur einen Kilometer entfernt der Chinijo-Archipel mit den kleinen Inseln La Graciosa, Montaña Clara, Alegranza, Roque del Oeste und Roque del Este.

„In der Geschichte sind die Kanarischen Inseln kaum erwähnt. Während Italien und Griechenland ihre antiken Schriftsteller, gelehrten und Feldherren hatten, haben die Kanaren eigentlich nur ihre Naturkatastrophen.“ http://www.lanzarote-site.de

1730 kam es auf Lanzarote zu schweren Vulkanausbrüchen. Am 1. September bildeten sich auf einer Strecke von 18 Kilometern 32 neue Vulkane. Die Ausbrüche, die von dem Pfarrer von Yaiza, Don Andrés Lorenzo Curbelo, bis 1731 detailliert dokumentiert wurden, dauerten insgesamt 2.053 Tage und endeten im Jahr 1736. Am Ende hatte die Lava rund ein Viertel der Inselfläche unter sich begraben, darunter die fruchtbarsten Böden der Insel und mehrere Dörfer und Gehöfte. Stattdessen entstanden an dieser Stelle hundert neue Vulkane, die den Namen Montañas del Fuego (Feuerberge) erhalten haben

1768 kam es zu einer Dürrekatastrophe, nachdem die Winterniederschläge mehrere Jahre lang nicht fielen. Die Dürre forderte zahlreiche Tote, viele Bewohner wanderten auf die Nachbarinseln oder nach Kuba und Amerika aus. Im Jahre 1824 kam es zu einem erneuten Vulkanausbruch im Bereich von Tiagua, der aber bei weitem nicht so schlimm war wie die Ausbrüche in den Jahren 1730 bis 1736.

1974 wurde der Timanfaya-Nationalpark (span.: Parque Nacional de Timanfaya) gegründet. Er wird auch als Montañas del Fuego (Feuerberge) bezeichnet.

Die 14 Kilometer lange Rundfahrt kann man nur mit dem Bus unternehmen. Privat-PKWs, Wanderer o.ä. haben keinen Zutritt. Von dem 350 Meter hoch gelegenen Montaña Rajada erhält man einen Überblick über den größten Teil des Timanfaya-Nationalparks. Das große Areal, das heute das Lavameer einnimmt, gehörte vor den Ausbrüchen zum fruchtbarsten Teil Lanzarotes. Nach der Katastrophe lag die unglaubliche Menge von acht Millionen Kubikmetern Lava dort, wo zuvor kleine Ortschaften und einzelne Gehöfte existiert hatten; insgesamt wurden etwa 420 Häuser zerstört. Die zerstörten Dörfer waren Timanfaya, Los Rodeos, Mancha Blanca, Santa Catalina, Mazo, Jarretas, Tingafa, Peña Palomas, Testeina, La Geria, Macintafe, Mozaga, Guagaro, Masdache und Iguadén, außerdem die Landgüter von Maretas und Chupaderos.

Der Ritt auf dem Kamel
Bevor es auf die Bustour durch den Nationalpark geht, steht zunächst mal ein Kamelritt auf dem Programm. Ich wollte das schon immer mal machen, aber Gerhard zieht nicht so recht. Er setzt sich nicht auf so ein Viech, meint er. Was das arme Tier zu schleppen hat! Es stimmt schon: Da wir unterschiedlich viel wiegen und auf einem Gestell quasi links und rechts am Kamel hängen, wird beim leichteren Partner das Gewicht mit Sandsäcken ausgeglichen. Da kommt schon was zusammen.

Gut, sag ich, dann reite ich eben allein, mit einem fremden Partner oder einem Sandsack auf der anderen Seite. Ich mach das jetzt. Ich wäre mir so was von blöd vorgekommen, wenn ich jetzt gekniffen hätte, wo Ulrike Renk mir in einem unserer verlagseigenen Bücher eigens eine Kurzgeschichte über einen Kamelritt gewidmet hat! Nee, nee, das muss jetzt sein! Da müssen wir durch. Ich zumindest.

Also gut – er stellt sich doch auf die andere Seite des Kamels und ist dabei. Ein bisschen mulmig ist mir schon – der „Sicherheitsgurt“ ein Kälberstrick. Wir sind die ersten der Karawane und unser Viech schnauft und schwankt mächtig. Andere Tiere haben einen ruhigeren Gang.

Ich hab die ganze Zeit Ulrikes Geschichte im Hinterkopf und schau tatsächlich nach, ob unser Kamel auch so lange Wimpern hat wie das in der Geschichte. Ja, doch – stimmt!

