5 Monate später

„Wenn das Schlimmste erst einmal eingetreten ist, muss man es wenigstens nicht mehr befürchten“, schrieb kürzlich eine Bloggerin, deren Leben drei Jahrzehnte lang von der Erkrankung eines nahen Angehörigen dominiert wurde. „Der Ausnahmezustand war bei uns der Normalzustand.“

Wenn ich ehrlich bin, war das bei uns die letzten zwei, drei Jahre auch so. Krankheiten waren schon viele Jahre ein Thema, aber eben nicht das vorherrschende. Gesundheitliche Probleme werden schleichend schlimmer – bis sich alle Beteiligten fragen: „Ist das jetzt mein Leben? So habe ich mir das aber nicht vorgestellt!“ Erhofft und gewünscht habe ich mir natürlich Besserung und Heilung. Dass mein Partner stirbt, war eine entsetzlich radikale Lösung. Das Leben kann so ein Schwein sein!

Die ersten drei Monate habe ich gedacht, ich werde verrückt. Es gab zu allem Übel ein paar sehr unerfreuliche Reaktionen auf den Tod meines Partners. Es gibt schon Sozialtrampel auf der Welt! Und manche scheinen extra Freude daran zu haben, noch mal kräftig nachzutreten, wenn einer eh schon am Boden liegt.

Ja, nu. Der Mensch gewöhnt sich irgendwie an alles. Auch an den Gedanken, dass derjenige, den man zwei Drittel des bisherigen Lebens an seiner Seite hatte, nie wieder nach Hause kommen wird.

Jetzt, wo ich mich nicht mehr angstvoll fragen muss, was ich heute antreffen werde, wenn ich nach Hause komme, lebe ich friedlicher. Probleme habe ich natürlich trotzdem – vor allem praktisch-technisch-organisatorischer Natur. Mein Leben ist auch nicht weniger hektisch geworden. Mehr Alltagskram als ich bewältigen kann, habe ich noch immer am Hals. Klar – ich muss ja jetzt alles alleine regeln. Und auch das Wegorganisieren von irgendwelchem Gedöns kostet Zeit und Energie. Geld natürlich auch.

Natürlich denke immer noch sehr häufig: „Oh, das hätte ihm gefallen! Das hätte ich ihm gerne erzählt!“ Wenn Geschäftsbriefe, E-Mails oder Anrufe für ihn kommen, ist das immer noch schlimm. Auch wenn ich abends aus der Firma komme und in Richtung des Klinikums gehe, in dem er so lange war, springt mich die Erinnerung an. Damals war ich auch allein daheim, aber ich wusste ihn physisch in der Nähe, konnte ihn besuchen und abends mit ihm telefonieren. Das war noch eine Zeit der Hoffnung. Vorbei.

Im Großen und Ganzen ist es schon okay so, wie ich gerade lebe. Ich bin ja von Haus aus eher ein Einsiedlerkrebs. Und wenn die älteren Bekannten und Verwandten es gut meinen und sagen, ich sei ja noch (relativ) jung, ich würd mir schon wieder einen Mann finden, dann denke ich mir: „O Gott, bloß das nicht!“

Eine Freundin zitiert manchmal sinngemäß eine Komödiantin mit den Worten: „Da haste dann den gleichen Scheiß wie vorher, nur mit ‚nem fremden Kerl.“ 🙂 Außerdem: Männer in meiner Altersklasse hatten ja normalerweise schon mal eine Familie. Da müsste ich mich dann mit Ex-Partnerinnen, fremden Kindern und womöglich noch Enkeln rumärgern, die mich naturgemäß alle ganz furchtbar fänden. Nee, Leute, das fällt aus wegen ist nicht! Das ist wirklich keine Option.

Foto: Edith Nebel
Foto: Edith Nebel

2 Kommentare

  1. Liebe Edith,

    gut, dass du einen ersten Schluss gefunden hast. Wie treffend du die Dinge beschreibst ist wirllich gut und wie es scheint, stehst du sicher auf beiden Füßen. Mir hat deine Haltung von Anbeginn imponiert, du bist so fantastisch praktisch. Meine größte Bewunderung dafür. Ich weiß wirklich nicht, wie ich reagieren würde, wenn meine Liebe plötzlich aus meinem Leben treten würde? Du weißt ja, der Tod hat uns schon einige Male gestreift und niemand gibt Garantien für das Leben. Wir haben uns vor Jahren geschworen, gemeinsam abzutreten, so es denn sein muss. Ich will nicht allein leben und darüber nachdenken, was als Nächstes geschehen könnte! Ich will aber auch nicht meine Liebe vermissen müssen, auch wenn sie mir ziemlich viel abfordert. Tja, uns so sitze ich schon wieder da und denke darüber nach, was wohl wäre, wenn …
    Denke oft auch an dich und möchte dich hier herzlich grüßen, Rainer

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.