Monika Wittblum, Sandra Lüpkes: Woran erkennt man ein Arschloch?

Monika Wittblum, Sandra Lüpkes: Woran erkennt man ein Arschloch? – Für jeden Quälgeist eine Lösung, München 2013, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-20030-2, Softcover, 221 Seiten, Format: 0,4 x 13,6 x 2,4 cm, Buch: EUR 16,99 (D), EUR 17,50 (D), Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: (c) Heyne Verlag
Abbildung: (c) Heyne Verlag

„In den Nuancen sind A***löcher (…) verschieden, doch eines haben sie alle gemeinsam: Ihnen fehlt ein gesundes, stabiles Gespür für sich selbst. Sie haben kein Urvertrauen ausbilden können, dass sie angenommen und akzeptiert werden, wie sie nun mal sind. Sie wissen beim besten Willen nicht, was sie als Mensch eigentlich auszeichnet. Um dies auszugleichen, greifen sie zu unterschiedlichen und oft extremen Mitteln, erhöhen sich und ihre Bedürfnisse so sehr, dass sie sich von der Gesellschaft abheben.“ (Seite 41/42)

Jeder kennt sie, keiner mag sie, es gibt sie in den verschiedensten Ausprägungen und sie machen uns allen das Leben schwer. Die Rede ist von A***löchern. Die Autorinnen – Kriminalpsychologin Monika Wittblum und Krimi-Autorin Sandra Lüpkes – nähern sich dem Thema mit wissenschaftlicher Gründlichkeit. Von der Begriffsdefinition geht es zur Frage, ob A***löcher es eigentlich im Leben weiter bringen als andere Leute, ob sich im CT feststellen lässt, welche Gehirnregionen aktiv sind, wenn man sich wie ein A***loch aufführt und ob man dagegen irgendwas tun kann. Schlechte Nachricht: Herausausoperieren kann man da nichts.

Einen Menschen mit Lebenserfahrung wird auch diese Erkenntnis der Autorinnen auch nicht überraschen: „Mitgefühl, Zusammengehörigkeit und Vertrauen – die Eckpfeiler der Menschlichkeit – kann man nur lernen, wenn man es als Kind selbst erfahren hat. Anders formuliert: Niemand wird als Widerling geboren.“ (Seite 21)

Die Autorinnen machen sich Gedanken darüber, ob es Lebensbereiche mit erhöhter A***lochdichte gibt, ob das typische A***loch männlich oder weiblich ist, und ob alle, die sich entsprechend benehmen, dies vorsätzlich tun. Es gibt ja auch Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, die sich anders verhalten, als die Gesellschaft es von ihnen erwartet. Denen das Etikett „A***loch“ anzuheften, wäre unfair:

  • Borderliner sind impulsiv und sprunghaft. Für sie gibt es nur Extreme: Hass oder Liebe, Freund oder Feind. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie.
  • Histrioniker glauben, dass sich alles um sie dreht. Sie sind überaus emotional, egozentrisch und extrovertiert und haben ein übersteigertes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.
  • Narzissten haben eine übertriebene Vorstellung von ihrer Wichtigkeit, wollen stets eine Sonderstellung einnehmen, sind eitel, manipulativ und kritikunfähig.
  • Personen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung denken, dass nur Verlierer sich an Regeln und Gesetze halten. Sie sind gefühlskalt, können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und haben kein Schuldbewusstsein.

Auch Kombinationen verschiedener Störungen sind möglich. Es ist jeweils nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung (1 – 3 %) betroffen, aber es ist durchaus möglich, dass man einem solchen Menschen begegnet.

Im Verhalten vieler Alltagsa***löcher finden sich auch Elemente antisozialer Persönlichkeitsstörungen. Doch ob das Verhalten nun krankhaft ist oder nicht – die Person wird sich nicht ändern, weil das grundlegende Problem ihr verschobenes Selbstbild ist: „Ich bin absolut in Ordnung und die anderen haben alle irgendwie einen Knall.“

Ja, und was macht man nun, wenn man es mit einem A***loch zu tun hat und ihm nicht ausweichen kann? Das kommt ganz darauf an, meinen die Autorinnen, beschreiben 12 gängige A***lochtypen und geben Tipps für den Umgang mit ihnen.

