Fuerteventura 2006, Teil 3: Südtour II

22. Juli: Ausflug in den Süden „Villa Winter und Cofete“

  • Der Hafen von Morro Jable
  • Piste; „Ziegenweg“ nach Cofete
  • Barranca dos Mosquitos mit endemischen/einheimischen Pflanzen, u.a. Kameldorn, Cardon (eine Euphorbienart)
  • Punto de la Vento (windiger Aussichtspunkt)
  • Cofete (Bretterhütten und eine Bar) <
  • Strand von Cofete
  • Villa Winter
  • Punto Jandia (mit Leuchtturm)
  • Puerto de la Cruz, Mittagessen im Fischrestaurant El Caleton
  • Playa des Ojos
  • Caleta de la Madeira
  • Punta Pesebre
  • TUI-AUSFLUGSBESCHREIBUNG:

    Villa Winter und Cofete
    (Jandia und Costa Calma)
    Mit einer kleinen, individuellen Gruppe entdecken Sie die “mystische” Seite des Südens von Fuerteventura. Sie lernen eine einzigartige Pflanzenwelt kennen und entscheiden selbst wo unterwegs gegessen wird. Über eine Piste geht es zum Kapo und in Richtung Cofete, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Noch bevor Sie das Dorf erreichen, bietet sich Ihnen ein traumhafter Ausblick auf die Westküste von Jandia. Ein Ziel Ihres Ausflugs ist die sagenumwobene Villa Winter hinter Cofete. Sie liegt direkt oberhalb eines fast 12 km langen Sandstrandes am Fuße des Pico de la Zarza, des höchsten Berges der Insel.

    Diesmal waren es noch weniger Reiseteilnehmer. Nur 8 hatten Platz in dem kleinen, geländegängigen Bus. Der Reiseleiter hieß Fauzi, stammte aus Tunesien und sprach ein ganz annehmbares Deutsch. Er sei schon sehr lange in der Touristikbranche, erzählte er, habe aber Job wie Animation oder Tennislehrer zugunsten familienfreundlicherer Arbeitszeiten aufgegeben und arbeite nun als Reiseführer.

    Um 9.56 ging es los. Ich fand meinen Platz ganz hinten im Bus, Gerhard neben dem Fahrer, was ihm tolle Aufnahmen aus dem Fahrzeug heraus ermöglichte.

    Als erstes machten wir einen Abstecher in den Hafen von Morro Jable und ließen uns bei einem Fischhändler zeigen, was hier alles gefangen wird. An Papageienfische und Barracudas kann ich mich erinnern. Sonst kenne ich mich sowieso nicht aus mit den verschiedenen Arten.

    Hatte ich mich gefragt, was zum Geier an diesem bisschen Ausflug einen ganzen Tag dauern soll, wurde mir das jetzt klar: Es ging hier nicht über gepflegte Straßen sondern über Schotterpisten, teilweise im Schritttempo. Nun ja, wenn wir so unterwegs sind, dauert das freilich bis zum Abendessen!

    Wir bekamen diverse endemische Pflanzen zu sehen, niedrige Kameldornbüsche und giftige Euophorbien, deren Gift man früher zur Betäubung der Jagdtiere genommen hat. Ähnlich wie die Indianer Südamerikas mit dem Curare umgingen. Wurde die Giftpflanze samt dem Jagdverfahren von nordafrikanischen Verbannungsopfern auf die Insel mitgebracht?

    Fauzi zeigte uns einen Kaktus namens Cardon sowie rote Flechten auf den Steinen, die die Engländer als Farbstoff für die Anilinfarben benutzt haben. Steine mit Salz und Muscheln zeigen, dass die Insel sich aus dem Meer erhoben hat. Und wir erhielten auch hier die Auskunft, dass Fuerteventura eine sehr alte Insel sei mit starker Erosion. Tagsüber wird es in dieser Einöde bis zu 80 bis 90° C heiß, nachts ist es kühl und feucht, die Steine zerbersten zu Sand.