Die ganze Zeit rede ich dem Kamel gut zu: „Ja, bist ein braves Kamel, musst so sehr schleppen. Machst einen guten Job. Wir schaffen das, ich weiß, dass du das kannst …“

Beweisfotos gibt es auch. Ein Fotograf und der marokkanische Kamelführer sorgen dafür. Und ich selber schieße auch die andere Aufnahme mit der kleinen Kamera aus der Hüfte. Wenn ich mich getraue, meinen Klammergriff für einen Moment vom Sitzgestell zu lösen.

Irgendwann steigen wir heil wieder runter von und klettern, nach Kamel duftend, zurück in unseren Bus. Es geht zum Islote de Hilario. Der Berg wurde nach einem Mann namens Hilario benannt, der der Sage nach als Einsiedler 50 Jahre lang hier lebte. Sein einziger Gefährte war ein Kamel. Man erzählt, dass Hilario einen Feigenbaum gepflanzt hatte, der, obwohl er Wurzeln schlug, niemals Früchte trug, weil die Blüte sich nicht von Flammen ernähren konnte.

Wir stellen uns im Halbkreis auf. Ein Mitarbeiter der Parkverwaltung nimmt eine Schaufel voll Lapilli vom Boden auf und gibt jedem von uns ein paar Krümel davon in die Hand. Ui, ist das heiß! Jeder schüttet seine Krümel von einer Hand in die andere, um sie abzukühlen. Ja, hier ist noch was zu spüren von den vulkanischen Aktivitäten.

Das zeigt auch ein weiteres Experiment. Der Park-Mitarbeiter stopft dürres, dorniges Gestrüpp … so eine Art Kameldornbusch … in ein Erdloch. Die trockene Pflanze geht sofort in Flammen auf.

Bei einer weiteren beeindruckenden Demonstration wird Wasser in ein senkrecht im Boden eingelassenes Rohr gegossen. Da die Temperatur wenige Meter unter der Erdoberfläche über 400°C beträgt, entsteht eine explosionsartig empor schießende Dampffontäne. Westlich des Hauptkraters des Montaña del Fuego beträgt die Temperatur in 27 Metern Tiefe etwa 700°C.

Durch die Kraterlandschaft mit dem Bus
Im vom Inselkünstler Cesar Manrique entworfenen Restaurant werfen wir einen Blick auf Lavagrill, der wirklich nur mit vulkanischer Hitze betrieben wird. Wir essen hier aber nicht, wir machen nur eine Pinkelpause und dann geht es mit unserem Reisebus auf die Rundfahrt durch den Nationalpark. Der Fahrer legt eine CD ein – die eine wesentlich bessere Tonqualität aufweist als die ausgeleierten Cassetten, die wir von unseren früheren Besuchen kennen – und es geht los. Zu unheimlichen musikalischen Klängen erzählt uns der Sprecher die Geschichte des Vulkanausbruchs. Natürlich darf dabei der Augenzeugenbericht des Pfarrers von Yaiza nicht fehlen. Don Andrés Lorenzo Curbelo hat seine Eindrücke handschriftlich festgehalten.Etwas verkürzt wiedergegebener Bericht, der handgeschriebenen Aufzeichnungen des damaligen Pfarrers von Yaiza, Don Andrés Lorenzo Curbelo:

„(…). Am 1.September1730, zwischen 9 und 10 Uhr abends, öffnete sich plötzlich die Erde bei Timanfaya, zwei Wegstunden von Yaiza. Ein gewaltiger Berg bildete sich bereits in der ersten Nacht, und Flammen schossen aus seinem Gipfel, die 19 Tage lang weiter brannten. Wenige Tage später brach ein neuer Schlund auf und der Lavastrom ergoss sich über Timanfaya, Rodeo und einen Teil von Mancha Blanca. Die Lava floss nach Norden, anfangs wie sprudelndes Wasser, später zähflüssig wie Honig. Doch am 7. September stieg mit unheilvollem Donnern ein riesiger Fels aus der Tiefe und zwang die Lava dazu, ihren Fluss nach Westen und Nordwesten zu wenden. Dort zerstörte sie die Orte Maretas und Santa Catalina.

Am 11. September erneuerte sich die Gewalt der Lava. Sie bedeckte und verbrannte das Dorf Mazo und stürzte danach acht Tage lang als feuriger Katarakt unter furchtbarem Tosen ins Meer, so dass tote Fische in riesigen Mengen an der Oberfläche schwammen oder ans Ufer geworfen wurden. Danach beruhigte sich alles und die Eruptionen hörten auf.

