Der Aua-Hahn und andere Wahrnehmungsstörungen

Das kleine Gemälde vom Auerhahn hing wahrscheinlich schon vor meiner Geburt an einer Wand meines Elternhauses. Als ich so im Kindergartenalter war, befand es sich im Flur, und ich dachte lange Zeit, der Vogel hieße „Aua“-Hahn. Es schrie ja auch auf dem Bild. Vielleicht tat ihm etwas weh.

Maler: Unbekannt, Foto: Edith Nebel
Maler: Unbekannt, Foto: Edith Nebel

Vor ein paar Wochen kam in einer Diskussion im Internet die Sprache auf das Bild und ich dachte, jetzt muss ich doch mal gucken, ob es noch irgendwo hängt. Wahrscheinlich ist das jetzt peinlich, aber obwohl ich in meinem elterlichen Haus ein- und ausgehe, nehme ich solche Dinge wie Bilder an der Wand nicht bewusst wahr. Okay, was im Wohnzimmer hängt ist groß genug, um selbst mir aufzufallen und im Gedächtnis zu bleiben, aber das sonstige Deko-Gedöns, das sich im Haus verteilt, habe ich nie wirklich registriert.

Vor Jahrzehnten hingen im Treppenaufgang Porträts japanischer Damen im Kimono. Die Bilder stammten aus einem sündhaft teuren Wandkalender, den mein Vater von einem Geschäftspartner geschenkt bekommen hatte. Die Fotos waren ein echter Hingucker, und jeder, der zum ersten Mal ins Haus kam, hat dazu einen Kommentar abgegeben. Aber ob die heute noch dort hängen? Ich war zwar erst gestern dort, aber ich weiß es nicht. Vielleicht wurden sie von Schmetterlingsfotos abgelöst. Davon hängen auch jede Menge im Haus herum, aber ich wüsste jetzt nicht genau, wo.

Das war schon immer so. Ich bin ein lausiger Beobachter. Meine Mutter hat immer hingebungsvoll das Haus dekoriert und ich habe nichts davon zur Kenntnis genommen. Ein frischer Türkranz? Andere Pflanzen? Neue Vorhänge? Öh, nö, habe ich nicht darauf geachtet. Person X hat 10 Kilo abgenommen, Person Y hat mit dem Rauchen aufgehört? Tatsächlich? Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich habe nicht einmal registriert, dass mein langjähriger Kollege irgendwann seinen Vollbart abgenommen hat und nur noch einen Schnäuzer übrigließ. Ja, irgendwie schaute er auf einmal komisch aus, aber ich konnte die Veränderung nicht benennen.

Mag sein, dass irgendwo ganz am Rande meines Bewusstseins für einen Moment die Frage aufflackert: „Hm, war das eigentlich schon immer so?“ Aber das vergesse ich schnell wieder.

Ich weiß nicht, welche Autos meine Nachbarn, Verwandten und Bekannten fahren, es sei denn, sie hätten ein einprägsames KFZ-Kennzeichen. Und ich erkenne meine Nachbarn, sofern ich mit ihnen keinen Kontakt pflege, außerhalb unserer Straße nicht wieder. Die blonde Krankenschwester aus Haus Nr. 3 muss mich für vollkommen bescheuert halten – ich habe sie weder erkannt, als sie mich in Stuttgart an der Stadtbahnhaltestelle ansprach, noch als mir neulich auf dem Gehweg entgegenkam. Erst als sie in Richtung ihres Hauseingangs abbog, dämmerte mir: „Ach Gott, das ist ja die, die ich schon mal nicht wiedererkannt habe!“

Dafür kann ich heute noch Geschichten und Anekdoten von und über Menschen erzählen, mit denen ich vor Jahrzehnten zu tun hatte. Meine Kollegin Barbara H. beim Schulbuchverlag hat in den 80er-Jahren bei einer Radio-Chartshow für den Titel „It’s Raining Men“ von den Weather Girls abgestimmt. Und der Kater einer Kollegin bei der Bank ist mit dem Kopf im Karton steckengeblieben, als er die Lebensmitteleinkäufe seines Frauchens begutachtete. Das dürfte knapp 30 Jahre her sein.
Völlig unnützes Wissen.

Tatsächlich reicht mein Geschichtenfundus bis in die Kindergartenzeit zurück. Es ist tatsächlich passiert, dass mir auf einer Feier eine Geschäftsfrau vorgestellt wurde und mir spontan einfiel: „Die kennste doch noch vom Kindergarten!“ Und da war sie beim Theaterspielen so hoffnungslos unbegabt, dass schließlich Bärbel aus unserer Straße ihre Rolle übernehmen musste. Das ist fast 50 Jahre her, und ich kann noch das Theaterstück und die Textzeile nennen, an der das Mädchen seinerzeit gescheitert ist.

Ich weiß auch noch Telefonnummern von Leuten, mit denen ich 25 Jahren keinen Kontakt mehr habe. Mein Gedächtnis funktioniert also – allerdings sehr selektiv. Und irgendwie nicht bei Bildern.

Zurück zum „Aua-Hahn“: Ich raste also durch mein Elternhaus, buchstäblich vom Keller bis zum Dachboden und suchte dieses Bild. Irgendwann rief ich: „Ich habe es gefunden!“
Mein Vater war etwas irritiert. „Was suchst du überhaupt?“
„Das Bild vom Auerhahn.“
„Auerhahn …? Ach ja, das habe ich mal aus Österreich mitgebracht. Und wo hast du das jetzt gefunden?“
„Im Treppenhaus. Rechts neben dem Sicherungskasten hängt es.“
„Tatsächlich?“, staunte mein Vater. „Dann muss ich es wohl irgendwann da hingehängt haben.“

Aha. Anscheinend ist das Problem erblich.

2 Kommentare

  1. hihi, krass, ich erkenne auch schonmal Leute nicht außerhalb der vertrauten Umgebung, d.h. Zahnarzthelferinnen beim Aldi oder so. Dann denke ich, die kennste irgendwoher, aber woher bloß. Ein bißchen peinlich ist das, wenn die halt denken ich bin unfreundlich, aber ich halt partout nicht weiß, wo ich die hinsortieren soll. Oder Allerweltsgesichter wie der Mann meiner Bekannten, bis ich den mal alleine erkannt habe, hat’s gedauert. Du bist also nicht alleine 🙂

    Zu der Aua-Hahn-Sache: ich hab auch steif und fest behauptet eine weitläufige Freundin von mir hieße Esta und nicht Esther, weil mir der Name nicht geläufig sein. Auch ein Blutaugust (erguß) gehörte zu Kinderzeiten zu meinem Sprachschatz.

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