  1. Der Abgreifer schmückt sich skrupellos mit den Leistungen seiner Mitmenschen.
  2. Der Besserwisser belehrt sogar Experten auf ihrem Fachgebiet, auch wenn er keine Ahnung hat.
  3. Der Choleriker tobt aus nichtigem Anlass und versetzt sein Umfeld in Angst und Schrecken.
  4. Der Distanzlose rückt einem zu dicht auf die Pelle und erzählt Privatkram, den man gar nicht wissen will.
  5. Der Lügner ist so gut im Fabulieren, dass selbst die schlauesten Köpfe auf ihn hereinfallen.
  6. Der Missgönner, auch als Neidhammel bekannt, erträgt es nicht, wenn jemand zufrieden ist und macht alles madig.
  7. Das Pseudoa***loch betrachtet jedes berechtigte Anliegen an ihn als Zumutung, grummelt, grantelt und erwartet für alles, was er tut, erst mal einen Kniefall.
  8. Der Querulant fühlt sich immer ungerecht behandelt, macht wegen Nichtigkeiten einen Riesenaufstand und zieht gerne vor Gericht.
  9. Der Radfahrer buckelt nach oben und tritt nach unten.
  10. Der Schnorrer nutzt seine Mitmenschen aus und erbringt nie eine Gegenleistung.
  11. Der Unheilsprophet sagt jedem Plan das Scheitern voraus. Vorfreunde kennt er nicht.
  12. Der Verharmloser redet alles schön und gesteht anderen ihre Ängste und Bedenken nicht zu.

Fallbeispiele machen die verschiedenen A***lochtypen und den möglichen Umgang mit ihnen anschaulich. Man wird kein Psychologe und kein Menschenflüsterer, wenn man das alles gelesen hat, aber manche A***löcher wird man künftig beizeiten richtig einschätzen und vielleicht auch austricksen können. Andere wird man labern lassen müssen, weil man weiß, dass Diskussionen zwecklos wären. Manche Leute haben einfach Probleme, die nichts mit ihrem Gegenüber zu tun haben. Zu denen dringt man nicht durch. Eine weitere A***loch-Gruppe ist derart destruktiv und unangenehm im Umgang, dass man sich ernsthaft fragen muss ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, sich ihrem Einfluss zu entziehen.

Natürlich wird man Bekannte in dieser Typologie wiederfinden: „Das ist der Herr X“ – „Genau so macht’s die Frau Y auch immer!“ Und wenn man ehrlich ist, erkennt man sich in der einen oder anderen Verhaltensweise auch selbst wieder und wird sich die bange Frage stellen, ob man denn auch ein A***loch ist. Das kann man mit den Fragen auf den Seiten 209 bis 212 testen. Man sollte nicht allzu enttäuscht sein, wenn man ein gewisses Potential bei sich entdeckt. Das haben wir alle. Heilige sind rar.

Abschließend bedanken sich die Autorinnen u.a. „bei allen A***löchern, die ihnen bislang über den Weg gelaufen sind und somit die Gelegenheit boten, mal über das Thema nachzudenken.“ (Seite 217/218). Das Sammeln der Fallbeispiele hat sicher Spaß gemacht. Spaß hat auch der Leser. A***löcher, sicher zwischen zwei Buchdeckel gepresst, sind sehr unterhaltsam. Und man lernt tatsächlich auch etwas fürs Leben.

Die Autorinnen
Monika Wittblum, geboren 1959, hat Psychologie und Psychiatrie studiert. Seit 2001 arbeitet sie als Kriminalpsychologin und Referentin in den Feldern Forensik, Täter-Profiling, Vernehmungsstrategien und Coaching. Der Vorsatz „ich will versuchen zu verstehen“ prägt ihren Umgang mit Tätern, aber auch mit den Titelhelden dieses Buches.
Sandra Lüpkes, geb. 1971, ist eine der etabliertesten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum. In ihren Romanen und Kurzgeschichten erforscht sie mit Vorliebe die Abgründe, die ganz „normale“ Menschen zu Verbrechern werden lassen. Sie hat zwei vielbeachtete und in mehrere Sprachen übersetzte Ratgeber zum Thema Trennung und Wiederheirat verfasst.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.