Jedoch am 18. Oktober brachen direkt über dem verbrannten Santa Catalina drei neue Schlünde auf, aus denen schwere Rauchwolken strömten, die sich über die ganze Insel verbreiteten. Sie trugen Unmengen an Asche und Sand mit sich und überall fielen dicke Wassertropfen nieder. Die dadurch verursachte Finsternis, Asche und Rauch, vertrieben mehrfach die Einwohner von Yaiza und Umgebung. Doch kehrten sie wieder zurück, als auf die Eruptionen keine weiteren Ausbrüche mehr folgten. Am 28. Oktober, als diese Ereignisse zehn Tage angedauert hatten, fiel in der ganzen Region das Vieh tot um, erstickt vom stinkenden Dunst.

Vom 1. bis 20. November brach unaufhörlich Rauch und Asche aus den Kratern hervor und am 27. wälzte sich mit enormer Geschwindigkeit ein Lavastrom die Hänge hinunter. Am 1. Dezember erreichte er das Meer und bildete dort eine erstarrende Insel. Am 16. Dezember änderte die Lava plötzlich ihren Lauf, floss nicht mehr ins Meer, sondern verschüttete das Dorf Chupadero und vernichtete die fruchtbare Ebene von Uga.

Am 7. Januar 1731 kam es zu neuen Ausbrüchen, die die früheren Krater wieder zerstörten. Aus zwei Öffnungen brach Lava heraus, begleitet von dichten Rauchwolken, in denen rote und blaue Blitze tobten. Dazu donnerte es wie bei Gewittern, was für die Bewohner sehr erschreckend war, da sie auf ihrer Insel keine Gewitter kannten.

Am 10. Januar türmte sich ein hoher Berg auf, der noch am selben Tag wieder in sich zusammenstürzte. Steine und Asche regneten auf die Insel und Lavaströme flossen über den Malpaís ins Meer.

Am 7. März entstanden gleich mehrere Vulkane, die sich in einer Reihe von Ost nach West erhoben.

Am 4. Juni öffneten sich in der Timanfaya-Region drei Krater auf einmal. Sie verbanden sich schnell zu einem einzigen Vulkankegel, aus dem ein Lavastrom ins Meer floss. Aus einem Nebenkrater schossen Asche und Blitze heraus, aus einem anderen entwich weißer Dampf, wie man ihn bisher nicht gesehen hatte. Ende Juni waren alle Küsten an der Westseite der Insel mit riesigen Mengen von toten Fischen bedeckt, von denen man viele Arten noch nie gekannt hatte. Nordwestlich von Yaiza stiegen mit heftigen Detonationen Rauch und Flammen aus dem Meer empor.

Im Oktober und November verstörten neue Eruptionen die Einwohner. Am 25. Dezember fühlte man das stärkste aller Erdbeben, und am 28. Dezember schoss ein Lavastrom aus einem neu entstandenen Kegel, zerstörte ein weiteres Dorf und eine Kapelle bei Yaiza …“

An dieser Stelle brechen die chronologischen Notizen des Priesters ab. Don Andrés Lorenzo Curbelo konnte wahrscheinlich nicht mehr länger im schwer bedrohten Yaiza bleiben, er floh mit vielen anderen Inselbewohnern nach Gran Canaria. Die Eruptionen sollten noch fünf Jahre dauern.

Wir fotografieren wie wild und wissen, dass bei Fotos aus dem Bus raus wegen im Weg sitzender Leute und Spiegeleffekten nur ein Bruchteil der Bilder brauchbar sein wird.

Zum dritten Mal erleben wir nun diese Tour, und es ist immer wieder faszinierend und eindrucksvoll.

Wir erfahren unter anderem, dass innerhalb der ersten 5 Monate der Eruptionen die Hälfte der Bevölkerung Lanzarotes emigirerte. Entweder auf die Nachbarinseln oder nach Venzuela oder Kuba. Wenn sie nach Südamerika gingen, dann ohne Chance auf eine Rückkehr. Noch nicht mal 3% der Einwanderer sind waren so erfolgreich, dass sie zurückkehren konnten. Wer es in der Fremde zu nichts brachte, kam auch nicht heim. Wie auch? Dafür fehlten ihm die Mittel. Es kam natürlich vor, dass nach zwei oder drei Generationen die Nachkommen die Heimat ihrer Eltern besuchten.

Die moderne Emigration verläuft anders: Von Afrika auf die Kanaren.

