Julia Heaberlin: Stell dich tot – Thriller

Julia Heaberlin: Stell dich tot – Thriller, OT: Playing Dead, Deutsch von Christine Blum, München 2014, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-423-21526-8, Softcover, 383 Seiten, Format: 19,2 x 11,8 x 3,2 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Ich erzählte ihr alles: von meinem Besuch im Gefängnis bei Anthony Marchetti; alle Details des ungelösten Mordes an Jennifer Coogan; von dem kleinen Mädchen mit meiner Sozialversicherungsnummer, das auf einem Friedhof in Chicago lag; von dem gemailten Foto von Alyssa Bennett, die vor über 30 Jahren mit ihrer gesamten Familie bei einem Mafia-Massaker umgekommen war (…). Von meiner Sorge, dass Jack Smith nicht der war, für den er sich ausgab.“ (Seite 195)

Wer seine Thriller lebensnah und realistisch mag, ist hier falsch. Alles an diesem Roman ist irgendwie überlebensgroß: Die handelnden Personen sind superschön, superreich, supersportlich, superschlau, supergut vernetzt, supertaff, schießen wie John Wayne und erleben in vier Wochen mehr als andere Menschen in 90 Jahren. Würde die Fernsehserie DALLAS als Thriller wiedergeboren, sähe das Baby aus wie STELL DICH TOT. Es ist ein Schmarrn, aber einer, der Spaß macht.

„Hast du dich jemals gefragt, wer du bist?“ (Seite 11), schreibt eine unbekannte Frau an Tommie McCloud. Das hat sie (Tommie ist eine Frau!) natürlich nicht. Sie weiß ja, wer sie ist: eine 32jährige Kinderpsychologin und Hippotherapeutin aus Ponder, Texas, die Tochter des Öl- und Gas-Multimillionärs William T. McCloud und seiner Frau Ingrid geb. Kessler, einer ehemaligen Barpianistin. Tommie ist ferner die Schwester von Sadie (27) und Tucker, der jetzt 44 wäre, wenn er nicht mit 18 einen tödlichen Autounfall gehabt hätte. Sie ist die Tante von Maddie (9), Single und die Ex-Verlobte des einflussreichen Sicherheitsunternehmers Hudson Byrde.

Die Briefschreiberin allerdings, Rosalina Marchetti aus Chicago, hält Tommie für ihre vor 31 Jahren entführte Tochter Adriana. Ihr Vater wäre dann der Mafiaboss Anthony Marchetti, der lebenslänglich einsitzt, weil er den FBI-Agenten Frederick Bennet samt dessen ganzer Familie brutal ermordet hat. Jetzt wäre es das einfachste, die Eltern McCloud zu befragen, doch William ist vor zwei Wochen verstorben und Ingrid ist dement und lebt in einem Pflegeheim. Von ihr ist keine Auskunft mehr zu erwarten.

Tommie hätte den Brief vielleicht als Schreiben einer Verrückten abgetan, wenn es nicht vor zwei Jahren eine Unstimmigkeit mit ihrer Sozialversicherungsnummer gegeben hätte. Damals hat sie eine neue bekommen, weil in ihrer alten der falsche Geburtsort codiert war: nicht Fort Worth sondern – Chicago.

Aus heiterem Himmel taucht der aalglatte und aufdringliche Journalist Jack R. Smith auf, der sich aus fadenscheinigen Gründen an Tommies Fersen heftet und plötzlich ein paar Schlägertypen der Mafia am Hals hat. Als auch noch Sadie McCloud zugibt, seit Jahren gewusst zu haben, dass William nicht Tommies Vater ist, wirft Tommie ihren Job als Therapeutin hin und widmet sich Vollzeit der Erforschung der McCloudschen Familiengeheimnisse.