    Den „Ziegenweg“ bekamen wir zu sehen, den Vorläufer zur Straße nach Cofete. Noch heute gibt es im Juli eine Prozession, die über diesen Weg führt. In rund drei Stunden gelangt man auf diesem Weg von Jandia nach Cofete. Bei dieser Hitze das aber auch Geschmacksache!

    Der nächste Weg führte uns in eine Geisterstadt, eine kleine Ansiedlung, in der die Leute früher Tomaten angepflanzt hatten, dies aber aufgaben und wegzogen, als es sich nicht mehr lohnte. Heute arbeiten sie vermutlich im Tourismus und Ort gehört den wilden Ziegen, die sich an einer Wasserstelle einfinden.

    Vor 30 Jahren war da, wo heute die Hotels stehen, auch nur Wildnis, erklärte uns der Reiseführer. Genau so ein wildes, ödes Land wie hier, im Hinterland von Cofete.

    Nach einer weiteren Fahrt durch unwegsames Gelände kamen wir an einen extrem windigen Aussichtspunkt, der den passenden Namen „Punto de la Ventio“ trug. Man musste schon sehr aufpassen, damit es einen nicht wegwehte. Zum Glück war ich so schlau gewesen, nicht in einem Rock auf diesen Ausflug zu gehen, sonst wäre ich hier im Freien gestanden.

    Der Reiseleiter war ganz begeistert von den Gesteinsschichten in dieser Gegend. Sie erinnerten ihn an Marmorkuchen. Und in der Tag, die Farbigkeit und die Struktur erweckte entsprechende Assoziationen.

    Die Südhalbinsel, so erzählte uns Fauzi, sei ein Teil eines Vulkankraters – was ihre Form erklärt. Die Hälfte des Kraters befinde sich unter Wasser. La Pared – die Gegend mit den Wanderdünen – bildet eine Brücke zwischen dem südlichen und nördlichen Teil der Insel.

    Jetzt ging es weiter nach Cofete und damit der sagenumwobenen Villa Winter entgegen. Von Cofete war ich enttäuscht. Vernachlässigte Terrassenfelder, ein paar baufällige Hütten, eine Kirche, eine Kneipe. Das sah nicht sehr einladend aus. Im Mittelalter, sagte Fauzi, sei die Gegend die Kornkammer der Insel gewesen, man hätte Weizen und Mais angebaut. Heute ist das nur noch eine ärmliche Feriensiedlung für Einheimische. Jetzt weiß ich, was der Falk-Reisführer unter „etwas heruntergekommen“ versteht.

    Hier sahen wir auch das Ende des „Ziegenwegs“, der von Jandia nach Cofete führt.

    In Cofete selbst hielten wir uns nicht auf. Zum Glück. Es ging am Friedhof vorbei direkt an den Stand, Playa Cofete. Es war diesig, feucht und fast menschenleer. Gerade mal ein Paar hatte sich dort niedergelassen und ging in wieder ins Wasser. Das Baden ist dort wegen der Strömungen sehr riskant.

    Durch den Dunst und die Menschenleere, die hohen Wellen, die Stille und die gedämpften Farben, herrschte an dem Playa Cofete eine geradezu unheimliche Stimmung. Wäre nicht ab und zu mal eine Colaflasche am Strand herumgelegen, hätte man sich wie auf einem fremden Planeten fühlen können. Ich musste immer an den SF-Roman „Ancient Shores“ von Jack McDevitt denken.

    Wir gingen den menschenleeren Strand entlang in Richtung Süden, bis es Zeit wurde, wieder zum Bus zurückzukehren und zur Villa Winter zu fahren. Die Villa Winter war die einzige Sehenswürdigkeit auf Fuerteventura, von der ich schon vor unseren Reisevorbereitungen gehört hatte. Sie muss wohl von irgendwelchen Verschwörungstheoretikern im Internet erwähnt worden sein.