Auch von der Flora und Fauna im Timanfaya-Nationalpark ist die Rede. Man sollte angesichts der kargen Mondlandschaft ja nicht glauben, dass es so was da überhaupt gibt. Aber hat Vögel und Insekten, Flechten und das oben bereits erwähnte Dornengestrüpp. Das größte Tier, das im Park lebt, ist der Aasgeier.

Und auch vom Klimawandel erzählt man uns. Nicht nur wir in Deutschland merken, dass die Sommer immer heißer werden, der Herbst stürmischer und die Winter unberechenbar. Auch auf Lanzarote tut sich was. Vor zwei und vor drei Jahren gab es mehr Regen als je zuvor. Das hatte ein erhöhtes Pflanzenwachstum zur Folge und eine Rekordernte im Weingebiet La Geria.

Weiter geht’s. Wir kommen durch Yaiza. Die malerische Ortschaft im Süden von Lanzarote wurde mehrfach als schönstes Dorf Spaniens ausgezeichnet. Die Vulkanausbrüche des 18. Jahrhunderts haben auch in Yaiza eine Vielzahl von Gebäuden vernichtet Eine kleine Säule mit Gedenktafel erinnert in Yaiza an die Verwüstungen der Jahre 1730 bis 1736. Sie ist dem damaligen Pfarrer von Yaiza, Don Andres Lorenzo Curbelo, gewidmet. Durch seine Tagebuchaufzeichnungen wurden die Eruptionen des Timanfaya für die Nachwelt dokumentiert. Siehe oben.

Wir fahren durch Uga, der Heimat der Kamele. Uga ist das Zentrum der Kamelzucht auf Lanzarote. Hier also sind die bei den Besuchern des Nationalparks Timanfaya heiß begehrten Dromedare beheimatet. Das recht einträgliche Geschäft mit den kamelreitenden Touristen hat einige Familien im Dorf wohlhabend gemacht.

El Golfo – der grüne Kratersee
Unser nächstes Ziel ist El Golfo. Weniger das Fischerdorf selbst als der grüne Kratersee, der sich südlich davon befindet. Jetzt kenne ich die Insel schon seit 13 Jahren, war mehrfach hier und habe bis eben geglaubt, dass der Kratersee El Golfo hieße. Stimmt nicht. Er heißt Charco de los Clicos. Der Name stammt von einer essbaren Art Meeresfrüchten, den Clicos, die früher gehäuft an diesem Ort vorkamen. Ich habe das jetzt im Nachhinein gelesen – aber noch nie zuvor gehört. Ich schwöre, dass das noch kein Reiseleiter jemals erwähnt hat.

Wie dem auch sei – El Golfo der Charco de los Clicos – es ist ein großer, unter Naturschutz stehender, teilweise im Meer versunkener Vulkankrater, in dem sich eine Lagune gebildet hat, die etwa 30 Meter von der Küste entfernt liegt. Sie müssen einen neuen Zugang gebaut haben, in den Jahren, in denen wir nicht da waren. Früher konnte man von oben einen Blick auf den Kratersee werfen – und wurde beim Hinunterspähen fast vom Felsen geweht. Diesmal näherten wir uns der Sehenswürdigkeit auf See-Ebene.

Dieser Vulkankrater ist ein seltenes Beispiel des Hydrovulkanismus – der Interaktion zwischen Lava und Wasser, die meistens an der Küste vorkommt. Die markante grüne Farbe der Lagune entsteht durch die Alge Ruppia Maritima, die bei dem extrem hohen Salzgehalt des Sees gut gedeiht. Mit etwas Glück findet man in der Umgebung Olivin, ein durch Vulkanismus entstandenes Mineral, aus dem man Schmucksteine herstellen kann.

Die inzwischen abgesperrte grüne Lagune verdunstet in den letzten Jahren leider immer mehr und besitzt heute nur noch einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe. Durch unterirdische Verbindungen zum Meer strömt Meerwasser in die Lagune nach, und sorgt für ständigen Ausgleich. Dieses Gleichgewicht der Natur ist seit einigen Jahren gestört. Wissenschaftler suchen verzweifelt nach Ursachen, damit dieses einmalige Naturwunder nicht für immer verschwindet.

Los Hervideros
„Los Hervideros“, das sind die Klippen zwischen den Salinas de Janubio und dem Golfo-Krater – vom Meer ausgewaschene Löcher im Lavagestein. Auf winkligen Pfaden und über Steintreppen kann man diese natürlichen Höhlen aus der Nähe besichtigen. Viele dieser Treppen und Zugänge müssen auch neueren Datums sein, Ich kann mich nicht erinnern, dem Schauspiel früher einmal so nahe gekommen zu sein. Und wenn ich die Möglichkeit habe, irgendwo rein- oder raufzuklettern, um etwas besser zu sehen, dann nutze ich die.