Schon die Sichtung der Familienunterlagen ergibt, dass Mama tatsächlich etwas zu verbergen gehabt hat. Wie hieß sie denn eigentlich vor ihrer Ehe? Ingrid Kessler? Ingrid Mitchell? Ingrid Roth? Genoveve Roth? Auf all diese Namen gibt’s Papiere. Und warum hat sie Zeitungsausschnitte aus allen Teilen der USA aufgehoben? Was hat ihr zum Beispiel Jennifer Coogan, eine vor 25 Jahren in Oklahoma ermordete Schönheitskönigin, bedeutet? Wie kann es außerdem sein, dass Tommies erste Sozialversicherungsnummer eigentlich einer gewissen Susan Bridget Adams aus Chicago gehört, die als Kleinkind einen tödlichen Unfall hatte? (Wenn sie erst wüsste, wer diese „Nummernübertragung“ arrangiert hat …!)

Tommie besucht die Briefschreiberin Rosalina Marchetti – eigentlich Rosie Lopez -, die entweder total neben der Spur ist oder eine geheime Agenda verfolgt. Jedenfalls erzählt sie auf einmal eine ganz andere Geschichte als die, die ihrem Brief an Tommie stand.

Tommies Besuche bei den Familien von Susan Bridget Adams und der ermordeten Schönheitskönigin Coogan werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Auch das Gespräch mit der Ex-Journalistin Barbara Munroe, die seinerzeit intensiv über den Mafia-Mord an der Familie Bennett berichtet hat, ist nicht besonders ergiebig. Obwohl … kann es sein, dass es eine Verbindung zwischen den Morden an Coogan und den Bennetts gibt? Oder bildet sich Tommie das nur ein? Es liegen immerhin sechs Jahre und 1.000 Kilometer zwischen den Fällen.

Tommie McCloud reist kreuz und quer durchs Land auf der Suche nach ihrer wahren Familiengeschichte, stets verfolgt von kriminellen Elementen, die genau das verhindern wollen. Ihr Ex, Hudson Byrde, hat alle Hände voll zu tun, um sie zu beschützen. Zwar hat sie von ihrem Vater und dessen Compagnon Wade schon als Kind das Schießen gelernt und geht nie ohne Waffe aus dem Haus, aber die Knaben, die hinter ihr her sind, sind Profis und meinen es ernst. Tommie wird verfolgt, bedroht, genötigt und unter Beschuss genommen. Raue Cowboysitten herrschen da in Texas. Aber dass wissen wir ja schon aus DALLAS:

Am Schluss ist kaum einer das, was er vorgab zu sein und nichts ist so, wie Tommie und die Leser geglaubt haben. Der ganze ist eine durchkonstruierte seifenoperartige Räuberpistole mit superheldenähnlichen Figuren. Die Karrierepläne der Heldin Tommie haben allen Ernstes zwischen Konzertpianistin und professioneller Rodeoreiterin geschwankt, bis ein Unfall beide Möglichkeiten zunichte machte und sie Psychologie studierte.

Realistisch ist die Geschichte nicht, aber in sich stimmig ist sie schon. Autorin Julia Heaberlin hat auf alle Fragen, die der Leser sich stellen könnte, eine Antwort. Und man kann nicht aufhören zu lesen, weil man partout wissen will, wer Ingrid wirklich war und welches Ziel die verschiedenen Personen in dem Roman eigentlich verfolgen. Sie sagen ja alle viel, aber kaum je die Wahrheit.

Als Europäer sieht man außerdem alle Vorurteile gegenüber schießwütigen Rednecks bestätigt … sofern man solche hat. Das also kommt dabei heraus, wenn vom Schulkind bis zur Omi jeder Gipskopf bewaffnet rumrennt und losballert, sobald ihm was gegen den Strich geht. In diesem realitätsfernen und überkandidelten Roman gehört das unbedingt dazu und man nimmt es als gegeben hin, auch wenn man im wahren Leben von dieser Art der Problemlösung gar nichts hält.

Die Autorin
Julia Heaberlin ist Journalistin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Dallas/Fort Worth. Dies ist ihr erster Roman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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