    Was man weiß, ist, dass Gustav Winter 1893 in Deutschland geboren wurde. Er verbrachte viele Jahre als Ingenieur in Spanien und ließ sich in den 30-er Jahren in Jandia nieder.1937 pachtete er die Halbinsel. Es ist ferner dokumentiert, dass er im Jahr 1938 Admiral Wilhelm Canaris, den Chef des deutschen Geheimdienstes, zu einer Projektbesprechung traf.

    Danach kamen Arbeiter aus Deutschland nach Jandia, und 1940 wurde mit dem Bau der Villa Winter begonnen – nach Entwürfen Gustav Winters.

    1941 verkaufte die gräfliche Familie ihren Besitz (Jandia) an eine spanische Gesellschaft, die Gustav Winter als Verwalter einsetzte. Kurz darauf erklärte die spanische Regierung Jandia zur geschlossenen Militärzone. Und das ist der Moment, an dem die Gerüchte, Spekulationen und Verschwörungstheorien anfangen. Was danach nämlich in der Villa Winter passierte, weiß niemand so genau. Jedenfalls kamen im Zweiten Weltkrieg viele U-Boote zum Auftanken nach Fuerteventura, trotz Spaniens angeblicher Neutralität. Taucher berichten, dass bei Cofete in 200 Metern Tiefe ein U-Boot-Wrack liegt.

    Es gibt eine ganze Reihe wüster Gerüchte. Um Schiffsbau bzw. einen U-Boot-Stützpunkt für die Nazis soll es gegangen sein … Ein Tunnel soll von der Villa bis an den Strand runter führen und die U-Boote sollen auch dazu genutzt worden sein, um geflohene Nazis nach Südamerika zu schaffen. Eine andere Theorie besagt, die Villa Winter sei als Exilsitz für Adolf Hitler geplant gewesen …

    Unter der Regie von „Don Gustavo“ entwickelte sich die El Golfo-Region nach dem Krieg wieder zu einem wichtigen Weidegebiet. 1968 bekam er die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen auf Jandia von der Gesellschaft geschenkt. 1971 starb Gustav Winter, ohne die Geheimnisse seiner Villa gelüftet zu haben.

    Wir hörten, die Villa sei nie fertiggestellt worden, er halbe also dort gar nicht gewohnt. Nichts Genaues weiß man nicht, die Villa ist nie von einer unabhängigen Kommission untersucht worden. Es pilgern nur mehr oder weniger Neugierige dorthin und schauen sich das alles an. Ab und zu rennen mal welche mit Metallsuchgeräten durch die Gegend.

    Heute kann man wenigstens rein in die Villa – sofern man die halsbrecherische Piste passieren kann, die dort hinaufführt. Vor Jahren noch soll das Gelände von Hunden bewacht und nicht zugänglich gewesen sein, was den Gerüchten noch mehr Vorschub leistete.

    Die Villa wird von drei Geschwistern in den 70-ern bewohnt, die da mehr schlecht und recht mit Hühnern, Ziegen und Katzen hausen. Und für ein bisschen Trinkgeld dankbar sind. Die Villa ist mindestens so baufällig und heruntergekommen wie das benachbarte Cofete, und das ist eine wahre Schande. Warum man da kein Museum draus macht? Interessant genug wäre die Geschichte ja. Vielleicht stellt es ein Problem dar, dass die Villa inmitten eines Naturschutzgebiets liegt. Das hat schon die Pläne der Firma in Las Palmas vereitelt, der sie heute gehört: Sie wollte ein Hotel daraus machen.

    Also rottet und gammelt die Villa eben vor sich hin und bleibt eine Pilgerstätte für Verschwörungstheoretiker. Viel sieht man darin sowieso nicht. Keine alten Möbel oder so. Nur einen wild bewucherten Innenhof und den mehr als ärmlichen Hausrat der drei alten Geschwister.