Der Name bedeutet wohl so was die „Siedekessel“. Laut Reiseführer sollte folgendes passieren:

„Dem Besucher bietet sich hier ein bizarres Schauspiel, in dem die Wellen des Meeres mit Urgewalt gegen die schroffen Felsen knallen. Die Wellen erzeugen eine kochende Gischt, die einen wunderschönen Kontrast zum schwarzen Lavagestein bilden. Teilweise spritzen die Wasserfontänen turmhoch. Das Wasser hat mit seiner Kraft Löcher und Schneisen in die Felsen geschlagen, und die Lava an dieser Küste grottenartig ausgehöhlt. Hier kann man sich stundenlang aufhalten und diesem Naturschauspiel zuschauen.“

Ja … wenn starke Westwinde das Meer aufwühlen! Bei uns war es windstill und es kochte nix. Aber wir kennen das Schauspiel noch von früheren Besuchen. Wir glauben es auch so. Wind und Wetter ordnen sich noch nicht dem Timing der Touristen unter. Und das ist ganz gut so.

Auf die Salinen und den schwarzen Lavasandstrand von Janubio warfen wir nur einen Blick im Vorbeifahren.

La Geria
Der letzte Stopp auf der Nortour ist das Weinbaugebiet La Geria, das uns, neben dem Timanfaya-Nationalpark und El Golfo – dem Krater –bei unseren Besuchen auf der Insel am meisten beeindruckt hat.

La Geria bezeichnet ein 5.255 Hektar großes Gebiet im geographischen Zentrum der Kanareninsel Lanzarote, auf dem sich auf eine spezielle Art bestellte Kulturflächen befinden. Es erstreckt sich etwa zwischen Yaiza und San Bartolomé am Rande des Timanfaya-Nationalparks. Überwiegend für den Weinanbau genutzt, bildet das Naturschutzgebiet La Geria das größte Weinanbaugebiet der Kanarischen Inseln. Es wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

Faszinierend ist das Farbspiel von schwarzer Lava, grüner Rebstöcke, weißen Anwesen und rötlich schimmernder Berge. Diese farblichen Kontraste von La Geria sowie die einmalige Anbaumethode veranlasste das Museum of Modern Art in New York in den 1960er Jahren dazu, die grandiose Kulturlandschaft La Geria zum Gesamtkunstwerk zu erklären.

Nach den schweren Vulkanausbrüchen in den Jahren 1730 bis 1736 wurde hier ein Gebiet mit einer dicken Schicht Vulkanasche bedeckt, mit mächtigen Lapillischichten (genannt: picón) von 1 bis 2,5 Metern Dicke. Wohl zunächst aus der Not heraus entwickelte sich hier eine erfolgreiche, besondere Art von Trockenfeldbau.

Um wieder an fruchtbaren Boden zu gelangen, wurden trichterförmige Vertiefungen in die Lapillischicht gegraben und an ihren Grund jeweils eine einzelne Pflanze gesetzt. Die grobporige Schicht lässt die mit 100 bis 200 mm pro Jahr sehr geringen, fast ausschließlich im Winter fallenden Niederschläge schnell in den durchwurzelten Boden versickern. Gleichzeitig verringert sie – neben einem seitlichen Abfließen des Wassers und der damit verbundenen Erosion – durch ihre geringe Kapillarwirkung und Wärmeleitfähigkeit die Verdunstungsverluste. Zusätzlich zu der Vertiefung schützen oft noch halbkreisförmige Mauern aus basaltischen Lavabrocken die einzeln wachsenden Reben vor den teils kräftigen Winden.

Der in dieser reizvollen Umgebung entstehende Wein wird bevorzugt aus den Rebsorten Moscatel und Malvasier hergestellt. Die lanzarotenischen Weinbauern produzieren mit Unterstützung der starken Sonneneinstrahlung auf dieser Kulturlandschaft etwa fünf Millionen Liter Wein pro Jahr

Zwischen den Weinstöcken werden vereinzelt Feigenbäume gepflanzt. Die hier auch mehr Feigensträucher sind.

Natürlich gehört auch eine Weinprobe dazu. Doch bei der Malvasier-Verkostung erwies sich alles als für unseren Geschmack zu süß. So kamen wir nicht ins Geschäft, wohl aber schnell aus der Bodega La Geria wieder hinaus – und zu vielen Fotos.

