Nein, mir ist nicht langweilig!

„Ist es nicht furchtbar langweilig, jetzt, wo dein Mann nicht mehr da ist“?, fragte mich ein Bekannter, der mich hauptsächlich auf geschäftlicher Ebene kennt und von meinem Privatleben kaum etwas weiß. „Was machst du denn abends? Viel fernsehen?“

Öh, ja, das würde ich gerne, wenn ich denn dazu käme! Ich bin ja schon immer wie vom wilden Affen gebissen durch mein Leben gerast und hätte am besten an vier Stellen gleichzeitig sein sollen. Die Gefahr, dass der Stress weniger wird, wenn man keinen Partner mehr hat, der einen Teil der Pflichten übernimmt, tendiert stark gegen Null.

Ich habe einen Vollzeitjob – und wieder einmal Ärger wegen der vielen Überstunden. Ich verbringe täglich über eine Pendlerstunde im Zug und lese. Ich hab einen Haushalt und einen Garten, drei Katzen, einen Vater weit jenseits der 80, der zwar – toi, toi, toi – noch relativ fit ist, aber doch hier und da Hilfe braucht. Wir telefonieren jeden Abend, weil wir nicht am selben Ort wohnen und ich wissen will, wie es ihm geht und ob ich etwas für ihn tun kann. Oder muss.

Ich bin Mitbetreiber zweier Internetseiten. Eine dritte ist in Planung. Ich lese viel und schreibe im Schnitt jede Woche eine Buchbesprechung. Und ich verwalte ein halbes Dutzend Wohnungen.

Als Gerhard noch lebte, war vieles einfacher. Er hat eingekauft und gekocht, die Post aus dem Postfach geholt und sich um den ganzen technischen Kram gekümmert. Und jetzt? Jetzt stehe ich alleine da. Telefon zickt? Heizung spinnt? Lampe flackert? Klodeckel wackelt? Ich muss mich darum kümmern und brauche schlimmstenfalls jemanden, der mir hilft.

Seine Eltern haben Probleme mit einer Versicherung? In den vermieteten Wohnungen gibt es Ärger mit einem bellenden Hund, einer kaputten Duschkabine und einem saumseligen Handwerker, der jetzt bald ein Jahr herumtrödelt statt den Motor für das Tiefgaragentor zu installieren? Früher hätte ich zum Mann gesagt: „Kannst du dich da bitte mal kümmern?“, jetzt renne ich, telefoniere und organisiere ich alles selber.

Wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, versorge ich die Tiere, krame im Haushalt, sichte die Post – und dann ist der Tag auch schon fast gelaufen. Vielleicht habe ich Glück und kann mir was zu essen machen. Vielleicht sehe ich auch noch was vom Fernsehprogramm. Aber meist geht der Telefonmarathon los, kaum dass ich die Wohnung betreten habe. Tagsüber im Großraumbüro kann ich Privates nicht gut verhandeln, also rufen alle, die etwas mit mir besprechen wollen oder müssen, zwischen 19 und 21 Uhr an. Da ich morgens um 4:50 Uhr aufstehe, bin ich eigentlich nach der Tagesschau schon platt und penne vor dem Fernseher – wenn man mich lässt.

Samstags mache ich die Wäsche und renne wie angebrannt durch die Gemeinde, um möglichst alles einzukaufen, was ich die Woche über brauche. Samstag nachmittags bin ich bei meinem Vater. Sonntags mache ich meinen Bürokram und gehe vielleicht spazieren, wenn das Wetter gut ist und keine anderweitigen Verpflichtungen anstehen. Manchmal schaffe ich es sogar, die „Lindenstraße“ zu sehen, ohne dass zwischendrin jemand anruft.

Nee, Leute, nee, langweilig war mir zuletzt im Geographieunterricht der 8. Klasse. Das ist rund 40 Jahre her. Seitdem bin ich irgendwie nicht mehr dazu gekommen.

Einen Sanitärfachmann für die kaputte Dusche scheine ich nun zu haben. Was ich jetzt noch brauche, ist ein Sanierungsgutachter, einen zuverlässigen Bauleiter und jemand, der mir ein paar geschäftliche Zeilen ins Litauische übersetzt. Ich bin dran!

Ob mein Leben als Witwe einsam ist? Möglich. Keine Ahnung. Wenn ja, dann habe ich bis jetzt noch keine Zeit gehabt, es zu bemerken.

Ein Arbeitsplatz im Büro (mit Regenschirm als Blendschutz) …

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… und ein weiterer daheim:

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Und hier noch zwei von drei Katzen, Cooniebert und Yannick:

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