    Im Hof trafen wir ein junges Schweizer Paar, das mit uns im selben Hotel wohnte und auf eigene Faust mit dem Mietwagen in der Villa war. Als wir uns größten, fragte der Reiseleiter: „Kennen Sie sich“. Wir: „Aus dem Hotel“. Und durften sich die beiden unserer Führung anschließen.

    Nach einer kurzen Zigarettenpause hinter dem Haus ging es danach über die Schotterpiste an die Steilküste an der Südwestspitze, in den kleinen Fischerort Puerto de la Cruz. Bekannt wurde der Ort durch seinen modernen Windgenerator, der mittlerweile sein Wahrzeichen darstellt. Der Generator ging nie in Betrieb, weil seine Leistung für die paar Einwohner viel zu stark ist. Murks und Fehlplanungen sind eben international!

    Murks war auch der Fuji-Film, mit dem ich in im äußersten Westen der Insel fotografiert habe. Die Hälfte der Bilder war schwarz, was mir mit dieser Kamera noch nie passiert ist.

    Wir machten Mittagspause in der Tapas-Bar El Caleton, auf der Terrasse mit Meerblick. Nach der Pause ging es zum Punto de Jandia, der Westspitze der Insel. Dort steht seit 1950 der Leuchtturm Faro de Jandia. Bei klarem Himmel sieht man bis nach Gran Canaria. Wir konnten die Nachbarinsel eher ahnen.

    Hier im Südwesten ist die zweitschmalste Stelle der Insel. In den 50-er Jahren gab es so schwere Stürme, dass sich das die Wellen von beiden Seiten des Meeres hier über Land berührt haben. „Die Wellen küssen sich“, sagen die Leute. Und wir dachten, wir sind froh, dieses Naturschauspiel nicht miterleben zu müssen.

    Und wieder hieß es, in den Bus zu klettern, eine kurze Pistenstrecke zu absolvieren und beim nächsten Highlight wieder aus dem Fahrzeug herauszukrabbeln. Es ging zum Playa de Ojos, auch an der Westküste, aber etwas weiter nördlich. Eine atemberaubende Steilküste mit verschiedenfarbigen Gesteinsschichten. Ein bisschen sah das aus wie eine bunte Variante des Baumkuchens. Ich kann nichts dafür, der Reiseleiter hat mit den Kuchenvergleichen angefangen! Unten hat es nahezu unzugängliche Strände, was vielleicht auch besser so ist, denn das Baden dort ist sehr gefährlich.

    Noch etwas weiter nördlich kam der nächste Aussichtspunkt, Calete de la Madeira, nicht ganz so farbenfroh wie der Playa de Ojos, aber nichtsdestotrotz eindrucksvoll – und windig.

    Der letzte Haltepunkt auf dieser Tour war der Punta Pesebre. An dieser Steilküste befindet sich jede Menge schwarzen Vulkangesteins. Schaut man von der Klippe runter, sieht es unten ein bisschen aus wie ein Amphitheater. Vielleicht gibt’s da wirklich regelmäßige Fischkonzerte, wie der Reiseleiter witzelte.

    Ein letztes Mal hievten wir unsere müden Knochen und die eingestaubten Klamotten und Brillen in den Bus zurück, und nun ging es über die Schotterpiste auf die Straße nach Jandia, und wieder zurück in die Hotels. Gegen 16:30 Uhr waren wir wieder „daheim“.

    Am Abend traten vier Sänger aus Südafrika in der Hotelbar auf, drei Männer, eine Frau. Sie sangen Songs aus den 50-er und 70-er Jahren, von den Platters und diverse Motown-Stücke. Nicht schlecht. Hier ist die Musik sowieso um Klassen besser als in vielen anderen Hotels. Die Gruppe fordert zum Mitsingen auf, was Gerhard natürlich begeistert macht. Der grauhaarige Bass kommt von der Bühne, zeigt auf ihn und röhrt: „I like that voice“. Sie hören es, wenn einer was kann. Immer.

    Fortsetzung folgt

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