Gegen 14 Uhr geht es wieder zurück ins Hotel und an Pool. Am Getränkeautomaten beobachten wir einen hoffnungsvollen „Jungchemiker“, einen kleine Steppke, der kaum die Getränkehahnen erreicht. Dennoch schafft er es, von allem, was da angeboten wurde, ein bisschen was in ein Glas zu füllen. Cola, Bier, Sprite, Mineralwasser, Apfelsaft …

Ich hab schon drauf gewartet, dass das Zeug im Glas blau anläuft und zu rauchen anfängt. Stolz trägt er seine kreative Mischung fort. Ob er sie selber trinkt oder einem ahnungslosen Geschwisterchen andreht …? Wie auch immer – da kein Krankenwagen gekommen ist, werden alle Beteiligten das Experiment unbeschadet überstanden haben. Vielleicht hat er das Gepansch auch einfach weggeschüttet.

Mittwoch, 25. Juli 2007: Die Nordtour

Wieder so ein buckliger Abholtermin: 8:59 Uhr! Wer macht denn so was? Der Bus ist fast pünktlich. Unsere Reiseleiterin heißt Silvana, der Bus und sein Fahrer sind dieselben wir gestern auf der Kratertour: Bus Nr. 61, gefahren von Luciano. So setzen wir uns auch an den selben Platz wie am Vortag. Links vorne.

Unsere Tour wird folgende Stationen umfassen: Jameos del Agua * Mirador del Rio * Los Valles * Teguise – und zurück.

Auf dem Weg zu den Höhlen fahren wir durch Arrecife. Für deutsche Verhältnisse sei das ein etwas größeres Dorf, sagt Silvana.

Als wir ein auf einer Verkehrsinsel stehendes riesiges Windspiel passieren, erklärt sie uns, dass an dieser Stelle vor im Jahr 1992 der Inselkünstler César Manrique bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Auf dem Friedhof in Haria ist er begraben. Wenn wir das gewusst hätten! In Haria waren wir schon mehrmals, da hätten wir doch sein Grab besuchen können!

Silvana zählt uns die Kanaren-Inseln der Größe nach auf:

  • Teneriffa
  • Fuerteventura
  • Gran Canaria
  • Lanzarote
  • La Palma
  • Gomera
  • Hierro
  • Allerlei Lausiges
    Da wir für einen Besuch der Jameos del Agua sind wir noch zu früh dran sind, machen wir vorher eine kleinen Abstecher nach Guatiza und Mala, zwei Dörfer, in denen die Kochenille-Laus gezüchtet wird, die roten Farbstoff liefert für die Kosmetik- und Lebensmittel-Industrie. Selbst Campari arbeitet angeblich mit diesem Farbstoff.

    Die Läuse werden auf Kakteenfeldern gezüchtet, auf den Opuntien-Pflanzen, die selbst im malpaís gedeihen, also auf schlechtem Boden. Die Früchte der Opuntien, die Kaktusfeigen, sind auch für den menschlichen Verzehr geeignet. Sie sind reif ab August und man macht Marmelade, Gelee und Likör daraus. Allerdings lohnt sich die Ernte kaum, und so bleiben die Feigen oft an den Kakteen, fallen runter und vergammeln. Man könnte sie also, weil sie keiner will, im Vorbeigehen mitnehmen. Aber Vorsicht: Sie stechen!

    Hauptzweck des Opuntien-Anbaus ist nun mal die Läusezucht. Die Kochenille-Laus (Cocus cacti), schmarotzt auf den Kaktuspflanzen und bildet dabei den begehrten Farbstoff der Karminsäure.

    Kaktus und Laus stammen eigentlich aus Mexiko, werden auf den Kanarischen Inseln angesiedelt, nachdem Don Ildefonso Ruiz del Rio im Jahr 1820 der königlichen Wirtschaftskammer in Cadiz ein Läuse-Exemplar vorgeführt hat. Am 29. Juni 1822 beschloss der spanische König Fernando VII, die Laus in Spanien anzusiedeln. Ab ca. 1831 kam sie auf die Kanaren.

    Wenn das Wetter mitspielt, können pro Jahr 5 Läuse-Generationen geerntet werden. Das heißt, es werden die dicken, mit Karmin prallvollen Larven, die die Opuntien überziehen, abgesammelt, Die geschlechtsreifen Tiere spielen für die Farbstoffgewinnung keine Rolle. Die Läuseernte ist kein besonders gut bezahltes Geschäft, es ist meist ein Nebenjob für Rentner.

    Im Rhythmus von 2.5 bis 3 Monaten werden die Larven von den Opuntien abgestreift, im Wasser abgetötet, an der Sonne getrocknet und verkauft. 1 kg entspricht ca. 150.000 Larven. Pro Hektar Land können 350 – 400 kg Läuse geerntet werden.

    Wir sind immer noch zu früh dran für die Höhle, die erst um 10 Uhr öffnet und fahren noch schnell an César Manriques Kaktusgarten vorbei. Zum Hineingehen reicht es nicht. (Den Garten werden wir beim nächsten Ausflug besuchen.).

    Jameos del Agua
    Nun wird’s aber Zeit für die Jameos del Agua. Sie sind trotz früher Stunde schon sehr gut besucht. Es wuselt. Wir bekommen unsere Eintrittskarten und stürzen uns ebenfalls ins Getümmel.

    Die Jameos del Agua gehören zu einem unterirdischen Lavatunnel, der vor ca. 3.000 Jahren entstanden ist. Die Lava stammt vom Monto Corona und floss die Steilküste von Famara hinunter. Oben erstarrte das Magma, unter der Oberfläche fl0ss es munter weiter. Dabei bildeten sich Höhlengänge. Der Unterirdische Kanal ist bis zu seinem Austritt in den Atlantik 6.100 m lang. Aus erhöhter Position kann man seinen Verlauf erkennen, weil seine Oberfläche an vielen Stellen wie ein Tunneldach gewölbt ist.

    Jameo heißt Kessel, und wo das Dach des Tunnels eingebrochen ist, entstand eben ein „Jameo“.

    Unter César Manriques Aufsicht wurde in die Jameos del Agua ein Restaurant, eine Bühne, ein Pool – in dem das Baden mittlerweile nicht mehr erlaubt ist – sowie ein Kongress- und Kulturzentrum und ein Auditorium eingebaut. Anscheinend gibt es in den Höhlen auch „die schönsten Klos der Insel“. Aber das hat man uns erst nach unserem Besuch der Höhlen gesagt. Und so waren wir nicht drin und konnten uns nicht vom Wahrheitsgehalt der Behauptung überzeugen.

    Ein bisschen was von Disneyland hat das in der Höhle schon, aber es ist eben die manriquesche Variante. Ob nun kitschig oder nicht – wir fanden die Höhlen eindrucksvoll und machten viele Fotos. (Waren die Jameos del Agua nicht der Wohnsitz des Teufels im legendären TV-Mehrteiler „Tim Thaler“?)

    Bis zum Treffpunkt am Bus ist noch Zeit, also besuchen wir das angrenzende Vulkanmuseum. Leider ohne Führung. So etwas bekomme ich lieber erklärt, als dass ich mir die Erläuterungen selbst übersetze und mich in eigener Regie eindenken muss. Das Fach-Vokabular fehlt einem bei solchen speziellen Themen sowieso.

    Mirador del RioDie nächste Station ist der Mirador del Rio auf dem „Risco de Famara“ in 480 m Höhe. Hier hat César Manrique die alte Artelleriestellung „Batterias del Rio“ zu einem Aussichtspunkt umgebaut. „El Rio“ heißt die Meerenge, die die Insel Lanzarote von der Insel La Graciosa trennt. Der Mirador del Rio ist eine der frühen Arbeiten Manriques und wird von Architektur-Kritikern als eines der gelungensten Bauwerke überhaupt gefeiert. Leider ist es ziemlich diesig und der Ausblick auf La Graciosa nicht wirklich klar.

    Wie wir – wieder mal nachträglich – erfahren, hätte es eine Treppe nach ganz oben gegeben. Man hätte dem Mirador sozusagen aufs Dach steigen können. Aber, na ja, wenn es diesig ist, bringt ein noch höherer Ausguck auch nichts.

    Trockenfeld-Bau<
    Auf der Fahrt nach Teguise erfahren wir ein bisschen was über die hiesige Trockenfeld-Anbauweise. Um etwas zu pflanzen, wir ein Krater gegraben und der Mutterboden mit Ziegendung gemischt. Die Mischung trocknet etwa einen Monat lang in der Sonne. Dann kommen 20 cm Lapilli (Vulkanasche) daüber. Wenn es regnet oder taut, dringt das Wasser in die Lapilli ein und die Feuchtigkeit sickert in den Mutterboden.

    Gleichzeitig sind die Lapilli ein Schutz für den Mutterboden. Sie werden vom Wind als erstes weggeweht und schützen den Boden so also vor Erosion. Und auch vor Austrocknung.

    Die Felder werden im Winter bestellt, wenn es regnet. Es hat hier ja nie weniger als 14 Grad. Im Sommer würde nichts wachsen, da kein Regen fällt. Dieses Jahr fiel kaum Regen, deshalb wurden manche Zwiebelfelder nicht mehr bestellt. Die Zwiebel ist das landwirtschaftliche Hauptprodukt der Insel.

    Haria
    Wir kommen an Haria vorbei, das Dorf im Tal der 1.000 Palmen. Wenn hier ein Junge geboren wird, werden zwei Palmen gepflanzt, bei Geburt eines Mädchens nur eine. So will es die Tradition.

    In Haria hatte César Manrique seinen Alterssitz, und hier ist er auch beerdigt. Wir haben leider nicht mal angehalten um Haria von oben fotografieren zu können. Es gibt nur diesige Fotos aus dem Bus raus.

    Los Valles
    Wir passieren Los Valles, wo einige der wenigen noch erhaltenen Profanbauten aus dem Conquista-Jahrhundert zu sehen sind. In diese Gegend flüchteten viele Insulaner bei den Vulkanausbrüchen im 18. Jahrhundert. Auf der Insel gibt es zwei Kartoffelernten im Jahr und die besten Kartoffeln kommen angeblich aus Los Valles.

    Am Straßenrand sehen wir Agavenblüten. Und Reiseleiterin Silvana erzählt uns, dass diese Afavenblüten manchmal als „Weihnachtsbaum“ zum Einsatz kommen. Nadelbäume müssten importiert werden – also werden die getrockneten Blüten „gefällt“, mit Gold besprüht, dekoriert und daheim als Weihnachtsbaum aufgestellt. Heutzutage gibt es natürlich auch viele künstliche Weihnachtstannen in den Wohnzimmern.

    Teguise
    Um 12:45 Uhr kommen wir in Teguise an. Wir erfahren, dass Teguise im Jahr 1418 gegründet wurde und bis zum Jahr 1852 Hauptstadt und Bischofssitz war, Man dachte, im Landesinneren sei man sicherer vor Piratenüberfällen, von denen es in Teguise aber dennoch reichlich gab. Im Jahr 1586 plünderten und brandschatzten die Algerier die Stadt, im selben Jahr noch mal die Engländer und 1618 kamen die Berber. An dieses Gemetzel erinnert die Callejón de la Sangre, die Gasse des Blutes. Die Stadt wurde geplündert, die Einwohner verschleppt und in die Sklaverei verkauft.

    Ich war jetzt noch nie in Südamerika, aber man sagt, architektonisch erinnere Teguise an Orte in Mexiko oder Kuba. Hier hat’s überhaupt keine maurischen Formen. Jetzt, wo sie’s sagen … Ein bisschen streng und trutzig wirkt das Städtchen schon. Sind das die Merkmale der hispanisch amerikanischen Architektur? Na, dann!

    In der Kirche Virgin Guadelupe entdecken wir eine Christus-Statue mit angeklebter Echthaar-Perücke. Da hat wohl eine Frau ihre Haare geopfert. Das wirkt nicht nur alt und staubig sondern auch ein bisschen makaber-gruselig. Als wäre es ein ekeliges Artefakt aus einem Voodoo-Ritual und nichts aus einer katholischen Kirche.

    Wir haben versucht, den Kunsthandwerker wiederzufinden, bei dem wir vor 13 Jahren auf einen Tipp meines Kollegen hin Ringe gekauft haben. Aber die Gassen ähneln sich alle und wir haben den Laden nicht mehr gefunden. Ich hätte im alten Fotoalbum nach der Adresse auf der Visitenkarte gucken sollen! Vielleicht gibt es das Geschäft auch längst nicht mehr.

    Um 13:30 Uhr sind wir wieder am Bus verabredet. Und dann geht es zurück. Am Wegesrand sehen wir bunte Strelizien blühen, die es bei uns nur in Blumenläden gibt. „Die typischen Blumen der Kanaren“, sagt Silvana.

    In Tahiche sehen wir Graffiti und Plakate mit der Aufschrift „No al a carretera“. Damit protestieren die Einwohner gegen Pläne, die Straße vierspurig auszubauen. Eine „Rennstrecke“ wollen die Leute hier nicht haben. Wer wird sich wohl durchsetzen?

    Gegen 14:30 Uhr sind wir wieder im Hotel.

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